Debatte
Die Diskussion um die Documenta fifteen zeigt einen tiefgreifenden Wandel im Kunstbetrieb. Für Heinz Bude, Soziologe und Mitautor des Buchs "Kunst im Streit", markiert der Skandal "das Ende des durchgehenden globalen Kunstsprechs", sagte er auf einem Panel in Berlin, von dem Boris Pofalla in der "Welt" berichtet. Die postkoloniale Orthodoxie habe ausgedient – das "ökosoziale Projekt ist in ganz Europa in den letzten Jahren abgewählt worden", so Bude laut "Welt". Im Gegensatz dazu sieht der Soziologe Michael Hutter, Autor von "Anstößige Bilder", in der Kritik an Ruangrupa und Taring Padi einen "konservativen Backlash" und warnt vor einer "Gewöhnung und Abstumpfung" gegenüber Einschränkungen der Kunstfreiheit. Die zentrale Konfliktlinie verlaufe laut Pofalla nicht zwischen politischen Lagern, sondern an der Grenze zwischen Israelkritik und Israelfeindlichkeit. Auch dem Trend zur "Opazität", also kultureller Undurchsichtigkeit, widerspricht Bude: "Ich glaube, dass wir auch da mittlerweile in einer Sackgasse gelandet sind."
Personalien
Für "SZ"-Redakteur Jörg Häntzschel steht fest: Die Ernennung von Kathleen Reinhardt zur Kuratorin des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale von Venedig 2026 ist ein kulturpolitisches Signal. Reinhardt, die das Berliner Georg-Kolbe-Museum leitet, gehöre zu einer Generation junger Kuratorinnen, die "mit bescheidenen Etats spannendere Projekte anstoßen als die großen Institutionen". Ihre Arbeit verbinde ostdeutsche Kunstgeschichte mit postkolonialen Diskursen – etwa in der Ausstellung "1 Million Rosen für Angela Davis" oder dem Projekt "Revolutionary Romances?" über die DDR-Kulturdiplomatie. Auch "taz"-Redakteurin Beate Scheder findet die Berufung vielversprechend. Reinhardt – "jung, ostdeutsch sozialisiert, kuratorisch feministisch und auf Diversität ausgerichtet" – stehe laut Scheder für eine neue Generation von Ausstellungsmacherinnen, die aus der Peripherie heraus den Kunstbetrieb mit frischen Perspektiven beleben. Scheder betont, dass gerade Reinhardts Erfahrung mit kleinen Institutionen wie dem Georg-Kolbe-Museum ihr Gespür für Relevanz, Kontext und künstlerische Freiräume geschärft habe. Reinhardts Ansatz, Kunst als Ort "gesellschaftlicher Aushandlung" zu begreifen, verleihe der deutschen Biennale-Präsenz ein programmatisch offenes, zukunftsgewandtes Potenzial. Für Monopol kommentiert Saskia Trebing.
Eine Petition des "Ensemble-Netzwerks" darstellender Künstler gegen den designierten Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat binnen zwei Tagen mehr als 26.000 Unterschriften gesammelt. Sie läuft unter dem Titel: "Wolfram Weimer darf nicht Staatsminister für Kultur und Medien werden!" Initiator Paul Maximilian Pira äußerte im ZDF Zweifel an der Qualifikation Weimers, der viele Jahre als Journalist gearbeitet hat und seit 2012 ein eigenes Verlagshaus geleitet hat. Die Leitung des Verlags hat er nach eigenen Angaben inzwischen abgegeben. Im Text der Petition heißt es: "Wolfram Weimer ist nicht geeignet für dieses zentrale Amt der Kulturpolitik. Er ist ein konservativer Publizist und Verleger, der bislang kaum als Kulturmensch in Erscheinung getreten ist." Pira sagte dem ZDF: "Wir freuen uns sehr darüber, dass so viele Menschen jetzt eine Unterschrift unter diese Petition gesetzt haben." Damit setzten die Unterstützer ein Zeichen.
Museen
Den meisten Kunstkonsumenten ist es laut einer Umfrage egal, ob sie Ausstellungen in öffentlichen oder privaten Museen anschauen. Dass der Trend zu Sammlerhäusern jedoch die Kulturlandschaft verändern, erklärt Florian Heimhilcher in der "FAZ". Deutschland habe in den letzten Jahrzehnten auffällig viele Privatmuseen dazugewonnen, was unter anderem damit zu tun habe, dass sich Reichtum immer mehr konzentriere - und Mäzene ihr finanzielles Kapital wieder in kulturelle Werte umwandelten und sich mit Museen ein Denkmal setzten. Das führt laut dem Autor dazu, dass private Kriterien kanonisiert werden: "Die ästhetischen Vorlieben der Sammler, ihr 'Geschmack', finden durch die Ausstellung im Museum öffentliche Resonanz. Einzelne künstlerische Positionen werden dadurch als repräsentativ für einen bestimmten Zeitgeist normiert. Dem Publikum mag es dann nicht weiter auffallen, dass nur drei Prozent der privaten Kunstmuseen auch Werke des Realismus in ihr Programm aufnehmen. Obwohl diese Stilrichtung eine Kanonisierung in der Moderne erfuhr, wird sie von Anhängern 'anspruchsvoller' Kunst als konservativ und traditionell verschmäht." Außerdem zeige sich hier ein finanzielles Machtgefälle, denn in Zeiten von massiven staatlichen Kulturkürzungen könnten öffentliche Häuser bei Ankäufen nicht mit der privaten Konkurrenz mithalten. Das führt dazu, dass Privatmuseen oft als Avantgarde und staatliche Institutionen als rückständig gesehen werden - ein kultureller Teufelskreis. Denn, so schreibt Heimhilcher, eine "Ausdünnung des Geschmacks" sei weder im Interesse der Kunstwelt, noch des Publikums. Ob Berlins Kultursenator Joe Chialo, der gern nach mehr privaten Sponsoren verlangt, ein "FAZ"-Abo hat?
