Debatte
Im "Falter"-Podcast diskutieren Kulturchef Matthias Dusini und die Künstlerin Angèle Tremsal den Umgang mit der Kunst des österreichischen Aktionisten Otto Mühl, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Das Wiener Aktionismus Museum widmet ihm derzeit eine Ausstellung, in der der Kontext seiner Taten laut "Falter" weitgehend ausgeblendet werde. Tremsal, die nach eigenen Angaben als 15-Jährige erstmals von Mühl vergewaltigt wurde, und Dusini fragen, wie Museen mit Täterkunst umgehen sollten und welche Verantwortung sie gegenüber Betroffenen tragen. Protestierende fordern vor dem Museum "Verantwortung statt Wertsteigerung". Für Monopol hat sich Jonathan Guggenberger die Ausstellung angeschaut und Elke Buhr den Umgang mit Mühl kommentiert.
Museen
In "Vanity Fair" berichtet Nate Freeman über die Wiedereröffnung des New Museum an der Bowery, dessen Ausstellungsfläche sich durch einen Erweiterungsbau verdoppelt hat. Der neue Direktor Massimiliano Gioni, seit sechs Wochen im Amt, versichert Freeman: "Wir wollen der Ort der Künstler bleiben. Wir wollen nicht einfach zu einem Konzern werden, in dem ich mir nur Sorgen um Management und Ressourcen mache." Zur Eröffnung lud er 45 Künstler und 42 Trustees zu einem "First Supper" ein. Die drei Auftaktschauen seien ein "Fahrplan" dafür, was das Museum sein wolle. Freeman nennt Arthur Jafas "I Am Tony" eine "Offenbarung", räumt aber ein, die immersive Inszenierung sei für Uneingeweihte womöglich "ein bisschen überwältigend". Gioni selbst scherzt über den Neustart wie ein Mann, der ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt und vor dem Aufprall sagt: "Soweit alles gut".
Venedig-Biennale
Für "Hyperallergic" zählt der deutsche Pavillon von Sung Tieu und Henrike Naumann zu den schlechtesten Länderbeiträgen der Venedig-Biennale. Chefredakteur und Krawallbürste Hrag Vartanian sieht in der Ausstellung "abgedroschene politische Kommentare für Menschen, die Oberflächliches für Substanz halten, und Nabelschau über jene Teile der deutschen Geschichte, deren Erforschung gefahrlos ist – während man den Elefanten im Raum ignoriert, der das Land zu einer Hochburg der Intoleranz und Ungerechtigkeit gemacht hat" – womit er wahrscheinlich den deutschen Umgang mit Israelkritik und die "Staatsräson" versteht, seine ultrakurze Nicht-Argumentation bleibt da vage. Er sieht im deutschen Pavillon eine ähnliche Problematik wie im US-Pavillon: Beide Ausstellungen würden sich von der Realität der Gegenwart abschirmen. Die Wahl des deutschen Pavillons für die Shitlist ist natürlich provokativ gemeint, weil der Beitrag bislang positiv wahrgenommen wurde. Und vielleicht weiß Vartanian aus seiner New Yorker Perspektive tatsächlich nicht, welches Pulverfass Ost/West-Geschichte in Deutschland noch heute ist – was sich auch in jüngsten Wahlergebnissen widerspiegelt. Aber die nach wie vor aktuellen Themen Migration, Rechtsradikalismus und die kalte Sprache des Staates bei Sung Tieu müsste doch selbst er wahrgenommen haben.
Kunstmarkt
Im "Art Journal" beschreibt Alexandra F. Coego, warum spanische Galerien weiterhin 21 Prozent Mehrwertsteuer zahlen, obwohl Italien, Frankreich und Deutschland ihre Sätze auf fünf bis sieben Prozent gesenkt haben und die EU-Kommission Spanien wegen Nichtumsetzung vor den Europäischen Gerichtshof bringt. Galerist Moisés Pérez de Albéniz sagt: "Ich bin sehr wütend über die Situation, sie erwürgt die zeitgenössische Kunst." Nach Streiks, Museumsbesetzungen und Protesten auf der Arco sei der Ton resigniert; Konsortiumspräsidentin Idoia Fernández räumt ein: "Ratlosigkeit macht sich breit." Das Finanzministerium "prüfe" das Thema, einen Zeitplan gebe es nicht. Galerist Luis Valverde beschreibt Tricksereien beim Steuersatz und sagt zur Untätigkeit der Regierung: "Es ist wie Groundhog Day."
Nachruf
In der "taz" würdigt Gürsoy Doğtaş die im September mit 83 Jahren in Berlin gestorbene chilenische Malerin Cecilia Boisier. Boisier war 1975 vor der Diktatur nach West-Berlin geflohen und prägte die dortige Exil- und Kunstszene mit Gruppen, Ausstellungen und Werkstätten. Besonders wichtig war ihr die Solidarität unter Frauen; Künstlerinnen, die wie sie aus dem Ausland kamen, fand sie als Verbündete. Ihre gegenständliche Kunst sollte unmittelbar verständlich sein, zugleich vermied sie "sensationgierige Bilder von Schmerz und Erniedrigung". Ihre Exilbilder erzählen vom Warten und von der Verbindung zur verlorenen Heimat.