Kulturpolitik
Nach gut 300 Tagen im Amt hat Wolfram Weimer als Beauftragter für Kultur und Medien weite Teile der Kultur und der Medien gegen sich aufgebracht. Doch offenen oder verdeckten Rücktrittsforderungen schließt sich Olaf Zimmermann ausdrücklich nicht an. "Das wäre Quatsch", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats der DPA. Weimer stehe nicht alleine. "Er ist nicht einfach so Kulturstaatsminister geworden, das ist eine Entscheidung des Kanzlers gewesen. Es ist eine Antwort auf eine angeblich linke Kulturlandschaft." In der Kulturwelt sei Weimer nicht zu Hause. "Er ist als Journalist in die Politik gegangen, aber immer noch nicht wirklich in seinem neuen Amt angekommen. Als Politiker reicht es nicht, einen knackigen Kommentar abzugeben, sondern man muss in derselben Sekunde auch Teil der Lösung sein." Weimer sehe seine Rolle darin, "dem Kulturbereich zu zeigen, wo der Hammer hängt", meint Zimmermann - aus seiner Sicht kein Erfolgsrezept. "Ich weiß genau, was Wolfram Weimer nicht gut findet. Aber was wir im Kulturbereich nicht wissen, ist, was er machen will. Nach rund einem Jahr im Amt ist seine Agenda in der Kulturpolitik immer noch unklar." Das sei bei einem Jahresetat von 2,6 Milliarden Euro zu wenig. Der Geschäftsführer des Kulturrats lässt sich zu einem Stoßseufzer hinreißen: "Ich möchte wieder eine ganz normale, langweilige Kulturpolitik."
Die Debatte weite sich zur Grundsatzfrage der Kulturpolitik aus, schreibt Harry Nutt in der "taz", Weimers Kurs gehe über Einzelfälle hinaus und markiere einen "Umbau der Kulturpolitik zu einer Art Kontrollregime". Selbst ein Rücktritt würde das zugrunde liegende Problem nicht lösen, denn es gehe um einen "Funktionswandel" des Amtes. Nutt argumentiert, die bisherige Balance von Förderung und kritischer Gegenkultur werde aufgegeben zugunsten von "Kontrolle und Gunsterweisung". Weimer habe zudem wenig Rückhalt, stehe aber symptomatisch für eine tiefere Krise: Die "stabilisierende Wirkung eines institutionellen Widerspruchs" werde bewusst ignoriert. Kultur drohe so, zur "Verfügungsmasse ideologischer Phantasmen" zu werden – ein Zeichen für erodierende Öffentlichkeit und wachsende politische Polarisierung.
Einen Fan hat Weimer aber doch noch: In Ulf Poschardts paranoider Sicht auf den Kulturbetrieb, der seiner Meinung nach offenbar nur aus bürgerlichen, aber linken Altbaubewohnern besteht, habe Weimer "mutig" gehandelt, wie er jetzt erneut in der "Welt" schreibt. Der Kulturstaatsminister könne den "Kulturkampf" aber nicht gewinnen. Der Kulturbetrieb sei ein "durch linke Vorgänger […] konstruiertes, nahezu feudales Gefüge", in dem konservative Politik strukturell unterliege. Poschardt sieht eine "groteske" Subventionspraxis und argumentiert, bürgerliche Kräfte hätten strategisch versagt, weil sie glaubten, mit Förderung Zustimmung zu gewinnen. Stattdessen wirke der "Marsch durch die Institutionen" bis heute fort. Die Buhrufe bei der Buchmesse deuteten für ihn darauf hin, dass der Betrieb "eine weitgehend homogene, linke Struktur" behalten habe. Konsequenz sei: Ohne grundlegende Veränderungen der Finanzierung habe bürgerliche Kulturpolitik "keine Chance".
Der Konflikt an der Kunstakademie Düsseldorf wird laut Hubert Spiegel in der "FAZ" zum Symptom einer größeren Krise. Auslöser sind Äußerungen der Künstlerin Basma al-Sharif, die Spiegel "antisemitisch" nennt, und eine umstrittene Veranstaltung, die die Rektorin Donatella Fioretti trotz Kritik stattfinden ließ. Spiegel spricht von "maximaler Eskalation": Der Protest sei zwar berechtigt, drohe aber die Institution selbst zu beschädigen. Im Kern gehe es um die Grenzen von Kunst- und Wissenschaftsfreiheit. Fioretti berufe sich darauf, räume aber Fehler ein; zugleich fordern Politik und Öffentlichkeit Konsequenzen, etwa Ina Brandes. Spiegel warnt jedoch vor politischen Reflexen: Auch berechtigte Empörung dürfe nicht dazu führen, "die grundgesetzlich verankerte Hochschulautonomie infrage zu stellen". Die zentrale Frage bleibe, ob sich antisemitische Positionen und künstlerische Praxis überhaupt trennen lassen – und wie viel Freiheit eine Institution in solchen Konflikten verteidigen muss. Für Monopol berichtet Daniel Kothenschulte.
