Medienschau

"Banksy war viele – jetzt ist er nur noch einer"

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Bedauern nach Banksys Enttarnung, Christine Sun Kim im Porträt und russischer Archäologe wird an Ukraine ausgeliefert: Das ist unsere Medienschau am Mittwoch

Street-Art

Hat Reuters mit der Enttarnung Banksys der Welt einen Gefallen getan? Nein, sie sei "unnötig und ärgerlich", meint Nikolaus Bernau im "Tagesspiegel". Er kritisiert die "datenschutzrechtlich hoch problematische Schnitzeljagd". Entscheidend sei nicht die Identität, sondern das Werk: "Was wissen wir jetzt mehr? Nichts." Banksy habe sich bewusst dem personalisierten Kunstmarkt entzogen, um seine Arbeiten zu schützen. Doch selbst radikale Gesten wie die Selbstzerstörung von "Girl with Balloon" zeigten, dass "dem Markt niemand entkommt". Bernaus Fazit: Auch Künstler hätten ein Recht darauf, anonym zu bleiben – gerade in einem System, das stark auf Namen und Vermarktung fixiert ist. Auch Hanno Rauterberg bedauert die mutmaßliche Enttarnung. Mit der Aufdeckung gehe ein zentrales Element seiner Kunst verloren, schreibt er in der "Zeit": "Und nichts, rein gar nichts, ist damit gewonnen." Banksy sei nicht nur für seine Motive berühmt geworden, sondern für das Spiel mit der Unsichtbarkeit – "der berühmteste Unbekannte", erst die Anonymität habe ihn zu "einem globalen Volksmaler" gemacht. Nun drohe dieses Prinzip zu zerfallen: "Banksy war viele – jetzt ist er nur noch einer." Die Enthüllung zerstöre damit einen Teil des künstlerischen Konzepts. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass Banksy Wege findet, "weiterspielen" zu können – auch ohne Geheimnis. Jakob Biazza spitzt diese Idee in der "SZ" zu: Banksy sei zur Marke geworden, deren Faszination stark auf der möglichen Enttarnung beruhe: "Die Öffentlichkeit giert […] nach der Chance, dass er beim nächsten Werk erwischt werden könnte." Anwalt Mark Stephens betont, Anonymität schütze die Meinungsfreiheit, da Künstler so "den Mächtigen die Wahrheit sagen können, ohne Vergeltung befürchten zu müssen". So entsteht ein Paradox: Gerade weil die Enttarnung Teil des Spiels sei, bestehe ein öffentliches Interesse daran.

Porträt

In der "Financial Times" porträtiert Kristina Foster Christine Sun Kim, die in Berlin lebt, und ihre Arbeit zur Politik des Klangs. Kim, geboren in Kalifornien als Tochter koreanischer Eltern, erklärt: "Echo ist nicht nur ein Klangbegriff, sondern ein zentraler Teil des Deaf-Lebens." Ihre Installation A String of Echo Traps zeigt digitale Animationen auf einem Würfel und thematisiert Wiederholung und Echoeffekte in Gesellschaft und Gehörlosenkultur. Sie betont, dass Gebärdensprache dreidimensional sei: "Ich sehe alles in 3D — mein Denken funktioniert so." Kim reflektiert zudem ihre Erfahrungen mit Barrieren im Kunstbetrieb und sagt, dass sie irgendwann "nicht mehr erklären, sondern einfach machen" möchte. Ihre Arbeiten verbinden persönlichen Alltag mit universeller Kommunikationskritik und wurden international gezeigt.

Emily Watlington beschreibt in "Art in America" Joseph Beuys als widersprüchliche Figur des 20. Jahrhunderts. Geboren 1921 in Krefeld, war Beuys Mitglied der Hitlerjugend und später der Luftwaffe, stilisierte sich jedoch als "Schamane" und Deutschland-Heiler. Watlington zitiert Beuys' berühmtes Motto "Jeder ist ein Künstler" und erklärt, dass er Kunst und Gesellschaft als gestaltbar ansah. Werke wie Honigpumpe am Arbeitsplatz zeigten utopische Kreisläufe, wobei Beuys Honig als Blut und Geld interpretierte. Watlington betont, dass Beuys' Arbeiten Trauma, Heilung und Kapital kritisch verknüpfen; sein Leben und Werk stünden exemplarisch für die Brüche der Moderne. Daniel Spauldings Buch "Joseph Beuys and History" lese Beuys als bewusst ambivalent handelnd, dessen Metaphern sowohl provozieren als auch reflektieren sollen.

