Medienschau

"Die Kunst lässt sich nicht so in Stellung bringen, dass sie die AfD fortbläst"

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Philipp Ruch zweifelt an der Aktionskunst, das "Time"-Magazin listet die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt und der Vater von Lucien Smith spricht über die Entfremdung von seinem Sohn: Das ist unsere Medienschau am Freitag

Kunstbetrieb

Die Blätter fallen von den Bäumen, es beginnt die Jahreszeit der Listen und Rückschauen: Das US-Magazin "Time" präsentiert zum ersten Mal eine "TIME100 Art" und versammelt 100 Persönlichkeiten, die die Zukunft der Kunst prägen. Die Auswahl reicht von Künstlerinnen und Künstlern – aus Deutschland unter anderem Wolfgang Tillmans, Gerhard Richter, Anne Imhof und Hito Steyerl – bis zu Kuratoren, Museumsleitern, Sammlern und Galeristen. Die Autorinnen und Autoren beschreiben Amy Sherald, die das Cover des Magazins in dieser Woche schmückt, als Malerin, die lieber ganz auf ihre Kunst verzichten würde, als sie zu verwässern, und den in Berlin gerade prominent ausgestellten Maurizio Cattelan als Provokateur, der die Selbstzufriedenheit des Publikums erschüttern wolle. Naomi Rea nennt Refik Anadol einen "Künstler des KI-Zeitalters", während Tim Schneider den deutschen Galeristen David Zwirner als Vermittler guten Geschmacks porträtiert.

In der "New York Times" porträtiert Walker Mimms die französische Künstlerin Camille Henrot, die derzeit gleich dreifach in New York präsent ist: mit zwölf Hundeskulpturen im Central Park, dem Film "In the Veins" im New Museum und ab 23. September mit ihrem ersten Theaterstück "Commedia dell’arte". Henrot verweigere sich bewusst der Festlegung auf ein Medium und verbinde in ihrer Arbeit das Erhabene mit dem Banalen, wissenschaftliche Recherche mit spielerischen Formen. Ihr Stück beschreibt sie als "Cartoon aus Fleisch und Blut" und lässt darin junge Mieter einen gierigen Vermieter vertreiben. Inhaltlich kreise ihre Arbeit immer wieder um Mensch und Tier, Mutterschaft, Geschlechterrollen und die Last digitalen Wissens. Ihre Hunde versteht Henrot als Möglichkeit, über Fürsorge zu sprechen, "ohne das Stereotyp des Patriarchats" zu bemühen.

Im "Whitehot Magazine" erinnert Terrence Sanders-Smith, Vater des am 7. September verstorbenen Künstlers Lucien Smith, im Gespräch mit Noah Becker an die enge Beziehung zu seinem Sohn und die 17 Jahre währende Entfremdung. Die ersten 20 Jahre seien sie "mehr als Vater und Sohn – wir waren beste Freunde" gewesen. Sanders-Smith schildert Luciens frühen Weg zur Kunst und die späteren Konflikte, die von Drogen, Ehrgeiz, Stolz und eigenen Fehlern geprägt gewesen seien. Besonders bereut er, den Sohn finanziell abgeschnitten zu haben: "Was ich für harte Liebe hielt, mag Lucien als Verlassenwerden durch seinen Vater erlebt haben." Nach dem Tod, sagt er, sei die Wut verschwunden und die Liebe geblieben: "Lucien lebte. Lucien schuf. Lucien war wichtig. Und Lucien wurde geliebt."

Debatte

Im "Spiegel" sprechen Arno Frank und Ulrike Knöfel mit dem Aktionskünstler und Autor Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit über sein neues Buch "Der Rückfall" zum Wahlerfolg der NSDAP 1930. Ruch bezeichnet die Reichstagswahl als "Schlüssel zum Aufstieg der NSDAP" und spricht von einem "Machtschock", der die Partei plötzlich attraktiv habe erscheinen lassen. Die damalige Gesellschaft sei ihm nach der Wahl beinahe wie eine andere vorgekommen: "Als hätten Außerirdische eine ganze Bevölkerung ausgetauscht." Ruch sieht Parallelen zur Gegenwart und fordert ein entschiedeneres Vorgehen gegen den Rechtsextremismus. Zugleich zieht er eine ernüchternde Bilanz seiner eigenen Aktionskunst: Sie könne "Aufrichtigkeit, Wahrheit, Schönheit und Redlichkeit schützen", gegen die Radikalisierung ganzer Landesteile aber "erschreckend wenig" ausrichten: "Die Kunst lässt sich nicht so in Stellung bringen, dass sie die AfD fortbläst."

Robin Pogrebin berichtet in der "New York Times" über eine Klage der Töchter der Künstlerin Dina Gottliebova Babbitt gegen das Auschwitz-Birkenau-Museum. Babbitt musste 1944 auf Anweisung des KZ-Arztes Josef Mengele sieben Aquarelle von Roma-Häftlingen anfertigen, die später ermordet wurden. Jahrzehntelang kämpfte sie vergeblich um die Rückgabe der Werke; nun fordern ihre Töchter deren Herausgabe. Das Museum beruft sich auf deren historischen Dokumentationswert und polnisches Recht. Ein Sprecher erklärt, die Aquarelle seien "einzigartige Dokumente zur Geschichte von Auschwitz". Babbitt selbst sagte 2009: "Ich möchte sie in meinen Händen halten. Ich möchte sie hier haben. Ich brauche sie."

Kunstmarkt

Mit der neuen Podcast-Staffel "Wer sammelt die Kunst?" richtet das Münchner Auktionshaus Ketterer Kunst den Blick auf die Menschen hinter privaten und institutionellen Sammlungen. In sechs Folgen spricht Auktionatorin und Kunsthistorikerin Gudrun Ketterer mit Sammlerinnen und Sammlern über persönliche Leidenschaften, Kaufentscheidungen und die Frage, welche Bedeutung Kunst im Leben gewinnt. Zu den Gästen gehören unter anderem Vertreterinnen der Langen Foundation, Unternehmer und Sammler Jan Fischer, Robert Ramsauer sowie Maja Emmerlich, Chief Curator der Munich Re Art Collection. Die Gespräche führen von frühen Banksy-Käufen bis zur Frage, wie Sammlungen über Generationen weitergegeben werden. Die ersten beiden Folgen sind am 16. September erschienen, vier weitere folgen bis zum 30. September.