Kulturpolitik
Für Tobias Timm ist es "keine gute Nachricht", dass Berlins Finanzsenator Stefan Evers nach dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson zusätzlich das Amt des Kultursenators übernehmen soll. Nach mehreren Rücktritten wirke die Personalie wie eine Notlösung, schreibt er in der "Zeit". Timm sieht einen Interessenkonflikt: Ausgerechnet der für Sparpolitik zuständige Politiker solle nun auch die Kultur vertreten. Evers habe bereits angekündigt, Reformen fortzusetzen – was in Berlin zuletzt vor allem "harte Budgetkürzungen" bedeutet habe. Kritiker wie Daniel Wesener warnen zudem: "Kultursenator ist kein Nebenjob." Timm zufolge drohe ein absurdes Szenario, in dem Evers als Doppelamtsträger den Kulturetat "mit sich selbst" verhandelt, während zentrale Probleme ungelöst bleiben.
Venedig-Biennale
Martin Herbert fragt in "ArtReview", wie sich eine Kritik an einer posthumen Großausstellung überhaupt formulieren lässt – konkret an Koyo Kouohs Biennale-Hauptausstellung "In Minor Keys", die nach dem Tod der Kuratorin im Mai 2025 von einem Team vollendet wird. Er erinnert daran, dass Biennale-Kuratoren traditionell scharfer Kritik ausgesetzt sind, verweist aber darauf, dass die Situation hier neu sei: Die Ausstellung sei eng mit der verstorbenen Kuratorin verbunden und werde in den Materialien der Biennale stark mit ihrem Namen beworben. Herbert beschreibt Kouohs Konzept als bewusst offen und musikalisch gedacht, als Versuch, "auf soul frequencies" zu hören und sich an archipelartige Kulturmodelle anzulehnen, ohne die Schau als "Litanei von Kommentaren zu Weltgeschehen" zu verstehen. Gerade diese Offenheit könne jedoch auch als Gefahr einer zu losen, poetischen Zusammenstellung gelesen werden. Zugleich stellt er die Frage, ob Kritik überhaupt noch greift, wenn ein Projekt posthum vollendet wird: Jede Kritik berühre dann unausweichlich auch die verstorbene Person selbst. Am Ende bleibt offen, ob "In Minor Keys" als überzeugende kuratorische Vision oder als schwer greifbares, nachträglich komponiertes Ganzes wahrgenommen wird – "wir werden es bald erfahren".
Im "Zeit"-Interview äußert sich der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru kritisch zu seinem Ausschluss vom Wettbewerb der Venedig-Biennale. Er sei "komplett überrascht" gewesen, zumal niemand zuvor das Gespräch gesucht habe. Besonders irritiere ihn die Begründung der Jury: "Wie kann man die Menschenrechte einfordern und im selben Satz Menschen ausschließen?" Die Entscheidung empfinde er als widersprüchlich und politisch einseitig. Fainaru lehnt Boykotte grundsätzlich ab und warnt vor deren Folgen: "Was dabei herauskommt, fühlt sich für mich wie Rassismus an." Auch persönlich berühre ihn die Situation stark, da seine Familie im Holocaust verfolgt wurde: "Dass sich das jetzt 80 Jahre später wiederholt, ist für mich unglaublich." Zugleich beschreibt er eine wachsende Verunsicherung im Kunstbetrieb, etwa die Angst vor Zusammenarbeit mit israelischen Künstlern. Seine Motivation bleibe dennoch der Dialog: "Ich bin hierhergekommen, um den Dialog zu führen."
Stefan Trinks kritisiert in der "FAZ" unter der melodramatischen Überschrift "Quo vadis, Venedig?" die zunehmende Politisierung der Biennale und sieht die 61. Ausgabe von "klarer Lagerbildung" geprägt. Besonders der Ausschluss Israels und Russlands vom Wettbewerb sei ein Bruch mit der Tradition, Preise nach künstlerischen Kriterien zu vergeben. Die Jury nehme Künstler "in Kollektivhaft" für ihre Regierungen – ein "verfehlter und ungerechter" Schritt. Trinks vermutet politische Motive hinter der Entscheidung und kritisiert doppelte Standards. Auch der US-Pavillon erscheine politisch überformt: Künstler Alma Allen solle "amerikanische Werte fördern", während parallel Spenden eingeworben würden. Insgesamt diagnostiziert Trinks eine Verschiebung: Nicht die Kunst selbst, sondern der Umgang mit ihr werde politischer. Positiv hebt er den deutschen Pavillon hervor, der subtil historische Fragen verhandle. Die Biennale zeige damit sowohl "plumpen Polit-Agitprop" als auch überzeugende künstlerische Ansätze, so Trinks prophetisch.
Was ist das Wichtigste, was man in einem Teaser zu Kerry James Marshall unterbringen muss? Bestimmt nicht diese beiden Aussagen: "Woke war Kerry James Marshall nie" und "Identitätspolitik ist keine Kunst". Die "Welt" bringt aber selbst in einem Text zu einem der bedeutendsten Vorreiter afroamerikanischer Porträtmalerei noch zwanghaft die ewig gleichen Triggerwörter unter, und wenn es in seinem Werk nicht um Identität gehen soll, warum kreist dann der ganze Artikel der ganze Artikel von Hans-Joachim Müller darum? Marshalls Werk zeige schwarzes Selbstbewusstsein ohne didaktische Schwere, argumentiert der "Welt"-Kritiker, und setze auf Heiterkeit, Alltagsstolz und visuelle Opulenz. In der Ausstellung im Kunsthaus Zürich werde deutlich, dass Marshall zwar historische Traumata und afroamerikanische Erfahrung reflektiere, aber keine "Litanei" politischer Botschaften liefere. Stattdessen dominierten Szenen von Lebensfreude, Gemeinschaft und kultureller Eigenständigkeit. Seine Figuren erscheinen oft maskenhaft, Identität werde spielerisch und zugleich vielschichtig inszeniert. Gerade diese Mischung aus kunsthistorischer Souveränität, Ironie und subtiler politischer Ebene mache die Arbeiten so wirkungsvoll. Kann alles sein, aber so groß war die Distanz zu politischen Diskursen auch nicht. Wir erinnern uns an ein Berliner Gespräch vor einigen Jahren, als er zur Debatte um das Bild "Open Casket" von Dana Schutz befragt wurde - mit dem 2017 Identitätspolitik und Fragen nach kultureller Aneignung mit voller Wucht im Kunstbetrieb aufprallte: "Wenn ihr jetzt kein gutes Argument dafür einfällt, warum sie das Bild gemalt hat, hatte sie vielleicht von vornherein gar kein gutes Argument."