Debatte
Im "Guardian" kritisiert Eddy Frankel die diesjährige Shortlist des Turner Prize als "etwas zaghaft, etwas ängstlich, etwas sicher". Die Auswahl spiegele eine erschöpfte Gegenwart, es fehle an Wut, Radikalität und jener "verwandelnden Freude" früherer Jahrgänge. Positiv hebt Frankel Marguerite Humeau hervor, deren biomorphe Skulpturen hoffnungsvolle Zukunftsentwürfe zwischen Bienenstaat und Kommunismus entwerfen. Tanoa Sasraku überzeuge mit einer satirischen Abrechnung mit der Ölindustrie. Kira Freije schaffe installative Szenen wie einen "verwunschenen Schrottplatz", ungewöhnlich unideologisch und emotional. Skeptischer urteilt er über Simeon Barclay, dessen Performance wirke überernst und unfreiwillig komisch. Insgesamt bemängelt Frankel einen abgeschlossenen Betrieb, und weil er es mit so wahren Worten tut, sollen diese hier einmal ausführlich zitiert werden: "Es ist wieder einmal eine Turner-Prize-Shortlist, die von Kuratoren zusammengestellt wurde, die Jahr für Jahr dieselben Künstler in denselben Institutionen und auf denselben Biennalen sehen – in Ausstellungen, die von ihren Kumpels kuratiert, von ihren Kumpels finanziert und von ihren Kumpels besucht werden. Es ist schwer, sich dem Eindruck zu entziehen, dass das Ganze selbsterhaltend, engstirnig und elitär ist. Das verleiht dem Ganzen den Charakter einer Unternehmenskonferenz für die Kunstwelt."
Lisa Siraganian fragt in "Hyperallergic", ob Kunstwerke den Status einer Person besitzen könnten. Ausgangspunkt ist Pierre Huyghes Ausstellung "Liminal" in Venedig, wo eine vermeintliche Statue sich als menschlicher Performer entpuppte. Solche Arbeiten untersuchten, wie leicht Menschen Objekten oder Maschinen menschliche Eigenschaften zuschreiben. Siraganian verweist auf KI-Kunst wie den Roboter Ai-Da, der als Künstlerfigur vermarktet werde, obwohl Maschinen weder "Selbst" noch Bewusstsein hätten. Auch Werke mit sprechenden Smart-Assistenten spielten mit dieser Projektion. Die Autorin argumentiert, Kunst könne zeigen, wie verführerisch, aber problematisch die Ausweitung von Personrechten auf Nicht-Menschen sei. "Unter dem Strich verschlimmert die Ausweitung von personhood auf Nicht-Menschen die Lage", schreibt sie. Verantwortung für eine lebenswerte Gesellschaft bleibe beim Menschen.
Venedig-Biennale
In der "Welt" kritisiert Marcus Woeller die Jury der Venedig-Biennale scharf. Das Gremium hat noch vor Ausstellungsbeginn erklärt, Länder nicht zu berücksichtigen, deren führende Repräsentanten vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht würden – gemeint seien Russland und Israel. Woeller sieht darin eine politische Vorentscheidung, bevor überhaupt Kunst gesichtet worden sei. Aus einem ästhetischen Urteilsgremium werde so "ein politischer Akteur". Künstler würden nicht mehr allein nach Qualität beurteilt, sondern auch nach Herkunftsstaaten. Besonders widersprüchlich erscheine dies, weil Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco zuletzt Offenheit auch gegenüber Russland betont habe. Woeller spricht von einer Selbstbeschädigung der Institution: Die Biennale wolle Dialograum sein, während die Jury mit Ausschluss operiere. Das werde "nicht ohne Folgen bleiben".
Im Podcast "Time Sensitive" spricht Spencer Bailey mit dem US-Bildhauer Alma Allen über seine Berufung für den Venedig-Biennale-Pavillon der USA. Allen meint, seine biomorphen Skulpturen entstünden aus einem tranceartigen Arbeitsprozess: "Ich verliere gern das Zeitgefühl." Kunst solle keine Botschaft diktieren; wenn er den Betrachtern sage, was sie denken sollen, sei das "langweilig". Stattdessen hoffe er auf offene Begegnungen mit dem Werk. Die Debatte um seine Nominierung empfinde er als belastend, aber auch reizvoll. Schwierige Kontexte machten Arbeiten oft interessanter. Allen berichtet zudem von einem prekären Leben zwischen Obdachlosigkeit, Baujobs und Straßenverkauf eigener Skulpturen in New York. In der "Zeit" beschreibt Dirk Peitz deshalb den US-Pavillon als überraschende Fortschreibung des "amerikanischen Traums". Allens Auswahl beruhe weniger auf etablierten Kunststrukturen als auf einem Geflecht aus politischen und privaten Kontakten rund um eine neu gegründete Organisation namens American Arts Conservancy. Peitz schildert diesen institutionellen Hintergrund ironisch distanziert als ein System aus "erfahrenen Visionären", Lobbystrukturen und Zufällen. Der Pavillon erscheine so weniger als Ergebnis kuratorischer Expertise denn als zufälliges Produkt amerikanischer Aufstiegserzählungen.
Museen
Ein überschwänglicher Hanno Rauterberg schreibt in der "Zeit" über die neuen Museen in Los Angeles und fragt, ob dort eine neue Kunsthauptstadt entsteht. Im Zentrum stehen das LACMA von Peter Zumthor, das Lucas Museum und das KI-Projekt Dataland. Rauterberg beschreibt eine Stadt der Offenheit, in der das Museum "so ziellos wie Los Angeles" sei und "keine Türen und auch sonst keine Grenzen" kenne. Die Stadt schaue einem "immerzu über den Rücken", wodurch Kunst und urbaner Raum ineinandergriffen. Insgesamt entstehe eine Atmosphäre wachsender kultureller Euphorie: "Die Bereitschaft, sich an sich selbst zu berauschen, kennt offenbar kein Ende", sie trage die Kunst und verändere die Stadt nachhaltig.
Lauren Collins berichtet im "New Yorker" über die Ausstellung "Flops?!" im Pariser Musée des Arts et Métiers, die gescheiterte Erfindungen in den Mittelpunkt rückt. Kuratorin Marjolaine Schuch sagt, man habe zeigen wollen "das, was wir nie zeigen", nämlich "all den Kram, der sonst unter den Teppich gekehrt wird". Die Schau versammelt technische Irrtümer von Spray-on-Kondomen bis zu misslungenen Uhren und gescheiterten Designideen. Schuch verweist auch auf kulturelle Unterschiede und erklärt: "In Frankreich sprechen wir nie über diese Schritte, diese Grundlagen, diese Sackgassen". Zugleich entsteht eine Ironie der Ausstellung selbst, die überraschend erfolgreich ist: "Es ist nicht viel für manche Museen, aber für uns enorm".