Medienschau

"Der Papst bittet Sie, Musik zu schreiben"

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FKA Twigs über ihren Beitrag zum Vatikan-Pavillon, Trevor Paglen über das "Ende der Aufklärung" und mehr als drei Jahre Haft für Russin nach einem Instagram-Post: Das ist unsere Presseschau am Mittwoch

Debatte

In der "Zeit" spricht Autorin Rabea Weihser mit dem Künstler Trevor Paglen über KI-Bilder, soziale Medien und das "Ende der Aufklärung". Paglen beschreibt eine Medienwelt, in der Bilder keine Wirklichkeit mehr abbildeten, sondern "aktivieren" sollen – Aufmerksamkeit, Emotionen, Reaktionen. Beim Blick auf Kriegsbilder auf X habe er bemerkt, dass er inzwischen davon ausgehe, "dass alles AI Slop ist", um dann mühsam nach etwas Realem zu suchen. Die Demokratie beruhe jedoch auf der Vorstellung einer gemeinsamen empirischen Realität. Wenn diese zerfalle, drohten politische Konsequenzen. Deshalb sagt Paglen: "Wir werden gerade alle zu UFO-Forschern." Menschen sähen zunehmend das, was sie glauben oder erwarten wollen. Techplattformen nennt er offen "Dämonen unserer Zeit"; soziale Medien wirkten womöglich ähnlich gesundheitsschädlich wie Zigaretten. Trotzdem zeigt er sich "nicht optimistisch, aber hoffnungsvoll".

Im "Vice"-Magazin spricht Kunstkritiker Dean Kissick mit Dokumentarfilmer Adam Curtis über die Krise des Selbst, die Erschöpfung der Gegenwart und die Zukunft von Kunst und Realität. Curtis beschreibt das heutige Freiheitsideal des autonomen Individuums als Sackgasse: "Vielleicht ist das Selbst oder die Idee des Selbst zu diesem schrecklichen Gefängnis geworden, in dem wir gefangen sind." Die Kultur der permanenten Selbstinszenierung habe laut Curtis seit den späten 1990ern das "wahre Ich“ verdrängt. Auch soziale Medien und KI böten keine neue Vision mehr; KI sei lediglich "mehr vom Gleichen". Kunst wiederum scheitere daran, das digitale Leben emotional zu erfassen. Kissick hält dagegen, Chaos und die "Auflösung der Realität" könnten produktiv sein: "So verliebt man sich in die Gegenwart."
 

Venedig-Biennale

In "Ocula" beschreibt Nell Whittaker die 61. Venedig-Biennale als Schau, in der politische Spannungen, Trauer und ein auffälliger Hang zu verspielter, irrelevanter Kunst nebeneinander existieren. Während die Rückkehr Israels und Russlands, Proteste sowie ein Rücktritt der Jury die politische Lage aufladen, ziehen vor allem witzige, körperbetonte und oft groteske Arbeiten das Publikum an. Die Autorin beobachtet dabei wiederkehrende Motive des Karnevalesken und beschreibt, dass sie überall "versteckte Symbole des Karnevalesken" wahrnehme. Die Biennale erscheint ihr als widersprüchliches Ganzes, in dem Installationen über Geburt, Fürsorge und Körperlichkeit mit globalen Krisen verschränkt sind. Protestaktionen – etwa mit der Forderung, das Töten zu stoppen und die Zukunft neugeborener Kinder zu schützen – verstärken diesen Eindruck. Whittaker fasst das Geschehen als "großes, komplexes Bild" zusammen, in dem leise und laute Momente gleichermaßen Teil eines gemeinsamen atmosphärischen Gefüges werden, das zwischen politischem Ernst und spielerischer Überdrehtheit oszilliert.

