Kulturpolitik
Im "Tagesspiegel" spricht Nicola Kuhn mit Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, über die Bedrohung des Bauhauses durch die AfD. Steiner erwartet bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich stärkere AfD-Stimmenanteile und warnt vor einem verengten, deutschnationalen Kulturbegriff. Die Partei nutze ähnliche Begriffe wie die Anti-Moderne vor hundert Jahren – etwa "Traditionsfeindlichkeit, Heimatverlust, Wurzellosigkeit". Kultur sei für die politische Auseinandersetzung zentral, weil dort Vorstellungen von Normalität und Identität entstünden. Steiner will trotz möglicher Etatkürzungen bleiben: "Um entschlossen für das Bauhaus einzustehen, dafür brauche ich keine AfD."
Ebenfalls im "Tagesspiegel" rekonstruiert Dominik Lenze, wie sich rechte Medien und die AfD auf das Berliner Volksbad einschossen. Auslöser war eine geplante exklusive Schwimmveranstaltung für Schwarze Kinder und Jugendliche, die nach Drohungen abgesagt wurde. Den Auftakt machte "Nius" mit der Behauptung, das Volksbad "schließt weiße Menschen vom Schwimmen aus". "Bild", "Welt", Apollo News und AfD-Politiker griffen das Thema auf, Alice Weidel sprach von "Apartheid". Schließlich rief der Brandenburger AfD-Politiker Dennis Hohloch "Alle Weißen morgen ab 12 Uhr ins Volksbad!". Laut Lenze blieb der befürchtete Ansturm aus, weil das Schwimmbad geschlossen war; einige AfD-Anhänger erschienen später dennoch vor Ort.
Kunstmarkt
Im "Baer Faxt Podcast" diskutieren Josh Baer, Marc Spiegler, ehemaliger CEO von Art Basel, und die Kunstberaterin Amy Cappellazzo, warum das Galeriemodell weiterhin in der Krise steckt. Ausgehend von Spieglers viel diskutiertem „New York Times“-Text geht es um strukturelle Probleme, die schon vor der aktuellen Flaute bestanden, aber auch um Preistransparenz und die Frage, wie Galerien Kosten senken könnten. Die drei, die zusammen mehr als ein Jahrhundert Erfahrung im Kunstbetrieb haben, wollen dabei nicht bloß lamentieren, sondern nach Lösungen suchen. Ihre Diagnose fällt dennoch ernüchternd aus: FOMO sei kein Geschäftsmodell, Hoffnung keine Strategie.
Videokunst
Zum 20. Todestag widmet das Watari-UM in Tokio Nam June Paik eine Retrospektive. "Ocula" spricht mit Kurator Hikaru Watari über fünf Werke, die Paiks Interesse an Medien, Zufall, Ökologie und Zeit zeigen – von "Hand and Faces "(1961) über "TV Egg" (1982) bis zu "New Candle" (1993). Paik habe Technologie stets als Werkzeug verstanden: "Entscheidend war nicht die Technologie an sich, sondern das, was er mit ihr zum Ausdruck bringen konnte." "TV Egg" etwa mache aus einem CRT-Projektor und einem Glasei eine Meditation über Ursprung und Unendlichkeit. Paiks berühmter Satz "Das Fernsehen ist ein diktatorisches Medium" wirkt laut Zhong heute besonders aktuell: "Ich glaube, Widerspruch ist das, was Demokratie ausmacht."
Stadtkultur
Der Schriftsteller Navid Kermani (58) kritisiert eine "Verballermannisierung" seiner Wahlheimat Köln. "Viele Jahre lang war es erklärte Politik der Stadtspitze, Köln nicht als Kulturstadt in Szene zu setzen, sondern als Eventstadt", sagte Kermani der Deutschen Presse-Agentur. "Die Stadt wurde so zur deutschen Party-Metropole." Die Auswüchse dieser Entwicklung würden in den Massenbesäufnissen zu Karneval besonders offensichtlich. "Es ist eine Kultur der Hemmungslosigkeit, die sich über den Karneval hinaus ausgebreitet hat." Der Friedenspreisträger Kermani hat seiner Wahlheimat jetzt erstmals ein Buch gewidmet: "Köln. E Jeföhl", erschienen im C.H. Beck-Verlag. Als er in den 1980er-Jahren zum Studium nach Köln gekommen sei, habe die Stadt international als Kunst- und Kulturmetropole ausgestrahlt, erinnert er sich. "Damals sind wahnsinnig viele Leute wegen der Kultur nach Köln gezogen. Köln war die In-Stadt für Kunst- und Kulturschaffende, für bildende Künstler, Musiker." Diesen überragenden Status habe die Stadt schon lange eingebüßt. Zum Teil habe das einfach damit zu tun, dass nach dem Mauerfall Berlin die Rolle der großen Kulturmetropole übernommen habe, aber zum Teil sei der Niedergang auch hausgemacht. "Denken wir nur an den Einsturz des Stadtarchivs und die Endlos-Sanierung von Oper und Schauspielhaus – so etwas passiert ja nicht im luftleeren Raum, das ist auch das Ergebnis einer langen Vernachlässigung und bindet unglaublich viel Geld, das dann an anderer Stelle fehlt." In den letzten Kommunal-Wahlkämpfen habe Kultur überhaupt keine Rolle mehr gespielt. "Das ist für eine Stadt wie Köln, die sich ja gleichsam über Kunst und Kultur definiert, die über so großartige Baudenkmäler verfügt und über eine so reiche kulturelle Infrastruktur, schon ein Armutszeugnis." Zumal sich die große Begeisterungsfähigkeit der Menschen für kulturelle Angebote erhalten habe. Das Thema, das den Wahlkampf des vergangenen Jahrs beherrschte, war die Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Auch hier sei die Stadtverwaltung mit in der Verantwortung, weil sie ein schlechtes Vorbild abgebe, sagte Kermani. So drohe der Bastei, einem Aussichtsrestaurant im expressionistischen Stil von 1924, der Abriss, weil es komplett baufällig sei. "Für mich und viele andere ist das eines der schönsten Gebäude der Stadt. Und solche Fälle von absoluter Lieblosigkeit sind natürlich nicht dazu geeignet, die Einwohner dazu anzuhalten, selbst mehr acht auf ihre Umgebung zu geben." Gleichzeitig bekennt der in Siegen geborene Sohn iranischer Eltern: "Ich liebe Köln – wenn ich Kritik übe, dann nur aus Zuneigung. Ich wüsste keine Stadt in Deutschland, in der ich lieber wohnen würde." Zum einen schätze er das Alter der Stadt. "Mit einem Schritt überwindet man hier 1000, 2000 Jahre, indem man aus der Fußgängerzone in eine romanische Kirche eintritt oder plötzlich vor einer römischen Ruine steht. Und dieses Alter, das gibt der Stadt eine geschichtliche, aber auch spirituelle Tiefe, die mir sehr viel bedeutet." Dazu komme - ein Klischee, aber eben auch Realität – dass der hier ansässige Menschenschlag auffallend freundlich und zugewandt sei. "Seit ich in Köln lebe, gehören Diversität und Toleranz zur DNA dieser Stadt. Es ist kein Wunder, dass Köln die erste Stadt in Deutschland war, die den Christopher Street Day etabliert hat. Dass Köln die erste Stadt war, in der es Massendemonstrationen mit Hunderttausenden Menschen gegen Rassismus gab. Und das zeigt sich eben auch im Kleinen. Deshalb sollte die Stadt unbedingt wieder mehr Stolz für das entwickeln, was sie eigentlich ausmacht, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Toleranz."