Debatte
In der Affäre um Fördermittel gegen Antisemitismus hat die Berliner CDU-Generalsekretärin Ottilie Klein Regierungschef Kai Wegner in Schutz genommen. Die Kritik aus der Opposition und vom SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach sei "ein ganz durchsichtiges Manöver" und "Wahlkampfgetöse", sagte sie dem RBB. "Hier wird ganz offensichtlich versucht, aus der Sache politischen Profit zu schlagen", sagte Klein. Fünf Monate vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus war Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) am Freitag zurückgetreten. Zuvor hatte der Berliner Landesrechnungshof die Förderung einer Reihe von Projekten im Bereich der Antisemitismusprävention in Millionenhöhe als rechtswidrig bewertet. Sie habe "großen Respekt" für die Entscheidung und sei Wedl-Wilson dankbar, dass sie Verantwortung übernommen habe, sagte Klein. Der Rücktritt sei jedoch auch "schmerzhaft", "denn sie war eine gute Senatorin und sie war auch sehr angesehen in der Kulturpolitik." Für die Affäre jedoch Wegner in Verantwortung zu ziehen, sei "der Sache nicht angemessen", sagte Klein. Stattdessen müsse es nun "um den Kampf gegen Judenhass in dieser Stadt" gehen. "Wir müssen alles dafür tun, wie wir die Mittel jetzt auf die Straße bringen", sagte Klein, die auch Sprecherin für Kultur und Medien bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist. Einen Konflikt mit der mitregierenden SPD sieht Klein nicht. "Der Spitzenkandidat der SPD spricht weder für die Koalition noch spielt er eine Rolle in der Landespolitik. Insofern sind wir da ganz gelassen." Der einstige Berliner Staatssekretär Krach gehört dem aktuellen Senat nicht an. Er ist seit 2021 Regionspräsident in seiner Geburtsstadt Hannover.
Nach dem Rücktritt der Kultursenatorin fordert die Vorständin der Berliner Kulturkonferenz, Franziska Stoff, rasch Stabilität an der Spitze der Kulturverwaltung. "Die Gemengelage insgesamt ist natürlich eine Gefahr für die Kulturförderung in der Stadt und für die Kultur insgesamt", sagte sie im RBB-"Inforadio". Es sei wichtig, dass jetzt Stabilität einkehre und der oder die Nachfolgerin von Wedl-Wilson für die Kultur kämpfe, gerade mit Blick auf knappe Kassen und die schwierige Haushaltslage. "Wir wollen Rücknahme von Kürzungen", sagte Stoff. Sie wollte auf Nachfrage nicht ihre persönliche Meinung zu Wedl-Wilson abgeben, betonte aber, dass "sehr, sehr viele gute Sachen" passiert seien, "die sollte man nicht vergessen". Die Berliner Kulturkonferenz ist eigenen Angaben zufolge das größte Bündnis der Berliner Kulturverbände. Es versteht sich als direkter Ansprechpartner für Politik und Verwaltung. Der Direktor der Deutschen Oper in Berlin, Thomas Fehrle, bedauert den Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. "Mir tut es persönlich sehr leid für Sarah, weil sie hat das wirklich sehr engagiert gemacht und war auch kompetent oder ist kompetent, was ja auch nicht selbstverständlich ist in dem Bereich", sagte er am Samstag in der RBB-"Abendschau". Fehrle ist Vorsitzender des Landesverbandes Bühnenverein Berlin, zu dessen Mitgliedern unter anderem das Berliner Ensemble, das Staatsballett Berlin, die Komische Oper und der Friedrichstadt-Palast gehören. Zwei Monate vor der parlamentarischen Sommerpause des Berliner Abgeordnetenhauses sei fraglich, ob es sich noch lohne, das Amt neu zu besetzen, sagte Fehrle. "Ich würde das eher so sehen, dass wahrscheinlich der Regierende Bürgermeister das Amt zu sich nimmt, und der hat eine Staatssekretärin, und vielleicht sozusagen darüber diesen Bereich stärkt."
Die angekündigte Schließung der Berliner Dependance der Julia Stoschek Foundation Ende Oktober ist laut Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr in der Deutschlandfunk-Kultur-Sendung "Fazit" vor allem Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung. Julia Stoschek wolle sich stärker international orientieren, ihr Stammhaus in Düsseldorf bleibt bestehen und wird 2027 nach Renovierung wiedereröffnet. Als wichtigen Impuls nennt Buhr die Ausstellung "What a Wonderful World" in Los Angeles. Diese sei "wirklich ein Triumph für sie" gewesen. Das habe Stoschek offenbar darin bestätigt zu sagen: "Ich will Berlin verlassen, ich will jetzt mehr international arbeiten." Buhr könne sich vorstellen, "dass sie häufiger was in Los Angeles machen wird". Die Sammlung selbst bezeichnet sie als "wirklich beeindruckend". Stoschek habe "immer Cutting-Edge gesammelt" und sei oft schneller als öffentliche Institutionen. Für Berlin sei die Schließung vor allem "eine Image-Sache". Gerade zu Gallery Weekend oder Berlin Art Week sei bei Stoschek "immer die beste Party" gewesen. "Das war Berlin, wie es eigentlich sein möchte." Der Verlust treffe eine ohnehin angeschlagene Szene. "Viele sagen ja, Berlin ist vorbei", so Buhr. Sie kritisiert einen Senat, "der sich ja überhaupt nicht für die Kunstszene interessiert". Zugleich werde es durch steigende Mieten, weniger Ateliers und gestrichene Förderungen schwieriger. Dadurch könne "dieser innovative Vibe verloren gehen".