Die Debatte um Russlands Rückkehr zur Venedig-Biennale geht weiter. In der BR-Sendung "Kulturleben" diskutiert Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr mit Jörg Heiser und Moderatorin Andrea Mühlberger über einen möglichen "kulturellen Waffenstillstand" – und die grundsätzliche Frage, wie viel politische Realität eine Kunstausstellung ausblenden darf. Buhr betont das Prinzip der Schau: "Alle können mitmachen"; Auseinandersetzungen würden vor Ort sichtbar. Heiser warnt vor Boykotten: "Wenn wir anfangen in dieses wer darf, wer darf nicht, dann nähern wir uns nicht der Kunst, sondern entfernen uns von ihr". Beide beschreiben die Biennale als Ort globaler Vernetzung, an dem sich zeige, "wie ein Land mit seiner Kultur umgeht". Der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, erklärte indes laut Nachrichtenagentur ANSA, man werde den russischen Pavillon schließen, sollte er für Propaganda genutzt werden. Zugleich betont er: "Ich bin pro-ukrainisch […] aber wir sind nicht im Krieg mit dem russischen Volk, und die Kunst ist offen." Man schulde "den Menschen Respekt" und müsse "den Weg der Diplomatie und Offenheit weitergehen".
Mexikos Kulturministerium fordert eBay auf, den Verkauf von 195 vorspanischen Artefakten einzustellen und die Objekte zurückzugeben. Wie Mercedes Ezquiaga für "The Art Newspaper" berichtet, handle es sich um Kulturgüter, deren Export seit 1827 verboten sei. Laut Mexikos Kulturministerin Claudia Curiel de Icaza seien die Objekte ein "unschätzbares Erbe der Vorfahren und der nationalen Geschichte". Die Ermittlungen liefen über INAH, die Staatsanwaltschaft, Interpol und US-Behörden. Der eBay-Verkäufer, nur mit Tom angegeben, bestritt die Vorwürfe und erklärte, alle Objekte legal erworben zu haben. Ezquiaga schreibt: "All of these items were purchased legally with full provenance from Arte Primitivo." eBay betonte, es arbeite mit Behörden zusammen, um illegale Angebote zu entfernen. Der Fall sei Teil von Mexikos fortlaufendem Kampf gegen den internationalen Handel mit vorspanischen Artefakten.
Kunstjournalismus
Am heutigen Freitag ist der Kunstkritiker Calvin Tomkins gestorben. Im "New Yorker" erinnert Chefredakteur David Remnick an diesen Autor, der "fast 70 Jahre lang" vor allem für sein Magazin Künstler porträtierte. Tomkins habe die Kunstszene mit außergewöhnlicher Nähe beschrieben und dabei nie bloß Stil, sondern immer auch Lebenswelten erfasst. Remnick schreibt, er habe die Kunstprofile "zu einer eigenen literarischen Form" gemacht und Künstler nicht mythologisiert, sondern verständlich gemacht. Indirekt wird deutlich, dass Tomkins’ Stärke in der genauen Beobachtung lag: Er habe "geduldig zugehört" und komplexe Persönlichkeiten zugänglich gemacht. Seine Texte seien geprägt gewesen von Neugier statt Urteilslust – ein Ansatz, der heute selten geworden sei. Mit seinem Tod verliere der Kunstjournalismus eine prägende Stimme.
Kunstmarkt
Der Kunstmarkt denkt längst über neue Machtzentren hinaus: Wie Nate Freeman in "Vanity Fair" berichtet, planen James und Kathryn Murdoch gemeinsam mit der MCH Group, dem Mutterkonzern hinter der Kunstmesse Art Basel, mit dem "Futurific Institute" ein globales Ideenfestival in Basel. Das Projekt solle, so eine Quelle, "wie eine zeitgenössische Variante der Weltausstellung" funktionieren und Formate von Art Basel bis Venedig-Biennale zusammenführen. Ziel sei es, die etablierten Eliten-Treffen wie das in Davos zu überholen, die als "etwas ermüdet" gelten und zu wenig von Kunst, Wissenschaft und Technologie geprägt seien. Statt bloßer Panels setze man auf ein "Erlebnis in die Zukunft". Freeman schreibt, das Format verbinde Kultur, Politik und Wirtschaft – und knüpfe damit gezielt an die Netzwerke der globalen Kunstwelt an.