Medienschau

"Wir drohen das Gespür für die Gemeinschaft zu verlieren"

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Der neue MoMA-Chef Cherix über Museen als "sichere soziale Orte", ein Rant gegen den Boom immersiver Kunsterlebnisse – und das Problem mit Biennalen: Das ist unsere Medienschau zu Pfingsten

Museen & Biennalen

Im "Observer" diagnostiziert Paco Barragán, dass sich Biennalen in einer strukturellen Krise der Wiederholung befinden. Ausgangspunkt sind Konflikte wie die um die Documenta Fifteen und der aktuellen Venedig-Biennale. Barragán beschreibt die Biennale als historisch eng mit Macht und Staat verknüpft: Seit der ersten Biennale 1895 in Venedig sei sie ein Instrument nationaler Repräsentation und "soft power". Auch spätere Formate wie São Paulo, Gwangju oder die Documenta 11 würden diese Logik fortschreiben. Zentral ist seine These der "Global Neo-Liberal Biennial": ein System, das postkoloniale, globale und kuratorische Vielfalt integriert, ohne seine Struktur zu verändern. Selbst alternative Projekte im Globalen Süden reproduzierten laut Barragán dieselben Mechanismen. Spätestens mit dem Übergang zum "vibe-ennial" (ein Begriff von Kritiker Ben Davis) verschiebe sich die Funktion weiter: Aus Diskurs werde "Atmosphäre", aus Kritik "Affect". Biennalen seien, so ein zugespitztes Fazit, nicht Orte der Erneuerung, sondern der "kontinuierlichen Reartikulation eines Systems", dessen Grundlogik unverändert bleibe.

In der "Zeit" spricht Autorin Susanna Petrin mit Christophe Cherix über seine ersten Monate als Direktor des Museum of Modern Art in New York. Cherix beschreibt Museen als "sichere soziale Orte", gerade in einer Gegenwart, die "viel Angst erzeugt". Statt autoritär vorzugeben, wohin sich das Haus entwickeln solle, habe er zunächst mit Hunderten Mitarbeitenden gesprochen, um "gemeinsam eine Vision" zu entwickeln. Besorgt zeigt er sich über die gesellschaftliche Isolation durch Bildschirme: "Wir drohen das Gespür für die Gemeinschaft zu verlieren." Zugleich verteidigt er die Unabhängigkeit des MoMA gegen politischen Druck im Trump-Amerika. Die Aufgabe des Museums sei es weiterhin, "ein inklusiver Ort" und "ein Ort der freien Meinungsäußerung" zu bleiben. 

In der "Welt" rechnet der langjährige Bonner Museumsdirektor Stephan Berg mit dem Boom immersiver Kunsterlebnisse ab. Shows wie "Van Gogh – The Immersive Experience" versprächen Kunst als "kontrollierten Kontrollverlust", bei dem Besucher "in den Bildern baden" sollen. Berg sieht darin jedoch vor allem eine dem Instagram-Zeitalter angepasste „Surrogatwirklichkeit“. Die Werke würden "zum Leben erweckt", aber "unwillkürlich fragt man sich, welches Leben das sein kann, wenn man offensichtlich den Originalen keines zutraut“. Zwar erkennt Berg an, dass immersive Formate Kunst niederschwelliger erscheinen lassen. Doch die Integrität der Werke werde zugunsten "endloser Bildkaskaden" zerstört. Museen müssten nun einen Weg finden, dem "lauten Getöse dieser Bildermaschinen" etwas entgegenzusetzen.
 

Kunstberichterstattung

In "Artforum" rekonstruiert Harmon Siegel die Debatten der späten 1960er-Jahre über Kunstkritik im Spannungsfeld von Formalismus und Politik. Ausgangspunkt ist die Intervention der Kunstkritikerin Barbara Rose gegen Kollegen wie Rosalind Krauss und Clement Greenberg, die sich aus ihrer Sicht in abstrakten Formfragen verlieren, während "Attentate, Aufstände und Kriege" das Land erschüttern. Rose hält es für "schlimmer als absurd", wenn solche Kritiker Energie auf Fragen der Skulptur richten, statt auf gesellschaftliche Konflikte wie "Black Power, Stadterneuerung oder Kriegswiderstand". Siegel zeigt, wie Rose zunächst den Formalismus als politisch blind kritisiert – etwa wenn Greenberg selbst bei Picassos KZ-bezogenem "Charnel House" nur über Form spreche. Zugleich entwickelt sie später die Gegenposition, dass Kunst sehr wohl gesellschaftlich wirksam sein könne, indem sie eine "störende Funktion innerhalb eines gegebenen sozialen, politischen, ökonomischen oder psychologischen Rahmens" erfülle. Auch andere Stimmen der Debatte werden wichtig: Max Kozloff verteidigt eine Kritik, die über sprachliche Beschreibung Gemeinschaft stiftet, ohne zu autoritär zu werden. Entscheidend ist für Siegel am Ende die Einsicht, dass Kritik nie neutral ist: Bereits der Versuch, Leserinnen und Leser zu einem geteilten Blick auf die Welt zu versammeln, sei eine moralische und politische Handlung. Über aktuelle Forderungen nach entpolitisierter Kunst hat in dieser Woche unser Kolumnist Oliver Koerner von Gustorf geschrieben.
 

Nach dem Wirbel um eine gescheiterte Moderatorenverpflichtung beim ARD-Kulturmagazin "ttt – titel, thesen, temperamente" ist das Team der Präsentatoren künftig wieder komplett. Ab 30. August soll der Journalist Thilo Jahn ausgewählte Sendungen moderieren. "Er verbindet journalistische Tiefe mit der Fähigkeit, Kultur so zu erzählen, dass sie auch über klassische Formate hinaus ihr Publikum erreicht", erklärte der für die Sendung federführende Sender MDR. Eigentlich hätte der Journalist und Autor Thilo Mischke (44) zum Februar dieses Jahres neuer Co-Moderator von Siham El Maimouni bei "ttt" werden sollen. Dann kamen Vorwürfe unter anderem des Sexismus auf, die sich auf die Vergangenheit bezogen. Es ging dabei vor allem um Mischkes Roman "In 80 Frauen um die Welt" aus dem Jahr 2010. Als die Kritik immer lauter wurde, machte die ARD einen Rückzieher. El Maimouni bleibt Hauptmoderatorin. Jahn soll ab Spätsommer ein Drittel der "ttt"-Sendungen moderieren. Der 44-Jährige bringt langjährige Erfahrung aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. Er moderiert bisher beim WDR das Kulturmagazin "Westart" und das WDR2-"Mittagsmagazin" sowie bei Deutschlandfunk Nova. "Seine journalistische Arbeit, die unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet worden ist, ist geprägt von inhaltlicher Tiefe und einer großen Nähe zu kulturellen Themen und ihren Akteurinnen und Akteuren", erklärte der MDR in seiner Mitteilung. Jahn sagte: "Gemeinsam mit Siham El Maimouni möchte ich neue Perspektiven eröffnen, spannende Geschichten erzählen und die Vielfalt von Kultur für alle erlebbar und spürbar machen." Der gebürtige Pforzheimer hat in Freiburg und Köln Sportwissenschaften und Kommunikation studiert und ein Auslandssemester in Schweden verbracht. In einem Moderatorenporträt des Deutschlandfunks Nova zeigt er sich als Fan des Landes ("Ich kenne alle ihre Geheimnisse. Ärligt!") - und von Socken ("Ich liebe Socken", "Ich moderiere immer sockig").


Porträt

In der "Financial Times" porträtiert Jay Cheshes den Musiker und Kunstunternehmer Jack White als bildenden Künstler. Anlass ist dessen Londoner Debüt in der Newport Street Gallery von Damien Hirst. White betone, er habe seine Kunst lange bewusst privat gehalten, weil er nicht wollte, dass sie wie ein Nebenhobby zur Musik wirke: "Ich wollte nicht, dass es aussieht wie: 'Ach, Frank Sinatra malt jetzt auch, wie niedlich'". Seit fünf Jahren arbeite er nun auf die Ausstellung hin, habe alte Werke aus Lagern geholt und neue Techniken gelernt, etwa "Epoxidharz auf Chrom zu gießen". Cheshes beschreibt Whites farbintensive Skulpturenwelt als Mischung aus Americana, Dada und Mid-Century-Design. Hirst lobt dessen Arbeiten als "surreale Objekte, die einen zugleich abstoßen und anziehen können". White selbst beschreibt sein in Nashville aufgebautes Firmen- und Kreativreich als eigenes Universum: "Ich habe mein eigenes Universum erschaffen und mich selbst zum Chief Design Officer ernannt."