Medienschau

"Tragödie und Erfolgsstory in einem"

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Trauer um Yayoi Kusama, noch mehr Meinung zu einer deutschen Porträtgalerie und ein Action-Painter am Mischpult: Das ist unsere Presseschau am Freitag

 

Kunst und Kriminalität

Hintergründe zum spektakulären Juwelenraub im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) liefert die Zeitung "Der Standard". Zwei unmaskierte Männer kamen am Donnerstagnachmittag als normale Besucher ins MAK, schlugen mit einem Hammer eine Vitrine ein und flüchteten zu Fuß Richtung Stadtpark; einer soll eine "mutmaßlich echte Schusswaffe" getragen haben. Ihre Beute: ein 4,3 Millionen Dollar teures Collier von Van Cleef & Arpels mit 673 Diamanten und insgesamt 200 Karat. Das Schmuckstück wurde 1939 von der ägyptischen Königin Nazli bei der Hochzeit ihrer Tochter Fawzia mit dem späteren Schah von Persien getragen – und war selbst schon einmal 40 Jahre lang verschollen. Nun fahndet die Polizei national und international nach den beiden Männern und wertet Aufnahmen aus U-Bahn-Stationen und Geschäften aus. Im Museum selbst ist vom Tatort dagegen kaum noch etwas zu sehen: Die eingeschlagene Vitrine wurde mit Platten verkleidet. Einen Tag nach dem Raub ist die Ausstellung "Glanzstücke" schon wieder geöffnet. Neu im Museum: ein Metalldetektor.

 

Nachruf

Zum Tod von Yayoi Kusama beschäftigen sich gleich mehrere Nachrufe mit der Frage, was hinter Punkten, Kürbissen und "Infinity Rooms" eigentlich übrig bleibt. Gesine Borcherdt beschreibt in der "Welt" Kusamas Leben als "Tragödie und Erfolgsstory in einem" – und ihr Werk als großes Selbstporträt, dessen psychische und biografische Abgründe auch dann noch "als Hintergrundmusik" mitlaufen, als aus der einstigen Außenseiterin längst eine globale Marke geworden ist. Gerade diesen Widerspruch findet Borcherdt produktiv: Kusama vereine wie kaum jemand sonst "Massentauglichkeit und Komplexität, Frohsinn und Psychose, Genie und Depression". Und ihre obsessive Egomanie sei in einer Gegenwart, die Kunst häufig als "ästhetisch öde Identitätspolitik" verkaufe, geradezu erfrischend. David Hugendick interessiert in der "Zeit" ebenfalls, welcher Teil des Werks verschüttet wird, wenn Polka-Dots Motivtassen und Instagram-Feeds erobern. Kusama sei eben nicht nur "die mit den Punkten", sondern eine prägende und erstaunlich heitere Künstlerin des 20. Jahrhunderts gewesen. Besonders schön beschreibt er ihre phallischen Skulpturen: Kusama habe ihre Ängste so lange vergrößert, bis der Schrecken "albern, lustig und banal" wirkte. Dass ihre Kunst später immer dekorativer und massentauglicher wurde, ist für Hugendick dabei kein Gegenargument: "Buntheit, Düsternis, Leichtigkeit und Schwermut" existierten bei Kusama einfach nebeneinander. Jenni Zylka findet in der "Taz" dafür ein passendes Bild: Wer in Kusamas verspiegelte "Zauberkästen" schaue, blicke "in einen Abgrund – wenn auch in einen bezaubernd erleuchteten". Den Monopol-Nachruf aus Yayoi Kusama von Silke Hohmann lesen Sie hier.


Architektur

Bernhard Schulz entdeckt im "Tagesspiegel" Josef Kaiser als einen der großen Architekten der DDR wieder. Während meist sein Kollege Hermann Henselmann im Rampenlicht steht, hat Kaiser dem sozialistischen Berlin einige seiner elegantesten Bauten hinterlassen: das Kino International, das Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz und die Pavillons an der Karl-Marx-Allee. Die Berlinische Galerie zeigt sein Werk nun in einer kleinen, laut Schulz "vorzüglich gestalteten" Ausstellung, die zum Glück nicht nur aus der üblichen Architektur-"Flachware" besteht. Zwischen Plänen, Fotografien und Projektionen findet sich etwa ein winziges Modell für ein Einfamilienhaus im West-Berliner Hansaviertel – es ist so klein, damit Kaiser es einst unbehelligt über die Sektorengrenze schmuggeln konnte. Auch "Babylon Berlin"-Fans dürften Kaiser  kennen: Seine gerade frisch sanierte und wiedereröffnete Mokka-Milch-Bar an der Karl-Marx-Allee war Drehort der Serie. Und das Timing könnte kaum besser sein: Ab dem 10. September gibt es die fünfte und letzte Staffel in der ARD-Mediathek.


