Medienschau

"Alle Diktatoren sterben"

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Lotty Rosenfelds Aktionen als Lehrbuch gegen Faschismus, US-Kunsträume bei Anti-ICE-Protesten und der Berliner Meme-Künstler Dan Garten: Das ist unsere Presseschau am Freitag

Kunstbetrieb

Einmischung in die Tagespolitik "beschädigt den Künstler wie die Kunst", meint der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre in den "Nürnberger Nachrichten":"Der hat doch gerade bei Caren Miosga Raketen gefordert - was soll ich jetzt dessen Buch lesen? Da denke ich doch sein Raketengeschwätz immer mit." Er finde diese Selbstüberschätzung abstoßend. Gefühl und Politik seien selten ein schönes Paar. Angesprochen auf viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die offene Briefe zur Politik unterschreiben, sagte der 51-Jährige, die Komik darin genieße er schon. Bereits in der Vergangenheit hatte sich der Bestsellerautor kritisch über seine eigene Branche geäußert. Der Literaturbetrieb sei innerhalb der Kunstwelt der langweiligste Bereich, "notorisch verklemmt" und von "Langweilern und Bedeutungshubern" geprägt, sagte er der "Braunschweiger Zeitung" im vergangenen Jahr. "Stipendien und Preise erhalten die, deren Bücher möglichst kompliziert sind und keinen Spaß machen".

Der landesweite Shutdown von Kunstinstitutionen in den USA versteht sich, so die zentrale These von Benjamin Sutton in "The Art Newspaper", als kollektiver Protest gegen die "gewaltsamen Aktionen" der Einwanderungsbehörde ICE. Am 30. Januar schließen Galerien und Off-Spaces von New York bis Los Angeles, darunter Schwergewichte wie Hauser & Wirth, David Zwirner oder Pace. Ziel sei es, sichtbar Haltung zu zeigen: "Gerade jetzt ist es wichtig, dass Galerien, Museen und Kulturorganisationen gemeinsam auftreten", sagt Lisa Carlson von der Jane Lombard Gallery. Der Kunstbetrieb sei auf "Vielfalt, Inklusion und die Beiträge von Immigrant:innen" angewiesen. Auslöser sind tödliche ICE-Einsätze in mehreren Städten. Viele Häuser rufen explizit zum Streik auf – "Kein Arbeiten. Keine Schule. Kein Konsum" – und verstehen kulturelle Räume als politische Akteure in Zeiten staatlicher Gewalt.

Der Auftritt von Rama Duwaji, der Ehefrau des neuen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, beim Winter-Fundraiser des Whitney Museum markiere, so Alex Vadukul in der "New York Times", einen stillen, aber symbolisch aufgeladenen Moment für New Yorks Kulturszene: Die Stadt habe nun eine "First Lady, die selbst Künstlerin ist". Duwaji, eine Illustratorin syrischer Herkunft, mied den roten Teppich und bewegte sich bewusst unauffällig unter Künstlern, Autoren und Musikern. Gerade diese Zurückhaltung wird als Signal gelesen. So sagt der Komiker Dan Mahboubian Rosen, sie könne eine "Botschafterin für die Künste" sein, die auch kleine Häuser sichtbar mache. Vadukul beschreibt den Abend als Mischung aus Party und kulturpolitischer Standortbestimmung – und Duwajis Präsenz als leise Aufwertung der freien Kunstszene jenseits von Glamour und Selbstvermarktung.

Ausstellung

Eine New Yorker Retrospektive der chilenischen Künstlerin Lotty Rosenfeld sei, so die These von Emily Watlington in "Art in America", ein "Lehrbuch für den Kampf gegen den Faschismus" – und damit hochaktuell. Die Ausstellung an der Wallach Art Gallery der Columbia University zeige, wie Rosenfeld während der Pinochet-Diktatur mit bewusst mehrdeutigen, "taktisch unleserlichen" Gesten arbeitete, die Solidarität stifteten, ohne direkte Repression zu provozieren. Ihre Eingriffe in Straßenmarkierungen – Kreuze, X- und Pluszeichen – konnten zugleich als Trauer, Verweigerung oder Forderung gelesen werden und entwickelten sich später zum landesweiten Slogan NO+. Watlington betont, Widerstand spreche bei Rosenfeld nicht "vertikal zur Macht", sondern "lateral zu den Menschen". Zudem erinnere die Schau daran, dass oppositionelle Strategien Zeit brauchen: "Alle Diktatoren sterben." Gerade diese langsame, kollektive Wirksamkeit mache Rosenfelds Werk heute zu einem politischen Handlungsmodell.

Museen

Der neue Bau des Grand Egyptian Museum inszeniere, so die zentrale These von Neal Spencer in der "London Review of Books", einen staatlich gelenkten "Neuen Pharaonismus", der nationale Einheit betont und Geschichte politisch glättet. Zwar markiere das Museum eine Abkehr von europäisch dominierten Erzählmustern, doch ersetze es diese durch ein Narrativ, das Ägyptens Vergangenheit als geschlossen und singulär darstellt. Spencer kritisiert eine Präsentation, die "auffallend arm an menschlicher Erfahrung" sei und fremde Herrschaftsphasen nur als Randnotiz behandle. Koloniale Ausbeutung wie auch die Rolle ägyptischer Arbeiter und Forscher blieben unsichtbar. So entstehe ein Monument staatlicher Selbstdarstellung, das Restitutionsdebatten unterlaufe, weil es suggeriere, die Geschichte sei bereits vollständig erzählt.

Der besondere Instagram-Account

Der Berliner Meme-Künstler Dan Garten alias Daniel Wiegärtner nutzt Humor als kulturpolitisches Werkzeug, auch immer wieder mit Bezug zur Kunstwelt der Hauptstadt. Wie Tobias Langley-Hunt im "Tagesspiegel" schreibt, übersetzt Wiegärtner mit der Galerie Arschgeweih und seinem eigenen Instagram-Kanal Berliner Subkulturen in Meme-Formate und erreicht damit ein großes Publikum. Als selbst ernannter "Basic Gay" setzt er der Hyperindividualisierung bewusst die "vermeintliche Normalität" entgegen und erklärt Alltagsorte wie die Prinzenbad-Stufen für "gay approved". Memes sollen dabei Scham "vom Unterdrückten zurück an den Oppressor" geben. Provokante Thesen gehören dazu: "Sexpartys sollten staatlich subventioniert werden, es handelt sich schließlich um Kultur." Wiegärtners Humor ist ironisch, politisch und versteht sich als niedrigschwelliger Aktivismus für queere Sichtbarkeit.