Medienschau

"Kunst ist der Weg, um zu unserer Menschlichkeit zurückzufinden"

artikelbild_monopol-medienschau

Wozu ist Kunst gut? Unterwandert Katar die Kunstwelt? Ist das V&A East Storehouse die Zukunft des Museums? Das ist unsere Presseschau am Freitag

Debatte

In "Art in America" reflektieren sieben Künstlerinnen und Künstler unterschiedlich über die Frage, wozu Kunst gut ist. Camille Henrot sieht Künstler als Gegenmacht zu gesellschaftlichen Normen und Mächten: "Unsere Aufgabe könnte darin liegen, Gegenmacht zu sein – Alternativen zu zeigen und gesellschaftlichen Tyrannen die Stirn zu bieten." Sie betont jedoch, dass Kunst nicht alles heilen muss. "Kunst ist der Weg, um zu unserer Menschlichkeit zurückzufinden", sagt Rose B. Simpson. Stephen Shore sieht Kunst als Mittel, die Welt bewusst wahrzunehmen und sich selbst zu verstehen. Frieda Toranzo Jaeger kritisiert Kunstinstitutionen für ihre Anpassung an den Markt und fordert universelle Befreiung. Walid Raad spricht von Kunst als Zugang zu anderen Welten und Multiversen. "Kunst hat die Fähigkeit, jemanden zu berühren, Empathie zu wecken und neue Möglichkeiten aufzuzeigen", sagt Christine Sun Kim. Andrew Norman Wilson zeigt die Kluft zwischen elitärer Kunstwelt und realem Leben, die Kunst als soziales Brennglas darstellt. Insgesamt bleibt Kunst ein offenes Feld zwischen Sinnsuche, Widerstand und Ausdruck.

In der "FAZ" kritisiert Jonathan Guggenberger einen Auftritt von Candice Breitz in der Neuen Nationalgalerie. Ihre Verkleidung als orthodoxer Jude sei laut Guggenberger ein "pseudo-kritischer Stunt", mit dem sie sich einmal mehr als "selbstgerechter Paria" inszeniere. Sie könne damit ebenso gut als Unterstützerin der holocaustrelativierenden Sekte Neturei Karta durchgehen. Ihre vermeintliche Solidarisierung mit der Boykott-Bewegung Strike Germany und die vermeintliche wiederholte Selbstdarstellung als Opfer bewertet Guggenberger als Strategie, um mit "wenig Aufwand" maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Nationalgalerie zeige nach der Ausstellung von Nan Goldin eine "Schwäche für antiisraelische Künstlerinnen". In der "Welt" wirft Gesine Borcherdt Breitz vor, Christoph Schlingensiefs Werk für ihre politischen Botschaften zu instrumentalisieren. Ihr Fazit: "Die plakative Penetranz ihres Werks und ihrer Auftritte zeugen von nichts anderem als kultureller Aneignung." Der Auftritt sei eine ästhetisch wie argumentativ schwache Provokation – mit fragwürdiger Legitimation durch das Museum.

Die propalästinensischen Bands und Musiker Massive Attack, Brian Eno, Fontaines D.C. und Kneecap haben die Gründung eines Netzwerks zum gemeinsamen Protest gegen Israel angekündigt, berichtet unter anderem der "Guardian". Ein Ziel ist auch, anderen Künstler gegen "aggressive, schikanöse Kampagnen" wegen der politischen Einstellung zu unterstützen.Die Musiker wiederholten zudem ihren Vorwurf, Israel betreibe einen "Genozid" im Gaza-Krieg. Die israelische Regierung hat ähnliche Vorwürfe stets strikt zurückgewiesen. Hintergrund der Ankündigung sind mehrere Protestaktionen der Musiker in den vergangenen Wochen und Monaten insbesondere in Großbritannien. Ein Rapper des irischen Hip-Hop-Trios Kneecap muss sich deshalb vor Gericht verantworten, er ist wegen einer terroristischen Straftat angeklagt, weil er bei einem Konzert in London eine Hisbollah-Flagge gezeigt haben soll. Auch die Band Bob Vylan steht im Zentrum polizeilicher Ermittlungen, weil ein Mitglied auf der Bühne des Glastonbury-Festivals gerufen hatte: "Death, death to the IDF" (Tod den israelischen Streitkräften). In Deutschland wurden deshalb die Auftritte des britischen Duos als Vorband einer anderen Gruppe abgesagt. Die britischen und irischen Musiker des neuen Netzwerks bekräftigten in der Ankündigung ihre Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe im Gaza-Krieg sowie der Einstellung der Unterstützung Israels durch die britische Regierung. "Es ist nie zu spät, der Bewegung beizutreten", heißt es in der Stellungnahme.

In der "Welt" wirft Gesine Borcherdt Katar gezielte kulturelle Einflussnahme vor und spricht von einer "noch nie so strategisch unterwanderten" Kunstwelt. Sie kritisiert, dass eine "internationale Kulturelite" trotz massiver Repressionen und Terrornähe Katars die Augen verschließe. Die Herrscherfamilie Al Thani betreibe "Art-Washing", ihre Machtkäufe seien "hyperaktiv". Die Autorin nennt die Kooperation der Art Basel mit Katar "eine Art von Gewogenheit", wie sie sonst nur höchste Funktionäre westlicher Institutionen an den Tag legten, und spricht von einem "doppelten Spiel", das Katar "derart klug und effizient" spiele, dass man es "beinahe bewundern kann".

Museen

In der "SZ" beschreibt Laura Weißmüller das neue V&A East Storehouse in London als einen radikalen Perspektivwechsel für Museen. Statt geschlossener Depots bietet das Victoria and Albert Museum einen "Backstage Pass", so V&A-Vizedirektor Tim Reeve. Die Autorin sieht darin eine "Verjüngungskur" für das Museumskonzept und lobt den "konsequenten" Mut, das Depot vollständig für Besucher zu öffnen. Für sie ist das Gebäude ein "Schaukasten eines kunstaffinen Riesen", der nicht nur Sammlungsstücke zeigt, sondern auch die Vielfalt der Museumsarbeit sichtbar macht. Reeve will den Ort "entmystifizieren" – was laut Weißmüller glaubwürdig gelingt.

Kunstmarkt

In der "New York Times" berichtet Derrick Bryson Taylor über eine Klage des Auktionshauses Phillips gegen den Kunstsammler David Mimran, der einen Jackson Pollock für 14,5 Millionen Dollar garantierte, aber nicht bezahlte. Mimran habe laut Gerichtsdokumenten seine Zahlungsunfähigkeit eingeräumt, jedoch "Armut beklagt und um mehr Zeit gebeten". Sein Anwalt schrieb, Mimrans Vermögen in Westafrika werde "bald zugänglich". Phillips-Anwalt Luke Nikas kritisierte: "Wenn Mimran nicht einen Dollar hatte, wie er behauptet, hätte er nicht bieten dürfen." Ein Kunstrechtsexperte urteilte, Mimran habe sich "ein Loch gegraben" – in einer Branche, die vom Ruf lebt.

Malerei

Vor zwei Wochen hat die Berliner Künstlerin Katharina Grosse in den Deichtorhallen Hamburg mit Monopol-Redakteurin Silke Hohmann über ihre Ausstellung "Wunderbild" gesprochen. Das Gespräch gibt es nun auch auf YouTube: