Kulturpolitik
In der "taz" kritisiert Yelizaveta Landenberger die Rückkehr Russlands zur Biennale di Venezia. Der Plan, im russischen Pavillon eine "kulturelle Waffenruhe" zu inszenieren, wirke angesichts des Kriegs "zynisch". Landenberger spricht von einer "kulturellen Spezialoperation" und macht deutlich, dass Kunst hier Teil staatlicher Strategie sei. Sie verweist auf Aussagen des Eremitage-Direktors Michail Piotrowski, der Ausstellungen selbst als "kulturelle Spezialoperation" bezeichnet habe – ein Begriff, den man "beim Wort nehmen" müsse. Ziel sei nicht Dialog, sondern Propaganda. Kritik an Gegenpositionen fällt ebenfalls deutlich aus: Wer die Teilnahme Russlands verteidige, verfehle "die konkrete Problematik der staatlichen russischen Kulturpolitik".
Museen
In "Hyperallergic" kritisiert Natalie Haddad die Ausstellung zu Paul Klee im Jewish Museum als konzeptionell unausgewogen. Im Zentrum steht "Angelus Novus", das jedoch wegen "aktueller Bedingungen" in Israel nicht vom Israel Museum in Jerusalem ausgeliehen werden konnte und nur als Reproduktion gezeigt wird. Haddad bemängelt, das Werk und die Deutung durch Walter Benjamin würden überbetont und fungierten als "Dreh- und Angelpunkt" der Schau, obwohl sie nicht zwingend mit Klees Werk der 1930er verknüpft seien. Die These, Klee habe direkt den Faschismus "konfrontiert", wirke dadurch teilweise konstruiert. Überzeugender seien subtilere Arbeiten und Zeichnungen, die Gewalt und Autoritarismus zeigen. Gerade diese "verborgenen Schätze" machten die Ausstellung relevant – auch mit Blick auf die Gegenwart, denn "Barbarei endete nicht mit dem Dritten Reich".
Kunstmarkt
In der "FAZ" berichtet Ursula Scheer über den Stopp einer spektakulären Auktion: Eine Zeichnung von Hans Baldung Grien, das "Porträt der Susanna Pfeffinger", wurde kurz vor dem Verkauf in Paris zurückgezogen. Der französische Staat erklärte das Werk zum "Trésor national" und verweigerte die Ausfuhrgenehmigung. Scheer hebt hervor, dass das Blatt – mit einem Schätzwert von bis zu drei Millionen Euro – erst kürzlich wiederentdeckt wurde und als Sensation galt. Seine "virtuose Ausführung in Silberstift" und die jahrhundertelange Bewahrung in derselben Familie machten es besonders wertvoll. Nun wolle Frankreich die "letzte Gelegenheit" nutzen, ein Werk dieser Qualität für eine öffentliche Sammlung zu sichern.
"ARTnews" berichtet über eine weitgehend unregulierte Nutzung von KI in Galerien. Laut einer Studie des Netzwerks First Thursday nutzen 84 Prozent der Befragten entsprechende Tools, doch weniger als einer von zehn verfüge über klare Richtlinien. Gründer Callum Halle-Thompson spricht von einer "stillen Transformation": "Drei Jahre nach dem öffentlichen Start von ChatGPT nutzen 84 Prozent der Galerieangestellten bereits KI in ihrer täglichen Arbeit – aber meist handelt es sich um informelles Experimentieren." Besonders problematisch sei, dass Mitarbeitende häufig private Accounts nutzen; das Fehlen von "Governance oder einem Datenschutzrahmen" müsse "ein Weckruf sein". Nelson betont, dass die Branche KI vor allem pragmatisch einsetzt – etwa für Texte oder Organisation –, während strategische Vorgaben der Leitung weitgehend fehlen.
In der "FAZ" würdigt Rose-Maria Gropp die jetzt verstorbene Uschi Niggemann als "Schlüsselfigur des Kunstmarkts". Als Präsidentin von Sotheby's Deutschland habe sie maßgeblich dazu beigetragen, deutsche Künstler und Sammler international zu vernetzen. Bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren vermittelte sie bedeutende Sammlungen nach London und New York und etablierte Künstler wie Gerhard Richter im globalen Markt. Gropp betont Niggemanns persönliche Qualitäten – "Diskretion", "Loyalität" und großen Charme. Tobias Meyer erinnert sich: "Sie war schon ganz früh mit der Avantgarde zusammen, befreundet mit Beuys, auf dem Sofa mit Warhol." Mit ihrem Tod verliere die Branche eine prägende Persönlichkeit, wie sie im heutigen, stark kompetitiven Kunstmarkt kaum noch existiere.
Der "Greek Reporter" schildert einen spektakulären Fälschungsskandal um den Kunsthändler Giorgos Tsagarakis. Die griechische Polizei habe ein weitverzweigtes Netzwerk zerschlagen und 321 Gemälde beschlagnahmt, "von denen die meisten als Fälschungen gelten", zudem antike Objekte und Bargeld. Auslöser der Ermittlungen sei ausgerechnet ein Social-Media-Video gewesen, das den entscheidenden "smoking gun"-Hinweis geliefert habe. Die Zeitung berichtet weiter, auch Bestohlene hätten Werke wiedererkannt; eine Sammlerin identifizierte sogar eigenen Schmuck. Tsagarakis weist die Vorwürfe zurück und spricht von "Familienerbstücken".
Kunstbetrieb
"The Art Newspaper" berichtet über mutmaßliche Polizeigewalt gegen den ghanaischen Künstler Ibrahim Mahama. Dieser erklärt in einem Video: "Ich wurde heute wirklich von der Polizei angegriffen; man sieht, wie sie mir einen Zahn ausgeschlagen haben." Auslöser sei laut Mahama ein Verkehrsstreit gewesen, bei dem Beamte "auf das Auto einschlugen" und ihn sowie seinen Onkel attackierten. Mahama spricht von erheblichen Folgen – "das hat mein Leben zum Stillstand gebracht" – und erwägt rechtliche Schritte "zum Wohle der Gesellschaft". Die Polizei weist zentrale Vorwürfe zurück, hat aber Ermittlungen angekündigt. Kulturinstitutionen fordern derweil eine "vollständige, transparente und unabhängige Untersuchung" des Vorfalls.
Im "Guardian" beschreibt Chloë Ashby die Künstlerin Cecily Brown als nervös vor ihrer ersten großen Museumsschau in London. Brown erzählt, sie habe sich in den frühen 1990ern wegen der Young British Artists nach New York zurückgezogen: "Ich hatte großes Bewundern für die Kunst, ich war nur nicht auf einer Wellenlänge mit ihnen." Sie fühle sich oft unter Druck: "Ich muss mich beweisen. Ich möchte, dass jede Ausstellung besser wird als die letzte." Brown erklärt, dass ihre Arbeiten durch "energetisches Malen" entstehen, in denen Gedanken und Meinungen sichtbar werden, bevor sie sich wieder auflösen. Sie beschreibt ihre Landschaftsbilder als eine Feier von "Natur, Farbe und Licht", obwohl immer eine gewisse Instabilität mitschwinge. Über die Londoner Kunstszene sagt sie, sie habe sich früher oft zu schüchtern gefühlt, um mit "supercoolen Leuten wie Sarah Lucas und Damien Hirst" zu sprechen. Gleichzeitig kritisiert sie die Kommerzialisierung: "Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute haben vergessen, was Kunst ist." Brown plane, nach London zurückzukehren, sobald das Wetter es erlaube, auch wenn das frühere Leben an Busstopps im Regen sie geprägt habe.
Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie sieht in der Kunst eine "transformative" Kraft. Die Erfahrung von Kunst könne das Weltbild eines Menschen verändern. "Man kann ein Buch lesen und danach die Welt anders sehen als zuvor. Keine politische Revolution, aber eine Revolution im Individuum", sagte der 78-Jährige dem "Kölner Stadtanzeiger". Als Beispiel nannte Rushdie Picassos berühmtes Gemälde "Guernica", das ihn zutiefst bewegt habe. "Wenn ich an Krieg denke, denke ich an dieses Gemälde", sagte der Autor. "So bewegend kann Kunst in ihren besten Momenten sein." Er betonte, dass Kunst im Gegensatz zu Propaganda stehe. "Die Mächtigen missbrauchen die Sprache, um die Wahrheit zu verzerren und so Macht auszuüben. Als Schriftsteller versucht man, mit Hilfe von Sprache die Wahrheit zu enthüllen", sagte Rushdie. Politiker benutzten Sprache, um zu verbergen, was wirklich vor sich gehe: "Künstler benutzen Sprache, um zu zeigen, was wirklich vor sich geht." Der Schriftsteller, der bei einem Attentat im Jahr 2022 schwer verletzt worden war, sprach auch über die Bedeutung von Gerechtigkeit in seiner Arbeit. In einer seiner neuen Geschichten thematisiert er unter anderem die Suche eines Geistes nach Gerechtigkeit. "Er kann nur Frieden finden, wenn ausgesprochen wird, dass das, was man ihm angetan hat, falsch war", sagte Rushdie. "Es ist eine Geschichte darüber, das zu bekommen, was man verdient und was einem zu Lebzeiten verweigert wurde." Rushdie nannte sich einen "glücklichen Schriftsteller", dem es gelungen sei, den Großteil seines Lebens von seiner Arbeit zu leben. Er müsse nicht alle fünf Minuten ein Buch herausbringen. Er schreibe nur, wenn er etwas zu sagen habe, erklärte Rushdie: "Ich habe mir nichts mehr zu beweisen. Man schreibt die Bücher, von denen man das Gefühl hat, sie schreiben zu müssen. Die zu einem kommen und bei denen man sagt: Du musst diese Geschichte erzählen."
Kunsttheorie
In einem Auszug aus ihrem Buch "True Color" beschreibt die Lexikografin Kory Stamper bei "Longreads" ihre Arbeit am legendären Wörterbuch von Merriam-Webster – und ihre Faszination für Farbbegriffe. Die Definitionen seien oft "trocken, unpersönlich, ein bisschen roboterhaft", doch gerade bei Farben gerate dieses System ins Wanken. Stamper zitiert etwa die absurde Beschreibung von "Begonia" als "ein tiefes Rosa, das blauer, heller und stärker ist als durchschnittliches Korallenrot" – ein Beispiel für die "völlig unsinnige" Vergleichskaskade. Solche Einträge hätten sie zugleich irritiert und begeistert. Farbe, so ihr Fazit, sei "so ärgerlich, so verführerisch, weil das, was wir über sie zu wissen glauben, unserer Erfahrung widerspricht" – und Sprache stoße hier an ihre Grenzen.