Medienschau

"Wir sind ein Teil der Freizeitbranche"

artikelbild_monopol-medienschau

Kunstpalast-Direktor zum Vorwurf populistischer Programmgestaltung, Ex-Pussy-Riot-Mitglied soll für russischen Geheimdienst gearbeitet haben, Julia Voss über ein deutsches Nationalmuseum für Porträts: Das ist unsere Medienschau am Mittwoch

Kunstbetrieb

Im russischen Exilmedium "Port Media"-Interview berichtet die frühere Pussy-Riot-Aktivistin Rita Flores, dass sie 2023 vom russischen Geheimdienst FSB angeworben wurde. Flores schildert, sie habe unter Drohungen Informationen über zeitgenössische Künstler und politische Aktivisten sammeln müssen, darunter den Streetart-Künstler Philippenzo und den Aktionskünstler Pawel Krisewitsch. Zur Logik des FSB bei der Auswahl von Zielpersonen zitiert sie ihre Vorgesetzten: "Wenn ich schlechte Kunst sehe, auf der die Heimat beleidigt wird, muss ich anrufen und sagen: 'Einsperren!' – und wir fangen an, an ihm zu arbeiten." Später sei sie demnach beauftragt worden, bei der Ermordung des früheren Medienzona-Verlegers Pjotr Wersilow zu helfen. Mithilfe des Anwalts Dmitri Sachwatow gelang ihr laut eigener Aussage vor rund zehn Tagen die Ausreise aus Russland.

Im Interview mit dem "Standard" spricht Johan F. Hartle, scheidender Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien, über die Zukunft des Kunststandorts. Die Bedrohung durch KI für die unmittelbare künstlerische Praxis hält er für "nicht so dramatisch": Eine starke künstlerische Setzung lasse sich nicht einfach durch ein KI-Werk ersetzen. Zugleich warnt Hartle vor einer zu starken Politisierung der Kunst: Problematisch werde es, wenn Kunst als "Ersatzpolitik" verstanden oder künstlerische Debatten nur noch politisch-moralisch geführt würden. Den prekären Berufseinstieg von Absolventen vergleicht er mit dem Profifußball: Nur wenige könnten unmittelbar von ihrer Kunst leben.

In der "Zeit" spricht Juliane Liebert mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow anlässlich seines Buches "Detektive" (Verbrecher Verlag), das seine zwischen 1999 und 2019 entstandenen Kunstkritiken versammelt. Von Lowtzow erzählt, wie ihn die US-amerikanische Post-Hardcore-Szene über Plattencover wie die von Raymond Pettibon für Black Flag zur Kunst brachte: "Diese Verbindung von Kunst und Musik fand ich unfassbar sexy." Er berichtet zudem von einem zweijährig vorbereiteten Interview mit Regisseur Dario Argento, dessen gebrochenes Englisch er launig zitiert: "It's a movie with blood because I like blood... but I have to say, for adult." Sein rückblickendes Fazit zum eigenen Kunstkritiker-Handwerk: Irgendwann habe er ein "Repertoire" entwickelt, das ihn nicht mehr gereizt habe. Als Rockstar-Anekdote nennt er den Kauf flaschenweisen Champagners an der Tankstelle. Für Monopol hat Daniel Völzke das Buch in der Septemberausgabe besprochen.

Zachary Small berichtet in der "New York Times", dass die US-Regierung ein Gemälde von Kehinde Wiley aus der US-Botschaft in der Dominikanischen Republik entfernen ließ und nun dessen Verkauf prüft. Erin Scavino, Direktorin des Programms Art in Embassies, habe das Werk als "very woke" und "ästhetisch erschreckend" bezeichnet. Die Botschafterin Leah Campos habe die Entfernung gefeiert und erklärt, man lasse "globalistische und Woke-Ideologien“ hinter sich. Das 2013 mit Steuergeld in Auftrag gegebene Bild zeigt vier Dominikaner vor einem floralen Hintergrund. Virginia Shore, die es einst für das Programm ausgewählt hatte, hält die Politisierung für unverständlich: "Ich kann nur schwer nachvollziehen, warum man das als 'woke' bezeichnet." Sie betont, das Programm habe unter George W. Bush Vertrauen und Empathie über Grenzen hinweg fördern sollen.