Kunstmarkt
Wie Graham Bowley in der "New York Times" berichtet, hat eine New Yorker Jury dem Morgan Art Foundation im Streit um das Erbe von Robert Indiana 102,2 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen. Der Kunstverleger Michael McKenzie habe demnach unerlaubte oder verfälschte Werke nach Motiven des Künstlers produziert, darunter Varianten des ikonischen "LOVE"-Schriftzugs. Morgan argumentierte, McKenzie habe mit "falschen Arbeiten" Markt und Ruf Indianas beschädigt. Anwalt Luke Nikas sagte, das Urteil stelle das Vertrauen in den Markt wieder her. McKenzies Anwältin Nicole Brenecki nannte die Summe "astronomisch" und erklärte, ihr Mandant prüfe eine Berufung. Der seit acht Jahren laufende Rechtsstreit um Fälschungen, unbezahlte Tantiemen, Missbrauchsvorwürfe und Markenrechte hatte laut Bowley den Markt für Indiana lange belastet.
Porträt
Wie Tom Faber in der "Financial Times" schreibt, verbindet Lawrence Abu Hamdan Kunst, Aktivismus und Recherche zu einer akustischen Forensik gegen staatliche Vertuschung. Der 40-Jährige leitet die Organisation Earshot, die Tonaufnahmen auswertet, um Gewalt nachzuweisen. Jüngstes Beispiel seien die Proteste in Belgrad 2025: Zeugen berichteten von einem "rasenden, heranrollenden Motor", obwohl kein Fahrzeug zu sehen war. Earshot vermutete den Einsatz einer Schallwaffe. Abu Hamdan sagt: "Indem man auf Geräusche hört, entlarvt man die Selbstgefälligkeit der Macht." Bekannt wurde er auch durch Untersuchungen zu Syrien, Frankreich und Gaza. Zu palästinensischen Opfern erklärt er: "Die Stimmen der Palästinenser erfordern enorm viel Arbeit, um überhaupt Gehör zu finden." Seine Ergebnisse erscheinen als Berichte für Parlamente, aber auch als Filme, Performances oder Games. Ob das "richtige Kunst" sei, interessiere ihn nicht: "Das ist nicht wirklich mein Problem."
Museen
Wie Lanre Bakare im "Guardian" schreibt, steht die Tate nach dem Rücktritt von Direktorin Maria Balshaw vor einer strategischen Neuausrichtung. Nach neun Jahren verlässt sie das Amt in einer Phase widersprüchlicher Bilanz: steigende Besucherzahlen und große Ausstellungen stehen neben Sparzwängen, internen Konflikten und politischem Druck. Tate-Vorsitzender Roland Rudd betont im Gespräch die positive Entwicklung der Institution und verweist auf Millionen Besucher sowie Rekord-Mitgliedschaften. Gleichzeitig sei die Tate, so Bakare, nach Pandemie, Entlassungen und "Kulturkampf"-Debatten intern geschwächt sei; die Stimmung unter Mitarbeitenden sei laut einem Insider "auf dem Boden". Balshaw selbst verteidigt ihren Abschied als planmäßig: "Man geht, wenn die Dinge gut laufen. Man geht nicht, wenn sie schlecht laufen." Kritiker bemängeln dagegen fehlende langfristige Vision. Ex-Direktorin Frances Morris sagt: "Tate wird ohne Mission nicht gedeihen.“ Der neue Leiter oder die neue Leiterin müsse, so der Artikel, eine Institution führen, die von Bakare als "unwieldy beast" beschrieben wird – ein überkomplexer, schwer steuerbarer Apparat zwischen politischem Erwartungsdruck, Finanznot und kultureller Selbstverortung.
Gedenkkultur
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat eine für die im Ukraine-Krieg gefallenen nordkoreanischen Soldaten eröffnete Gedenkstätte eingeweiht. Während seiner Rede dazu, die er bereits am Sonntag in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang hielt, sprach Kim auch von der Notwendigkeit, die Beziehungen zwischen Pjöngjang und Moskau zu einem "mächtigen Bollwerk" zu stärken, wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA berichtete. Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen einen russischen Angriffskrieg. Nordkorea ging dafür eine für das Land beispiellose Militärkooperation mit Russland ein. Laut Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes NIS wurden bis zu 15.000 Soldaten aus Nordkorea zur Unterstützung Russlands im Ukraine-Krieg entsandt. Rund 600 sollen demnach während ihres Auslandseinsatzes gestorben sein, mehr als 4.000 weitere Soldaten verwundet. Bei der Eröffnungszeremonie für das "Gedenkmuseums für militärische Auslandsoperationen und Kampferfolge" – so der offizielle Titel der Gedenkstätte – waren auch der russische Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin sowie der russische Verteidigungsminister Andrej Beloussow anwesend. Die Veranstaltung erfolgte zum Jahrestag der russischen Rückeroberung der zuvor von ukrainischen Streitkräften eingenommenen Region Kursk.