Die Trump-Regierung hat laut der "Washington Post" mehrere von Präsident Biden ernannte Mitglieder des Holocaust-Museumsrats abgesetzt, darunter Doug Emhoff, Ehemann von Kamala Harris. Emhoff kritisierte die Politisierung der Holocaust-Erinnerung. Das Weiße Haus kündigte an, neue Mitglieder zu ernennen, die "standhafte Unterstützer Israels" seien. Die Maßnahme sei Teil einer breiten politischen Umbesetzung Trumps, ähnlich früheren Eingriffen bei der Kennedy-Stiftung und dem Smithsonian. Kritiker sehen darin einen Versuch, unabhängige Kulturinstitutionen zu politisieren. Der Holocaust Memorial Council, der das Museum mitverwaltet, wurde 1980 gegründet. Trotz der Kontroversen betont das Museum seine wachsende Bedeutung in Zeiten zunehmenden Antisemitismus. Die Vorgänge stoßen parteiübergreifend auf Kritik.
Kunstmarkt
Scott Reyburn analysiert in "The Art Newspaper", wie sich der Kunstmarkt 2024 trotz eines Einbruchs an der Spitze stabil zeigt – vor allem im unteren Preissegment. Während hochpreisige Werke (über 1 Million Dollar) deutlich weniger nachgefragt werden und der globale Kunstmarkt insgesamt um 12 Prozent schrumpfte, boome der Markt für erschwinglichere Kunst. Werke unter 5.000 Dollar legten bei Auktionen um 7 Prozent zu, Händler mit Jahresumsätzen unter 250.000 Dollar meldeten ein Plus von 17 Prozent. Besonders der Onlinehandel – etwa Plattformen wie Avant Arte – trage zum Aufschwung bei. Die Nachfrage entstehe durch verändertes Käuferverhalten: Weg von spekulativem Investieren hin zu persönlicher, preisbewusster Kunstnutzung im Wohnraum. Laut Reyburn spiegeln diese Trends auch einen soziokulturellen Wandel wider – klassische Sammler verschwinden, Kunst wird weniger als Statussymbol, mehr als Einrichtungsobjekt betrachtet. Das Segment unter 50.000 Dollar mache mittlerweile 95 Prozent aller Transaktionen aus – wenn auch nur einen kleinen Teil des Gesamtumsatzes.
Porträt
In der "Zeit" porträtiert Gabriel Proedl den französischen Künstler Cyprien Gaillard, der zum Gallery Weekend in dieser Woche mit einer spektakulären Ausstellung in Berlin zurückkehrt. Der Beitrag begleitet Gaillard durch Paris, München und Berlin und zeichnet das Bild eines ruhelosen Beobachters, der urbane Zerstörung, Erinnerung und Materialgeschichte zu Kunst verarbeitet. Nach Jahren der Zurückgezogenheit, in denen er sich Interviews verweigerte, meldet sich Gaillard nun zurück – auch mit einer Professur in Hamburg. Zentrales Werk ist der Film "Retinal Rivalry", eine hochauflösende 3D-Studie deutscher Orte, gezeigt mit 120 Bildern pro Sekunde – so detailreich, "als würde sie durch Facetten-Augen einer Fliege betrachtet". Gaillard hinterfragt dabei nicht nur Architekturgeschichte, sondern auch die Beziehung zwischen Technik und Wahrnehmung: "Wir fragen nie den Stein, wie er gehauen werden will." Seine Arbeiten sind Suchbewegungen, die sich gegen plakative Botschaften verwehren – und genau darin ihre Kraft entfalten. Für Monopol hat Boris Pofalla den Künstler in Paris begleitet.
Für Brita Sachs steht Martha Jungwirths Werk für eine zutiefst persönliche, gestisch-figurative Malerei, die lange verkannt, heute jedoch international gefeiert wird. Sachs beschreibt in der "FAZ", wie die Künstlerin trotz früher Anerkennung – etwa auf der Documenta 6 – jahrzehntelang nur von einer kleinen Fangemeinde geschätzt wurde, ehe sie durch Künstler wie Albert Oehlen und institutionelle Ausstellungen eine späte Renaissance erlebte. Jungwirths Malerei sei, so die Künstlerin selbst, "Aktion und Leidenschaft" und gleiche einem "seismographischen Tagebuch", das persönliche, politische und literarische Eindrücke in farbintensive Bildräume übersetze. Sachs hebt hervor, dass sich Jungwirths Malweise durch große Geste, Offenheit der Fläche und emotionale Dringlichkeit auszeichne – Ausdruck einer konsequent subjektiven Haltung zur Welt. Mit aktuellen Einzelausstellungen u.a. in Salzburg und Verkaufsrekorden auf dem Kunstmarkt sieht Sachs sie heute zurecht als "Grande Dame der österreichischen Kunst". Für Monopol hat Oliver Koerner von Gustorf die Künstlerin getroffen.