Kulturpolitik
Sophie Jung schreibt in der "taz", die Kunstbiennale in Venedig werde zunehmend zum geopolitischen Schauplatz, auf dem Staaten um Einfluss ringen. 99 Länder nähmen teil, viele nutzten die Ausstellung gezielt als Instrument der "Soft Power". So erscheine Russlands Rückkehr als "kulturelle Spezialoperation", die weniger auf Preise als auf Image ziele. Auch andere Akteure setzten politische Zeichen, etwa mit ukrainischen Gegenpositionen. Am Beispiel von Gabrielle Goliaths ausgeladenem Projekt "Elegy", das nun parallel gezeigt wird, zeige sich, wie umkämpft Deutungen etwa des Gazakriegs seien; Südafrika habe die Arbeit als "höchst spaltend" abgesetzt. Jung folgert, das Publikum müsse genau prüfen, "aus welchen ideologischen Hintergründen heraus" Kunst entstehe.
Christian Schröder berichtet im "Tagesspiegel", dass Roland Borchers überraschend zum Leiter der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gewählt wurde. Der zuvor als "chancenloser Zählkandidat" geltende Historiker setzte sich einstimmig als Kompromiss durch. Die bisherige Direktorin Gundula Bavendamm verliert ihr Amt – trotz wachsender Besucherzahlen und internationalem Renommee; schon die Stichwahl galt als "Demütigung". Hinter der Entscheidung stand ein ideologisch aufgeladener Konflikt um die Ausrichtung der Einrichtung. Kritiker warnten vor einer "180-Grad-Kehrtwende" hin zu einer stärkeren deutschen Opferperspektive. Mit Borchers’ Wahl bleibt das Haus laut Schröder auf einem versöhnungsorientierten Kurs. Andreas Kilb betont in der "FAZ", dass die Berufung politisch hart umkämpft war, mit Einflussnahmen von CDU, CSU und dem Bund der Vertriebenen. Er warnt, ein Kompromiss könne die Ursachen der Konflikte nur übermalen: Borchers übernehme "kein ruhiges Museumsschiff, sondern ein Schiff im Sturm".
Bose Krishnamachari trat im Januar als Präsident der Kochi-Muziris Biennale (KBF) und als Mitglied des Board of Trustees zurück, berichtet der "Indian Express". Grund war laut KBF-Vorsitzendem Venu Vasudevan eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung. Krishnamachari habe die Vorwürfe als "irreführend und unbegründet" zurückgewiesen und angekündigt, rechtliche Schritte einzuleiten. In der Pressemitteilung der Biennale hatte er zuvor familiäre Gründe genannt und betont, er wolle "zurück zu meiner künstlerischen Praxis". Die Biennale wird nun von Jitish Kallat geleitet, während die aktuelle Ausgabe von Nikhil Chopra und HH Art Spaces kuratiert wird. Kalra hebt hervor, dass Krishnamachari die Biennale seit ihrer ersten Ausgabe 2012 mitaufgebaut habe.
Kunstmarkt
Philipp Meier berichtet aus Hongkong in der "NZZ", dass die Art Basel / Hong Kong den globalen Kunstmarkt in Hochform zeige. Schon vor der Eröffnung hätten Sammler gefürchtet, Werke könnten "in den ersten Messe-Minuten verkauft sein" – eine Sorge, die sich bestätigte. Begehrt seien vor allem westliche Klassiker wie Pablo Picasso oder Marc Chagall, deren Arbeiten Millionenpreise erzielen. Meier schreibt, hier werde das "Aufeinandertreffen von Kunst, Geld und Begehren" zelebriert. Zugleich richte sich das Angebot gezielt an asiatische Käufer, die zunehmend investieren. Kunst erscheine dabei als ambivalente Ware: Ihr Wert gehe über den Preis hinaus, lasse sich aber vom Markt maßgeblich bestimmen – ein Spannungsfeld zwischen "Price" und "Value". Elisa Carollo berichtet im "Observer", dass der VIP-Tag – anders als früher – stark regional geprägt war, mit vielen Sammlern aus Hongkong, China, Taiwan, Korea und Japan. Carollo hebt erfolgreiche Verkäufe hervor: Liu Ye für 3,8 Millionen Dollar, Marlene Dumas für Millionen Dollar oder Louise Bourgeois für knapp Millionen Dollar. Hauser & Wirth betonte den Zuwachs an Qualität und Besucherinteresse, Marc Payot sagte: "Es ist inspirierend zu sehen, wie sich das weiterentwickelt." Die Messe signalisiere damit Vertrauen in Hongkong als Hub für regionale Sammler.
Guillaume Cerutti verlässt nach nur 13 Monaten die Pinault Collection. "The Art Newspaper" berichtet, dass es "keine offizielle Stellungnahme" zu seinem Rücktritt gebe. Cerutti, 60, hatte zuvor als CEO von Christie's gearbeitet und leitete den Verkauf wichtiger Sammlungen, darunter die Peggy- und David-Rockefeller-Kollektion. Noce beschreibt Cerutti als "Rolls-Royce-Intellektuellen" und betont, dass er in der Pinault Collection einer "überfüllten Hierarchie" begegnete, in der François Pinault trotz seines Alters von 89 Jahren aktiv bleibt. Cerutti wolle nun keine neue Position antreten, teilt die Sammlungssprecherin mit. Noce deutet indirekt an, dass der Rücktritt in das komplexe Organisationsgefüge und die Präsenz des Stifters eingebettet sei.
Restitution
Im Interview mit der "taz" sagt Alhena Caicedo, Direktorin des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte, sie fühle sich den Menschen verpflichtet, die seit Jahren für die Rückgabe der San-Agustín-Statuen kämpfen: "Ich fühle mich diesen Menschen gegenüber verpflichtet, sie zurückzuholen." Zugleich beobachte sie, dass der politische Wille schwanke: "Es gab gute Momente […]. Es gab aber auch Phasen, in denen der politische Wille zur Rückgabe abgenommen hat." Zur Lagerung der Objekte in Berlin merkt sie an, diese seien zwar sicher, doch ihr eigentlicher Wert gehe darüber hinaus: "Ist es nicht besser, dass sie dort sind, wo sie ihren symbolischen, spirituellen Wert entfalten können?" Entscheidend sei, "dass es nicht nur um das Objekt geht, sondern darum, für wen es geschaffen wurde." Auf die Frage nach einer möglichen Rückgabe antwortet sie unmissverständlich: "Natürlich!" Gleichzeitig zeigt sie sich offen für Kooperationen mit Deutschland: Man fordere die Rückgabe "eindeutig", sei aber bereit, die Statuen "gemeinsam zu erforschen".
Malerei
Der Maler David Hockney kritisiert zu viel abstrakte Malerei: "Es wird heutzutage zu viel abstrakte Malerei gemacht", sagte der 88-Jährige der "Sunday Times". Laura Freeman widerspricht in der "Times": Figurative Malerei erlebt ein Comeback, Beispiele seien Lubaina Himid auf der Biennale von Venedig, Hurvin Anderson bei Tate Britain und Cecily Brown in der Serpentine Gallery. Freeman beschreibt, dass auch Nikoleta Sekulovic, Sarah Ball oder Georg Wilson aktuell viel Aufmerksamkeit erhielten. Hockney habe schon in den 1960ern mit seinen Love-Gemälden die Gegenkultur geprägt, und heute feiere die Szene die Wiederauferstehung des Figurativen. Hockney kritisiere zudem Rothko, Freeman betont aber, dass Abstraktion schwieriger sei, als viele glauben, und dass die Renaissance der figurativen Malerei Hockneys Einfluss verdankt.