Debatte

Julia Encke nimmt in der "FAZ" Wolfram Weimers Idee einer deutschen National Portrait Gallery unter die Lupe. Die für 2028 geplante Porträtausstellung im Deutschen Historischen Museum soll dem Kulturstaatsminister bekanntlich als Testballon für ein deutsches Pendant zum Londoner Vorbild dienen. Encke findet die Idee durchaus reizvoll: Gerade das "Durcheinander" von Margaret Thatcher, Lucian Freud und David Bowie mache den Charme der britischen Sammlung aus. Für Deutschland sieht sie allerdings ein paar größere Stolpersteine. Wer wird gezeigt, wer nicht? Wie erzählt man Geschichte nicht nur "von oben"? Und wie geht man mit der NS-Zeit um, deren Personenkult eine regelrechte Flut heroisierender Porträts hervorbrachte? Dass ein "Welt"-Kommentator Weimers Idee bereits als Gegenentwurf zu einem angeblichen "routinierten Schuldkult" bejubelte, sollte laut Encke jedenfalls "allen Beteiligten eine Warnung sein". Monopol-Autor Daniel Völzke hat Weimers Idee schon vor zwei Wochen auseinandergenommen – und dabei noch einen anderen Widerspruch gefunden.


Mode und Stil

Adriano Sack erklärt in der "Welt", warum der Sneaker ausgedient hat. Nach Jahren voller Limited Editions, Resale-Hype und Luxuskollaborationen wirke die einstige Obsession heute "furchtbar lange her" und ziemlich egal. Vor allem sei der Sneaker inzwischen "in schlechter Gesellschaft" unterwegs: zum engen Anzug bei Sportschau-Moderatoren, Ted-Talkern und Jungpolitikern – oder an den Füßen deutscher Rentner, die in On-Schuhen "gut gefedert zum E-Bike" schlurfen. "Sneaker sind nicht mehr die Schuhe der Eltern, sondern der Großelterngeneration", so Sack. Und auch der Limited-Edition-Nerd hat ein Problem: "Was früher nach Expertentum aussah, wirkt heute eher hängen geblieben." Wer heute etwas auf sich hält, trägt wieder Loafer. Ganz verschwinden werde der Turnschuh natürlich nicht: Wie die Jeans entwickle er sich schlicht "vom Statement zur Selbstverständlichkeit".

Sinem Kılıç hat für die "Zeit" in das erste Soloalbum von Beastie Boy Mike D reingehört. "Thank You" erscheint ausgerechnet 40 Jahre nach dem Beastie-Boys-Debüt "Licensed to Ill" – und Mike D, inzwischen 60, bezeichnet sich darauf selbst als "retired MC", nur um gleich hinterherzurappen: "You think it’s over but you haven’t even met me." Nach dem Tod von Adam "MCA" Yauch 2012 hatte er lange keine eigene Musik mehr machen können, nun spielt er ausgerechnet mit seinen beiden Söhnen in einer Band. Auf dem Album wird entsprechend weniger zurückgeschaut als herumprobiert: Hip-Hop, Funk, Punk, Gitarren, Samples und Synthesizer werden übereinander geschichtet. Kılıç nennt Mike D einen "Action-Painter am Mischpult", der Breakbeats und Synthesizer wie Farbe an die Wand schleudert. Dabei sitze nicht jeder Klecks, aber Perfektion sei hier ohnehin das falsche Kriterium, so die Autorin. Auch sonst beschäftigt Mike D gerade das Prinzip Familie: Im Jüdischen Museum Frankfurt hat er die Ausstellung "Mishpocha. The Art of Collaboration" über Familie, Wahlverwandtschaften und Subkultur mitkuratiert. Sie läuft noch bis zum 27. September.