Kunstbetrieb
Gerhard Richter steht 2025 erstmals an der Spitze der Monopol Top 100, die wir gestern veröffentlicht haben. Der 93-jährige Künstler ist der erfolgreichste lebende Maler Deutschlands – und dennoch bisher nie unter den Top Ten vertreten gewesen. Denn die Monopol-Liste orientiert sich nicht am Marktwert, sondern an der aktuellen Relevanz. Im BR-Interview begründet Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr diese Entscheidung vor allem mit der großen Retrospektive seines Werks, die gerade in Paris stattfindet. Viele hätten Richter dadurch mit ganz neuen Augen gesehen, so Buhr. "Und ich glaube, deswegen kann man schon sagen, dass auch ein Künstler von über 90 Jahren seinen Moment hat – weil sich dieses Werk nochmal ganz anders darstellt und aktualisiert." Auch in der Deutschlandfunk-Kultur-Sendung "Fazit" spricht Elke Buhr über die Entstehung der Liste. Ursula Scheer findet in ihrem "FAZ"-Kommentar Gerhard Richter als Nummer eins nicht überraschend, "wie denn die beliebten Jahresendlisten der Wichtigsten, Teuersten und Einflussreichsten im Kern dem entsprechen, was der Datenanalyst Albert-László Barabási 2018 mit einer Visualisierung des Netzwerks der Kunst offenlegte: Über durchschlagenden und bleibenden, zur Kanonisierung führenden Erfolg entscheiden Kontakte zu den prestigeträchtigsten Museen und Händlern weltweit, zu 'Gatekeepern' wie dem MoMA, dem Centre Pompidou, Gagosian oder Christie’s, und von einem bestimmten Punkt stellen sich Rückkopplungseffekte ein." Die Auflistung nach Bedeutsamkeit seiTeil dieses Systems.
Im "Tagesspiegel" kritisiert Nicola Kuhn die Kunstwahl von Kanzler Friedrich Merz als politisch heikel. Dass hinter seinem Schreibtisch ein monumentaler Anselm Kiefer hängt, den eine private Stiftung lieh, habe "ein Geschmäckle" (s. Medienschau vom 10. November). Kuhn betont, Staatschefs griffen normalerweise auf öffentliche Museen zurück – Merz aber lasse ein Bild "wegen seines Überformats per Kran" aus einer Stiftung ins Amt hieven. Brisant werde dies, weil Stiftungschef Walter Smerling gleichzeitig beim Kulturstaatsminister für ein USA-Projekt vorstellig geworden sei. Kuhn warnt, die Nähe zwischen Kunst, privaten Interessen und Politik könne "zur Umkehrung des Mottos 'Mit privatem Einsatz öffentlich wirken'" führen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz halte "besser Abstand" – ein Signal, das auch der Kanzler beherzigen sollte.
Kunstmarkt
Der "Observer" skizziert, wie Andrew Wolff mit Beowolff Capital, Artsy und Artnet den digitalen Kunstmarkt neu verkabeln will. Wolff spricht von einem Wandel "von statischen Formen der Macht zu vernetzter Autorität" und setzt darauf, Artsys Primärmarkt mit Artnets Sekundärmarktdaten zu verschmelzen. KI sei für ihn ein "Katalysator für Demokratisierung": Sammler sollen in einem einzigen Netzwerk Kunst "frictionless" entdecken, bewerten und kaufen können. Wolff betont, KI solle "die menschliche Expertise verstärken, nicht ersetzen", und verspricht Künstlern mehr Reichweite. Kritisch bleibt: Wer Artsy und Artnet kontrolliert, legt zugleich die Grundlagen eines Marktes fest, den er selbst beherrscht.
Im "Cultured Magazine" spricht Sophia Cohen mit der zurückgekehrten New Yorker Galeristin Mary Boone, die in der Schau "Uptown/Downtown" bei Lévy Gorvy Dayan ihr Comeback markiert. Boone erinnert an die "Optimism" der 1980er, eine Aufbruchzeit, in der "eine Frau ohne Geld und ohne Familie im Kunstbetrieb" eine Galerie gründen konnte. Heute fehlten Räume, "wo Künstler zusammen sein können", weil Digitalisierung Begegnungen verdränge. Museen litten unter "Finanzkürzungen", weshalb große Schauen kaum zu realisieren seien. Sammler suchten oft "nach den falschen Dingen", statt nach Kunst, "die sie lieben". Die Ausstellung sei für Boone "ein Liebesbrief an New York" – und ein Appell, wieder gemeinschaftlicher zu denken.
Museen
Im WDR-Samstagsgespräch gibt Marion Ackermann, seit Juni Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erneut Einblick in ihre Agenda. Sie beschreibt ihre ersten Monate als "Wandern des Schreibtischs", während sie alle Häuser besuchte und sich von der "ikonischen Architektur" etwa der Staatsbibliothek beeindruckt zeigte. Auffällig ehrlich spricht sie über die Herausforderungen der Stiftung: Die Bestände seien "absolut international", trotzdem müsse man "an der Strahlkraft arbeiten". Auch die Finanzen seien kritisch: Betriebskosten seien "nicht genügend abgedeckt". Zur Reform der Stiftung sagt sie, sie freue sich auf den neuen siebenköpfigen Vorstand und betont, nur ein "vielköpfiges" Gremium könne die Komplexität der Gegenwart abbilden. Den preußischen Namen will sie "jünger, zeitgenössischer und weiblicher aufladen". Inhaltlich plant Ackermann große Ausstellungen, eine Kinderbiennale und stärkere internationale Vernetzung. Besonders bewegt zeigt sie sich bei Projekten zur Türkei, ihrem eigenen Kindheitsland, und sagt: "Das war eine unheimlich freie und glückliche Zeit."
Nachruf
In der "Rheinischen Post" würdigt Helga Meister die verstorbene Fluxus-Künstlerin Takako Saito, die "das Spiel zur Lebensphilosophie machte" und Betrachter konsequent als Mitspieler verstand. Meister beschreibt, wie Saito 1979 "bettelarm in Düsseldorf" ankam und dort eine radikale Ein-Personen-Manufaktur entwickelte, in der sie "bohrte, schraubte, klebte, sägte, hämmerte". Ihre Arbeiten – Schachspiele mit Murmeln, Bohnen oder Duftessenzen, pusteblumenleichte Assemblagen, Masken, durch die Kugeln " durchs Gehirn" rollen – hätten alle Sinne aktiviert. Meister betont, Saitos Werk habe "keine Bastelästhetik" gehabt, sondern dezente Professionalität. Mit ihren "Do-it-yourself-Shops" und "20 verschiedenen Wegen zum Schweigen" habe sie Fluxus weltweit neu belebt und ein poetisches, taktiles Universum geschaffen.