Kulturerbe

Ein in Polen inhaftierter russischer Archäologe, der von der Ukraine wegen mutmaßlicher Ausgrabungen auf der von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim gesucht wird, darf ausgeliefert werden. Die Überstellung des Wissenschaftlers an die ukrainischen Behörden zur Eröffnung eines Strafverfahrens sei rechtlich zulässig, entschied das Warschauer Bezirksgericht laut Mitteilung. "Wir werden gegen diese Entscheidung Beschwerde einlegen und warten auf die Zustellung der schriftlichen Begründung", sagte der Verteidiger des Archäologen der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Moskau kritisierte die Entscheidung. Es handele sich um ein politisches Verfahren ohne rechtliche Grundlage, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Russland werde sich um eine schnellstmögliche Rückkehr des Archäologen bemühen, führte sie aus und verwies darauf, dass die Entscheidung noch nicht rechtskräftig ist. Der polnische Inlandsgeheimdienst ABW hatte den Mann am 4. Dezember festgenommen, als er auf der Durchreise in Polen war. Moskau hatte die Festnahme seinerzeit als Willkür kritisiert. Die im Schwarzen Meer gelegene ukrainische Halbinsel Krim wurde 2014 von Russland annektiert. Dem Archäologen wird vorgeworfen, dort in Kertsch Ausgrabungen vorgenommen zu haben. Von der Stadt führt auch die nach der Annexion von Russland erbaute Krim-Brücke zum russischen Festland. Die ukrainische Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn der vorsätzlichen, rechtswidrigen, teilweisen Zerstörung einer Kulturstätte. Der Schaden wird auf rund vier Millionen Euro geschätzt. Außerdem wird ihm vorgeworfen, Ausgrabungen ohne Genehmigung durchgeführt zu haben. In dem Fall geht es um die Stätte Myrmekion, eine antike griechische Kolonie, die im 6. Jahrhundert vor Christus gegründet wurde.

Antisemitismus 

Das Holocaust-Mahnmal am Opernplatz in Hannover ist mit antisemitischen Parolen beschmiert worden, berichtet die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", Die Schriftzüge seien am frühen Mittwochmorgen entdeckt worden. Die Polizei machte die Parolen zunächst unkenntlich. Eine Reinigung des Mahnmals ist für Donnerstag geplant. Nach Angaben der Stadt richteten sich die Schmierereien direkt gegen jüdische Menschen. Zudem überdeckte ein schwarzer Strich teilweise die Namen der während der NS-Zeit aus Hannover deportierten Jüdinnen und Juden. Seit 1994 erinnert das Mahnmal an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Hannover. Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay verurteilte die Tat in einer Mitteilung scharf. Antisemitismus breche sich "allzu oft Bahn" und suche sich seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft, erklärte der Grünen-Politiker. Die Parolen am Mahnmal im Herzen der Stadt seien ein weiteres Zeichen dafür. Der Kampf gegen Antisemitismus bleibe eine gemeinsame Aufgabe. In einem Video, das Onay vor dem Mahnmal aufnahm und auf Instagram veröffentlichte, sagte er: "Wir stehen weiterhin solidarisch an der Seite der jüdischen Menschen in unserer Stadt." Der Stadt zufolge ist es nicht der erste Angriff auf Gedenkorte in Hannover und der Region. Die Gedenkstätte Ahlem war in den vergangenen Jahren wiederholt Ziel von Beschädigungen und Schmierereien geworden, zuletzt im Januar vergangenen Jahres.

Kulturpessimismus

Ständig online, kaum noch Muße: Schauspieler Ethan Hawke sieht die Unterhaltungsbranche durch veränderte Sehgewohnheiten unter Druck. "Ich beobachte, wie sich die Art und Weise, wie junge Menschen Filme schauen, verändert", sagte der 55-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. "Sie schauen Filme, während sie auf ihr Handy starren. Die Aufmerksamkeitsspanne wird regelrecht zerschossen." Menschen fühlten sich inzwischen "so unwohl in der Stille und so unwohl mit Langeweile. Einige der schönsten Momente meines Lebens sind aus Langeweile entstanden, dort haben sich all meine schönsten Träume erfüllt." Heutzutage wolle "niemand mehr gelangweilt sein", sagte Hawke. "Sie spielen Spiele auf ihrem Handy, sie lesen die Nachrichten, und wir sind alle ständig aufgeregt." Sehgewohnheiten und der Umgang junger Leute mit Kultur veränderten sich aber ständig, sagte Hawke. "Ich erinnere mich, dass mein Großvater meine Mutter immer angeschrien hat, weil sie zu viel gelesen hat. "Nimm den Kopf aus dem Buch. Geh nach draußen." Und jetzt flehen wir unsere Kinder an, mehr zu lesen. Das ist faszinierend." Hawke kommt am 26. März mit dem Film "Blue Moon" (Regie: Richard Linklater) in die deutschen Kinos. Er verkörpert darin den Songwriter Lorenz Hart, der mit seinem persönlichen Leben, aber auch den Veränderungen im Showbusiness nicht klarkommt. Hawke war für die Rolle für einen Oscar nominiert.