Medienschau

"Diese Absage muss uns mit Sorge erfüllen"

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Die "Zeit" kritisiert Wolfram Weimers "Gutsherrenart", die zehn umsatzstärksten Künstler, und die Art Basel Paris startet ein Ultra-VIP-Programm: Das ist unsere Presseschau am Dienstag

Kulturpolitik

"Diese Absage ist falsch, und sie muss uns mit Sorge erfüllen": Jens Balzer ist in der "Zeit" nicht einverstanden damit, dass der Auftritt des Rappers Chefket wegen Antisemitismus-Vorwürfen von den Veranstaltern aus dem Programm der Jan-Böhmermann-Schau in Berlin gestrichen wurde. Balzer kritisiert, dass der Satiriker die Chance verpasst habe, am 7. Oktober ein starkes Zeichen zu setzen, etwa indem auch israelische und jüdische Rapper eingeladen worden wären. Stattdessen habe er "politisch und menschlich versagt". Zwar räumt Balzer ein, Chefket habe mit dem Tragen eines Palästina-Shirts "zweifellos einen Fehler gemacht", doch in seinem gesamten Werk fänden sich "keine einzige Zeile, die sich als antisemitisch, antiisraelisch oder auch nur einseitig propalästinensisch bewerten lässt". Für Balzer ist Chefket daher "das falsche Ziel" einer Kampagne, die eher das HKW beschädigen solle. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer agiere dabei "nach Gutsherrenart" und gefährde den Kampf gegen Antisemitismus, weil jedes künftige Eintreten "vom Verdacht begleitet sein wird, dass es ihm in Wahrheit um etwas ganz anderes geht. Zum Beispiel: um die rücksichtslose Durchsetzung seiner Autorität."

Apropos übergriffiger Kulturstaatsminister: Jörg Häntzschel geht in der "SZ" dem "Spiegel"-Bericht nach, laut dem Wolfram Weimer von einer "Glyptothek" mit europäischen Skulpturen im Berliner Tiergarten und von einer US-Ausstellung zum 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung träumt – unterstützt vom Kunst-Impresario Walter Smerling. Häntzschel warnt, Smerlings "System" sichere Politikern, Geschäftsleuten und Anwälten "enormen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung von Kunst" und verschaffe altbekannten Stars wie Anselm Kiefer oder Markus Lüpertz große Bühnen. Die geplanten Projekte seien jedoch kaum mehr als Ideen. Weimers Sprecher relativiere inzwischen, es gebe "keine konkreten Planungen"; von der US-Schau heiße es gar: "Uns ist keine Ausstellung bekannt."

Kunstkritik

Es gibt noch andere erfolgreiche Print-Kunstmagazine: Charlotte Klein beschreibt im "New York Magazine" den überraschenden Aufstieg von "Cultured", das von Sarah Harrelson 2012 gegründet wurde. Anfangs als "Hamptons party rag" abgetan, habe es sich zu einem Hochglanz-Lifestyle-Magazin entwickelt, das weniger für Texte als für Events, Netzwerke und Anzeigenkunden wie Hermès und Cartier bekannt sei. Harrelson widerspricht der Wahrnehmung, ihr Blatt werde kaum gelesen: "Ich habe eine starke Beziehung zu meiner Leserschaft und zu meinen Werbekunden." Kritiker merken an, dass die Inhalte oft bloß Beiwerk zu Anzeigen seien – "aber hey, sie schmeißen eine gute Party". Zugleich sehen Beobachter, dass die Rubrik "Critics’ Table" inzwischen "ein Zuhause für Kunstkritik" verschafft, das es sonst kaum noch gebe. So gilt das Magazin manchen inzwischen als "eine der Säulen" im Art-Media-Bereich.

Kunstmarkt

Brian Boucher bilanziert auf "Artnet News", dass die USA mit 4,3 Milliarden Dollar Umsatz "der größte Kunstmarkt der Welt" seien – und die zehn umsatzstärksten lebenden Künstler bei Auktionen überwiegend US-Amerikaner. An der Spitze steht Jeff Koons, der laut Boucher "der meistverkaufte lebende amerikanische Künstler aller Zeiten" ist und mit seinem "Rabbit" (1986) den Rekordpreis von 91,1 Millionen Dollar hält. Ed Ruscha folge mit mehr als 900 Millionen Dollar, während Jasper Johns als "ältester Künstler auf der Liste" über 14 Werke über der Zehn-Millionen-Marke verkauft habe. Auffällig sei, so Boucher, dass Cindy Sherman "die einzige Frau und die einzige Fotografin" im Ranking sei. Die Liste offenbare nicht nur Marktmacht, sondern auch, wie eng Stars, Rekorde und Symbolpolitik im Kunstmarkt verflochten seien.

Laut "Baer Faxt"-Newsletter führt Art Basel Paris in diesem Jahr erstmals ein Ultra-VIP-Programm ein. Unter dem Titel "Avant Première" dürfen alle 203 teilnehmenden Galerien am 21. Oktober ausgewählte Sammler für ein exklusives Preview in den Grand Palais einladen – noch vor den üblichen VIP-Tagen. Art-Basel-Chef Noah Horowitz erklärte gegenüber The Baer Faxt, dies sei "vom Markt, für den Markt". Hintergrund ist, dass Previews zunehmend umkämpft sind und Paris dabei ist, die Basler Ausgabe an Popularität zu überholen. Beobachter weisen zudem darauf hin, dass Milliardäre mit eigenen Stiftungen in der Stadt schon bisher früheren Zugang erhielten. Ob das neue Modell auch in Miami, Hongkong, Katar oder Basel eingeführt wird, bleibt offen.

Ausstellung

In der "FAZ" ist Karen Krüger begeistert von der Istanbul Biennale: "Zu ihrem großen Glück wird sie zum ersten Mal von einer Kuratorin aus dem Nahen Osten geleitet." Christine Tohmé eröffne die Schau mit dem klaren Anspruch, dass dort "über den Krieg in Gaza geredet wird". Krüger deutet das Leitmotiv "Die dreibeinige Katze" als Sinnbild für Resilienz, Zukunftsfähigkeit und Solidarität in einer von Repression geprägten Gesellschaft. Für sie zeigt die Biennale, dass Kunst in Istanbul nicht Eskapismus bedeutet, sondern Widerstand: gegen Zensur, gegen politische Verhaftungswellen, gegen den Versuch, die Zivilgesellschaft zu lähmen. Gerade darin, so Krüger, liege ihre Relevanz – sie entfalte "Widerstandsgeist, der gerade in dunklen Zeiten aus der Solidarität erwachsen kann".