Museen

In einem "Zeit"-Gastbeitrag plädiert die Kunsthistorikerin Julia Voss dafür, die Idee eines deutschen Nationalmuseums für Porträts nicht vorschnell abzulehnen. Eine geplante Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, kuratiert von Christopher Clark und Voss, soll ab 2028 das Potenzial einer solchen Sammlung ausloten – von Karl dem Großen und Luther bis zu unbekannten Menschen. Porträts, so Voss, versprechen, das „"Wesen, die Eigenheit, das Geheimnis" eines Menschen besser zu verstehen. Zugleich verweist sie auf die problematische Geschichte des Genres: Die Nationalsozialisten nutzten Porträts massenhaft zur Propaganda, weshalb die Amerikaner nach 1945 viele NS-Bildnisse unter Verschluss hielten. Die Ausstellung könne nun "die vielen widersprüchlichen deutschen Traditionslinien" erkunden. Für Monopol hat Daniel Völzke das Thema kommentiert.

In der "SZ" spricht Alexander Menden mit Felix Krämer, Generaldirektor des Düsseldorfer Kunstpalasts, über dessen publikumsnahe Strategie – vom "Dog Day" bis zur Fitness-Ausstellung in den Altmeistergalerien. Krämer verteidigt sein Konzept: "Wir sind ein Teil der Freizeitbranche. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen weniger Bildungsinstitut sind." Kritik an angeblich populistischer Programmgestaltung nimmt er gelassen; entscheidend sei der gesellschaftliche Rückhalt, gemessen etwa an den Mitgliederzahlen des Freundeskreises, die von 700 auf fast 7000 gestiegen seien. Zur Balance zwischen Popkultur und Fachanspruch sagt Krämer: "Man kann das eine machen, ohne das andere zu lassen." Sein Erfolgsrezept fasst er so zusammen: "Man muss vom Gegenüber, vom Publikum aus denken" und fragen, "ob sich der Besucher willkommen fühlt".

Kunstmarkt

In der "Financial Times" untersucht Jackie Wullschläger, warum bestimmte Gemälde des 20. Jahrhunderts zu Milliardärstrophäen wurden. Anlass ist die Schenkung von Ronald Lauders Sammlung, darunter Gustav Klimts "Adele Bloch-Bauer I", an das Metropolitan Museum ab 2028. Wullschläger erinnert daran, dass Klimt 2006 noch kaum kanonisiert war und weder in Ernst Gombrichs Standardwerk noch bei Robert Hughes vorkam. Sotheby's-Europachef Oliver Barker erklärt den Trend so: "Eine Milliardärsklasse mit unermesslichem Reichtum jagt nun Namen hinterher, als wären sie Marken." Entscheidend sei die sofortige visuelle Erkennbarkeit von Künstlern wie Pollock, Warhol oder Rothko. Wullschläger konstatiert zudem eine wachsende Kluft zwischen dem Markt, der laut ihr fast ausschließlich auf Qualität und visuelle Wirkung setze, und den zunehmend politisch-konzeptuell ausgerichteten Museen des Westens.

Architektur

In einem "FAZ"-Gastbeitrag fragt der Architekturtheoretiker Albert Kirchengast, ob wir verlernt haben, schön zu bauen. Er verweist auf William Morris, dessen Programmschrift von 1880 vor "der Gefahr, dass der gegenwärtige Gang der Zivilisation die Schönheit des Lebens zerstören wird" warnte. Morris habe das Schöne als Frage des Maßes verstanden – veranschaulicht an seiner berühmten Aufzählung eines einfachen Wohnraums, die mit dem Satz endet: "Weiter brauchen wir nichts." Kirchengast zieht auch den Architekten Heinrich Tessenow heran, dessen Buchtitel "Handwerk und Kleinstadt" für ihn ein selbstbestimmtes Gemeinschaftsleben symbolisiere. Sein Fazit: "Schönheit ist die Erfahrung von Genügsamkeit. Sie stellt sich ein, wo die Dinge ins Gleichgewicht geraten." Architektur müsse sich laut Kirchengast wieder als Brücke zwischen Disziplin und Gesellschaft begreifen, statt sich der "technikgläubigen Euphorie" gegenüber neuen Technologien zu verschließen.