Ausstellung
Die Kritiken zu Jan Böhmermanns dreiwöchiger Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) fallen gespalten aus. Sie sei eine "künstlerische Kapitulation", meint Boris Pofalla in der "Welt". Werke wie eine aufblasbare Freiheitsstatue oder eine Butterbüste von Helmut Kohl hätten den "Humor von WG-Kühlschrankmagneten". Am Ende sei das alles regressiv, trotzig, eine Egoschau. Claudius Seidl meint hingegen in der "SZ", die Ausstellung verbinde "Ironie, absurdes Spiel und politischen Humor", merkt aber kritisch an, dass die meisten Installationen ohne Anleitung und Aufsicht bleiben und dass Momente der Schönheit "nicht unbedingt intendiert sind"; Besucher müssten sie selbst erarbeiten. Er lobt zugleich Böhmermanns Mut, Räume wie Glaskabinen zum Rauchen einzurichten, und sieht die Ausstellung als gelungene Mischung aus provokanter Inszenierung und spielerischem Kommentar auf Macht, Politik und Medien. Marlene Knobloch hebt in der "Zeit" hervor, dass der TV-Moderator und Satiriker die öffentliche Erregung bewusst ausnutzt und dass Böhmermann "niedrigschwellige Kunst, ein paar Gags, ein bisschen Kritik, ein bisschen gemeinsames Stirnrunzeln" zeige, ohne wirklich revolutionär zu sein, aber dennoch Lust auf Diskussionen mache. Elke Buhr hat für Monopol ein Interview mit Jan Böhmermann geführt.
Restitution
In der "Welt" kommentiert Marcus Woeller die Reform der Rückgabe von NS-Raubkunst als überfälligen Schritt zu mehr Gerechtigkeit. Statt der seit 2003 bestehenden Beratenden Kommission wird ab Dezember eine Schiedsgerichtsbarkeit verbindlich entscheiden. Unter den 36 Mitgliedern ist "Welt"-Autor Julien Reitzenstein, der seit Langem Kritik übt. Er betont, die alte Kommission habe zwar "Pionierarbeit geleistet", sei aber "nicht gut konstruiert" gewesen. Dass Familien beraubter Opfer nun Verfahren einseitig anstoßen könnten, sei zentral: So müssten sich staatliche Institutionen einer Klärung nicht mehr entziehen. Reitzenstein spricht von einem späten, aber notwendigen Fortschritt: "Es ist kaum das Versäumnis der beraubten Familien … noch weniger, dass die Bundesrepublik 80 Jahre gebraucht hat, um einen Rechtsanspruch zu schaffen."
Kunstgeschichte
Dalya Alberge berichtet im "Guardian", dass eine lange als Kopie geltende Darstellung von Caravaggio, "Der Lautenspieler", nun durch KI-Analyse als Original des Meisters identifiziert wurde, mit einer Wahrscheinlichkeit von 85,7 Prozent. Der britische Kunsthistoriker Clovis Whitfield, der das Werk 2001 für etwa 71.000 Pfund kaufte, betont, dass die Details der Darstellung exakt der Beschreibung von Giovanni Baglione aus 1642 entsprechen: "Baglione erwähnt minuziös beobachtete Details wie die Spiegelung der Tautropfen auf den Blumen." Whitfield kritisierte frühere Ablehnung durch Experten und erklärte, das KI-Ergebnis hole diese Position "vom Sockel". Art Recognition bestätigte zudem, dass eine andere Version, die in der Wildenstein-Sammlung gilt, nicht authentisch ist.
Kunstmarkt
"ARTnews" berichtet über die Initiative "10% Of", bei der 22 Galerien auf den Kunstmessen Frieze London und Frieze Masters zehn Prozent des Verkaufspreises ausgewählter Werke an die Londoner Nonprofit-Organisation Gallery Climate Coalition (GCC) spenden. GCC-Direktor Heath Lowndes erklärt: "Kleine Maßnahmen, die zusammen ergriffen werden, erzeugen einen bedeutsameren Effekt" und betonte, dass Kunstmessen mit ihrem hohen CO₂-Fußabdruck zentrale Akteure für wirkungsvolle Klimamaßnahmen seien. Die Aktion ermögliche Sichtbarkeit und Fundraising, einfacher als frühere Booth-Teilnahmen. Romilly Stebbings von Frieze kommentiert: "Indem sie Mittel aufbringen und Gespräche über Klimaschutz anstoßen, fordert ihre Arbeit die Kunstwelt weiterhin heraus, sich eine umweltbewusstere Zukunft vorzustellen und zu verfolgen."
Museen
In einem "Tagesspiegel"-Interview erklärt die Musikerin und Autorin Christiane Rösinger, warum sie trotz linker Haltung im Humboldt Forum auftritt: "Es hat also keinen Sinn, es zu boykottieren. Wir müssen es nutzen, uns aneignen, auch als Linke." Sie wurde eingeladen, den Familienbegriff zu dekonstruieren, sieht das Thema persönlich aber als abgeschlossen: Ehrlicherweise interessiert sie sich heute nicht mehr dafür, sich mit Liebe und Partnerschaften zu beschäftigen. Stattdessen widmet sie sich philosophischen Fragen des Alters und arbeitet an einem Ratgeber.
Porträt
Hito Steyerl gehört nach Auffassung der "FAS"-Redaktion zu den "besten deutschen Denkern". Niklas Maak würdigt die Künstlerin als "Visionärin", die wie kaum eine andere Künstlerin die Wechselwirkungen von Technologie und Gesellschaft untersucht. Ihre Arbeiten zu Drohnen, Robotern und Künstlicher Intelligenz zeigen, wie neue Technologien "Gesellschaften verbessern oder ruinieren" können. Maak hebt hervor, dass Steyerl mit einer Ästhetik aus KI-Bildern, Memes und Animationen die "Hoffnungen, Obsessionen und Ängste der Gegenwart sichtbar macht". Sie präge den Diskurs durch Wortschöpfungen wie "De-generative Art", ein kritisches Spiel mit dem Begriff "entartete Kunst". Trotz ihrer Skepsis sei Steyerl keine Kulturpessimistin: Sie entwerfe auch utopische Bildwelten, die eine gerechtere technologische Zukunft denkbar machten. Auch die Kunstkritikerin und Philosophin Juliane Rebentisch taucht in der Liste auf, porträtiert von Cord Riechelmann.
Das besondere Kunstwerk
Im "Tagesspiegel" beschreibt Nicola Kuhn Horst Strempels 1945 entstandenes Gemälde "Das Referat" als "Flaschenpost aus der Vergangenheit". Es zeigt acht Personen in einer Wandnische, deren Blick in eine ungewisse Zukunft gerichtet ist, während die düstere Farbpalette die Nachkriegsstimmung widerspiegelt. Kuhn rekonstruiert Strempels Leben: 1933 nach Paris emigriert, 1939 als feindlicher Ausländer interniert, nach dem Krieg Professor in Ost-Berlin, dann 1953 West-Flucht. In "Das Referat" werde Vergangenheit spürbar: Manche Figuren verweisen auf die NS-Zeit, andere scheinen den Geist der Zeit zu verkörpern. Kuhn betont, dass die Unklarheit der Szene heutige Betrachter herausfordere und die Verbindung zu Berlin und seiner Nachkriegsgeschichte sichtbar mache.