In der "Zeit" spricht Autorin Aida Baghernejad mit der Musikerin FKA Twigs über ihre Beteiligung am Vatikan-Pavillon. Die Musikerin beschreibt den Auftrag als außergewöhnlich: "Und dann kommt so eine Anfrage ausgerechnet vom Papst." Tatsächlich habe sie eine Nachricht erhalten, in der es hieß: "Der Papst bittet Sie, Musik zu schreiben." Für sie sei die Biennale ein "Angebot, das man nicht ablehnen kann", zugleich aber auch eine Erweiterung ihrer Praxis zwischen Tanzfläche und sakralem Raum. Während ihre Performances sonst Clubs und Konzerthallen in kollektive Ekstasen verwandeln, gehe es hier um Meditation und Kontemplation – sie arbeite mit Chorstrukturen und übereinandergeschichteten Gesängen. Die Künstlerin reflektiert den Kontrast zwischen Techno, queerer Clubkultur und Kirche und sieht gerade darin eine produktive Spannung: Vielleicht könne sie "einen kleinen Teil der kulturellen DNA" des Vatikans verändern und neue Perspektiven auf dessen Rolle in der Gegenwart eröffnen. Im Monopol-Podcast "Kunst und Leben" spricht Hans Ulrich Obrist über den ihm kuratierten Vatikan-Pavillon.

Kunstfreiheit

Ein Gericht in Moskau hat eine junge Frau zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem sie auf Instagram ein Bild von einer Wasserpfeife (Shisha) auf einem traditionellen russischen Osterkuchen veröffentlicht hatte. Drei Jahre und 25 Tage muss sie in eine Strafkolonie, wie mehrere Medien übereinstimmend aus dem Gerichtssaal meldeten. Als Angestellte einer Shisha-Bar in Moskau hatte sie im April einem Gast seine Wasserpfeife auf einem Kulitsch (Osterkuchen) präsentiert und dazu einen Post auf Instagram veröffentlicht. Danach leiteten russische Behörden ein Strafverfahren wegen des Vorwurfs der Verletzung religiöser Gefühle ein. Im vergangenen Jahr war die Frau dem oppositionellen russischen Portal "Mediazona" zufolge wegen eines Drogenvergehens zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Im Rahmen des neuen Verfahrens ordnete das Gericht demnach nun die Umwandlung der Bewährungs- in eine Haftstrafe an. Es blieb damit nur knapp unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft von drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsentzug. Der Kulitsch ist ein traditionelles Ostergebäck in Russland, das die orthodoxen Christen zusammen mit den Ostereiern und einer Quarkspeise verzehren. Es markiert das Ende der Fastenzeit zum Ostersonntag. Oft lassen Gläubige den Kulitsch sogar vor Ostern von Priestern weihen. Seit 2013 ist die Verletzung der Gefühle von Gläubigen in Russland strafrechtlich relevant. Auslöser war eine Performance der Gruppe Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.

Das besondere Kunstwerk

In der "SZ" beschreibt Peter Richter eine künstlerische "Reparatur" an einem zerbrochenen Renaissance-Altar von Albrecht Dürer. Das Werk "Die Sieben Schmerzen der Maria" wurde durch Reformation, Verteilung und spätere Beschädigungen faktisch auseinandergerissen: Die Mitteltafel mit der Schmerzensmutter befindet sich in München, die übrigen Tafeln in Dresden. Der in Berlin lebende Künstler Slawomir Elsner ergänzt die fehlende Mitte nicht restaurativ, sondern als Zeichnung in seinem charakteristischen, schraffurartigen Stil. Richter beschreibt diesen Ansatz als Schwebezustand zwischen Rekonstruktion und Auflösung: Elsners Liniengewebe lasse Figuren nur "erscheinen, um sich beim näheren Hinsehen wieder in abstraktes Rauschen aufzulösen". Damit werde keine Wiederherstellung behauptet, sondern ein Bildzustand der Lücke sichtbar gemacht. Der Autor betont, dass hier weniger von "Heilung" als vielmehr von "Linderung" gesprochen werden könne – ein temporäres Zusammenführen dessen, was historisch getrennt blieb, ohne den Bruch zu leugnen.