Medienschau

"Die Zensur ist total"

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Russische Gegenwartskunst unter Putin, der Volksbühnen-Kulturkampf als geniales Kunstwerk und die Doku "Douglas Gordon by Douglas Gordon": Das ist unsere Medienschau am Dienstag

Kunstbetrieb

Im Exil-Medium "The Insider" beschreibt Vlad Gagin, wie die russische Gegenwartskunst unter staatlicher Repression zunehmend verstummt. Ausstellungen und Festivals würden kontrolliert, Künstler überwacht und Institutionen unter Druck gesetzt; zugleich wachse die Selbstzensur. Eine Kuratorin sagt: "Die Zensur ist total" – selbst private Kunstmessen müssten Teilnehmerlisten an den FSB übermitteln, der Werke vor der Eröffnung kontrolliere. Der Kunsttheoretiker Boris Kljuschnikow spricht bereits von einem "Putinistischen Formalismus": Politisch engagierte Kunst werde verfolgt, formalistische Kunst dagegen gefördert. Gagin zeigt auch die Folgen für den Kunstmarkt: Viele Künstler produzierten inzwischen Arbeiten, die sich verkaufen ließen und traditionelle Werte bedienten. Ein Künstler aus St. Petersburg sagt: "Wir sind alle erschöpft und darauf konzentriert, Dinge zu produzieren, die sich herstellen und verkaufen lassen. Wir haben das Gefühl für das Spielerische verloren." Gleichzeitig versuchten einige Künstler, politische Inhalte nur noch verschlüsselt oder im Untergrund zu vermitteln.

In der "Zeit" kommentiert Jens Balzer den Auftakt von Matthias Lilienthals Intendanz an der Berliner Volksbühne. Balzer bezeichnet Lilienthals erstes Projekt, ein Schwimmbad vor dem Theater, zunächst als wenig originell, doch die Ankündigung, das "Volksbad" in der ersten Woche fast einen ganzen Tag lang nur für die Schwarze Community zu öffnen, habe wie erwartet einen Shitstorm von rechts und einen Gegen-Shitstorm von links ausgelöst. Für Balzer war das ein vollständig vorhersehbares Schauspiel "nach eingeschliffenen Routinen", das Lilienthal dennoch geschickt genutzt habe, um sich als Rebell zu inszenieren – prompt sei ein Banner mit der Aufschrift "Fickt euch!" vor dem Haus erschienen. Balzer schlägt Lilienthal ironisch vor, das Volksbad künftig etwa "nur für Ostdeutsche" zu öffnen, um den Dialektik-Twist fortzusetzen – "Christoph Schlingensief jedenfalls wäre entzückt."

Film

In "Deadline" spricht Filmredakteur Damon Wise mit dem Regisseur Finlay Pretsell über dessen Dokumentarfilm "Douglas Gordon by Douglas Gordon", der beim Edinburgh Film Festival gezeigt wird. Pretsell erzählt, der schottische Konzeptkünstler sei die größte Inspiration für seinen Weg zum Filmemachen gewesen; er habe Gordon vor 20 Jahren beim selben Festival kennengelernt und ihn als "so herzlich, großzügig und interessiert" erlebt. Die Dreharbeiten in Berlin hätten sich über Jahre erstreckt, wobei Gordon die Kontrolle über die Erzählung selbst übernommen habe – ein Thema, das den ganzen Film durchziehe. Pretsell erklärt, jede Kontextualisierung würde vielen Dokumentarfilmen schaden: "So denkt ein Konzeptkünstler“ – zu erklären, warum Gordon Werke wie "24 Hour Psycho" schuf, mache die Sache nicht klarer. Entscheidend sei die Ambiguität selbst, so Pretsell, ganz im Sinne von Gordons eigener künstlerischer Haltung. Im "Guardian" beschreibt Andrew Pulver den Film als "mutig und nicht ganz orthodox" – weniger klassisches Künstlerporträt als selbst ein Akt der Kunst. Gordon sei sich bewusst, dass sein Verhalten "selbstverliebt und sogar lächerlich" wirken könne, so Pulver, doch der Künstler bestehe darauf, es gehe in seiner Kunst darum, Risiken einzugehen und interessante Momente festzuhalten. Am Ende bleibe Gordon "eine schwer fassbare Persönlichkeit" – und vielleicht sei genau das der Punkt, schließt der Kritiker.

Ausstellungen

In "The New Criterion" bespricht Leann Davis Alspaugh die Ausstellung "International Surrealism from Tate: Fifty Years of Dreams" im Frist Art Museum in Nashville. Die Schau biete einen "erfrischend umfassender Blick auf den Surrealismus" und zeige, wie weit sich die Bewegung von ihren ursprünglichen Grenzen entfernt habe. Besonders angetan ist Alspaugh von Wifredo Lams "Ibaye" und Malangatana Ngwenyas "Guernica"-artigem Bild über den Unabhängigkeitskrieg in Mosambik. Kritisch sieht sie dagegen den belehrenden Wandtext zu Joan Mirós "A Star Caresses the Breast of a Negress". Am Ende kommt sie zu dem Schluss: "Nichts ist surrealer als die Realität selbst" – besonders deutlich werde das bei Jean Arps "Sculpture to Be Lost in the Forest".

Für den "New Yorker" schreibt Zachary Fine über eine Ausstellung von Pope.L im Drawing Center in New York. Der 2023 gestorbene Künstler verband Performance, Zeichnung und absurde Materialien wie Erdnussbutter, Mayonnaise oder Hotdogs. Fine sieht darin weniger eine eindeutige politische Botschaft als eine "prinzipielle Unvernunft": Pope.L habe sich geweigert, sein Werk oder seine öffentliche Rolle als Künstler sauber zu definieren. Gerade diese Widersprüchlichkeit sei seine Stärke. Seine Kunst, so Fine, "lebt von der Inkohärenz seiner rastlosen Neugier". In den "Skin Set"-Zeichnungen etwa unterlaufe er rassistische Stereotype mit bewusstem Unsinn. Pope.L selbst nannte sich den "freundlichsten Schwarzen Künstler Amerikas" – und blieb dabei, so Fine, zwischen Tragik und Farce, Kritik und Nonsens.