Debatte
In der "Süddeutschen Zeitung" sieht Joachim Hentschel die Social-Media-Logik von Empörung, Lagerbildung, Positionierungszwang und Boykottaufrufen zunehmend in die reale Kulturwelt einziehen. Er spricht vom "in Kulturkreisen heute allseits gefürchteten Auf-welcher-Seite-stehst-du-Dilemma". Als Beispiel erinnert er noch einmal an die Kontroverse um den Sänger Ed Sheeran und seinen einstigen Eröffnungs-Act Macklemore, der wegen polemischer Parteinahme für die Palästinenser von den Veranstaltern aus dem Vorprogramm der Sheeran-Tour gestrichen wurde. Daraufhin stiegen aus Solidarität zu Macklemore auch andere Acts aus den Stadionkonzerten aus, und Ed Sheeran selbst trat zuerst für sein Recht ein, sich nicht explizit zum Thema Nahost äußern zu müssen, nur, um es dann auf der Bühne doch zu tun - und nach einer Einerseits-Andererseits-Erklärung wiederum kritisiert zu werden. Hentschel sieht aus diesem Bekenntniszwang beim Thema Nahost grundsätzliche Fragen entstehen: "Die gefühlte Undurchdringlichkeit hat ja auch damit zu tun, dass hier völlig unterschiedliche Fragen immer wieder vermischt und verzwirbelt werden: Wer hat recht beim Thema Nahost? Muss man Widerstand leisten, wenn jemand etwas ungestört sagt, das man für falsch hält, obwohl davon keine größere Gefahr ausgeht? Zensiert man einen Menschen oder Künstler, indem man eine Einladung an ihn zurückzieht, die man vorher ausgesprochen hatte? Und sind die viel zitierten heutigen Zeiten wirklich so tief von politischen Ja-Nein-Ultimaten durchdrungen, dass man sich am Elend mitschuldig macht, wenn man es schlicht nicht kommentiert?" Eine eindeutige Antwort gibt der Artikel nicht, allerdings tritt er dafür ein, die Komplexität des Themas anzuerkennen und sich im Zweifelsfall vorher zu überlegen, ob man die Kontroversen aushalten will, die mit bestimmten Künstlern automatisch verbunden sind. "Man könnte sich vorher gut überlegen, was man nicht tun sollte, bevor man es aus Versehen doch tut. Es bleibt die mit Abstand respektvollste Art, künstlerisch-politische Zwiespälte zu lösen."
Kunstmarkt
Für "Vanity Fair" berichtet Nate Freeman über Jordan Wolfsons erste New Yorker Galerieausstellung seit acht Jahren bei Gagosian. Statt der bekannten großen Roboter präsentiert Wolfson zwölf Skulpturen mit UV-gedruckten Bildern, darunter KI-generierte Darstellungen von Jeff Koons und Cicciolina im Pixar-Stil. Scharfe Metallspitzen erzeugten eine bedrohliche Atmosphäre. Wolfson sagt, Schönheit und Moral gehörten für ihn nicht zwangsläufig zusammen: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters." Technologie versteht er als Material, das er bewusst "pervertieren" wolle, um etwas über den menschlichen Zustand zu zeigen. Seine Arbeiten sollten nicht primär gedacht, sondern körperlich erfahren werden: "Es geht nicht ums Denken, sondern ums Fühlen."
Kunst und Krieg
Gestern war UN-Weltfriedenstag – und der Filmemacher und Künstler Philip Gröning hat in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine eine Klanginstallation eröffnet, wie Dirk Peitz in der "Zeit" berichtet. "Sounds of Loss" stört mit Klopf-, Schlag- und Knackgeräusche die Predigten, Konzerte und sonstigen Veranstaltungen im Gotteshaus. Rein statistisch stirbt alle 2,62 Minuten ein Mensch im Krieg, das sind rund 550 Tote pro Tag, und auf dieser Grundlage erklingen in unregelmäßigen Abständen die Geräusche, die auch an Orten wie dem Petersdom, dem Berliner Dom und in Singapur zu hören sind. "49 Stunden dauert die Klanginstallation, so lange, wie irgendwo in einer Zeitzone der Erde noch Weltfriedenstag ist", schreibt Peitz, der auch mit dem Künstler gesprochen hat: "Ich glaube, die Klänge meiner Installation schockieren womöglich gerade in einer Kirche, wo man den rituellen Umgang etwa in einer Totenmesse gewohnt ist: Der Tod ist dort präsent, ist aber in der Transzendenz aufgelöst", erklärt Philip Gröning.
Interview
In der Religionssendung "Tag für Tag" im Deutschlandfunk spricht der Kurator Bastian Eclercy über die aktuelle Ausstellung "Maria Magdalena. Sin. Pray. Love." im Frankfurter Städel. Kaum eine biblische Figur habe Künstlerinnen und Künstler so beschäftigt wie die Jesus-Gefährtin, die mal als vollwertige Apostelin und mal als Prototyp einer Sünderin gesehen wurde. Im Städel kommen nun Werke aus mehreren Jahrhunderten zusammen. Eclercy erzählt, wie sich das Bild von Maria Magdalena immer wieder gewandelt hat - und wie die Projektionen auf diese Figur immer auch etwas über die Gesellschaft ihrer Zeit verraten.
Kunst im öffentlichen Raum
Begeht Berlin Vandalismus im Namen des Klimaschutzes? "Entsetzte Anwohner und Bürger" sollen sich laut Ingeborg Ruthe in der "Berliner Zeitung" an die Redaktion gewandt haben: Es geht um die aus grünpatinierten Bronzefiguren und Sandsteinplatten bestehende Brunnenanlage von Waldemar Grzimek am Berliner Wittenbergplatz. Der Bildhauer schuf 1985 einen "Nordbrunnen" in abstrakt-pflanzlicher Form und einen "Südbrunnen" nach dem Vorbild römischer Figurenbrunnen. Letzterer mit dem Titel "Die Lebensalter" ist reparaturbedürftig, doch statt "die Mittel für eine Sanierung und die Wiederherstellung der Wassertechnik, notfalls auch durch Spenden, aufzubringen, wählte die Verwaltung den Weg des geringsten Widerstands", ärgert sich Ruthe. Mit der Begründung, man wolle "klimaangepasste Staudenbeete" schaffen, ließ das von den Grünen geführte Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg bei beiden Brunnen Erde aufschütten und diesen Boden bepflanzen. So sei nun "der künstlerische Zusammenhang hin". Fatal sei zudem, schreibt die Redakteurin, "dass die aufgeschüttete Erde mittlerweile als wilder Sandkasten benutzt wird. Kinder klettern auf den historischen Bronzefiguren herum, was die Kunst beschädigt und für kleine Kinder nicht ungefährlich ist. Zudem wird die neue Bepflanzung zertrampelt." Ein klarer Fall von "behördlichem Vandalismus", so Ingeborg Ruthe.