–
Debatte
Olga Kronsteiner kritisiert im "Standard" die für September geplante Otto-Mühl-Ausstellung "Kunst am Abgrund" im Wiener Aktionismus Museum. Der Titel kokettiere mit dem Missbrauchsskandal, während die Initiatoren zugleich auf einer Trennung von Mühls Leben und Kunst bestünden. Besonders problematisch sei der Umgang mit Persönlichkeitsrechten: Bei dem als Plakatmotiv verwendeten Gemälde "Erdbeben 2" habe der abgebildete "Dieter" nie eingewilligt; seine Angehörigen seien nicht kontaktiert worden. Die Juristin Maria Windhager betont, selbst eine ursprüngliche Zustimmung decke nicht automatisch eine spätere öffentliche oder werbliche Nutzung. Bei Mühl komme hinzu, dass Darstellungen teils unter "erheblichem sozialen Druck" und ohne freie Selbstbestimmung entstanden seien. Kronsteiner folgert, die Zustimmung Betroffener sei hier rechtlich geboten – auch im Kunsthandel. In Monopol schrieb Elke Buhr: "Jede Institution, die heute eine Ausstellung mit Muehl-Werken plant, sollte sich vorher klarmachen, was sie da zeigt: Kunst, die tief mit Gewalt verstrickt ist."
In der "taz" spricht Julian Weber mit Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, über die Angriffe der AfD auf ihre Institution. Anlass sind Äußerungen des AfD-Kulturpolitikers Hans-Thomas Tillschneider, der das Bauhaus als "Irrweg der Moderne" bezeichnet und mit Kürzungen droht. Steiner widerspricht der Behauptung, das Bauhaus sei "undeutsch", entschieden: "Für mich war deutsche Kultur immer interessant, weil sie hybrid ist." Sie verweist zugleich auf die ambivalente Geschichte der Institution – etwa den Bauhäusler Fritz Ertl, der am KZ Auschwitz-Birkenau den Hochbau leitete. Zum Vorwurf des Elitären erklärt sie: "Das Bauhaus hat sich buchstäblich in den Stadtkörper von Dessau hineingeschrieben." Zur drohenden Landtagswahl warnt Steiner: "Die Konzeption einer patriotischen Kultur engt ein, schließt aus und schnürt Entwicklungen ab." Zu dem Konzert von Kraftwerk am Bauhaus vergangenes Wochenende hat Tobi Müller für Monopol berichtet.
In der "New York Times" beschreiben Vanessa Friedman und Jacob Bernstein den wachsenden Widerstand gegen die geplante Ausstellung des Metropolitan Museum über Modedesigner John Galliano, der 2011 wegen antisemitischer Äußerungen verurteilt wurde. Die City-Council-Sprecherin Julie Menin nannte die Entscheidung "einen schwerwiegenden Fehler" und schrieb: "Worte sind wichtig, und wen wir in eine herausragende Position bringen, ist ein direktes Bekenntnis zu unseren Werten." Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour, die Galliano seit Jahren unterstützt, verteidigte die Schau: "Niemand hat eine Ausstellung dieser Größenordnung mehr verdient als John Galliano." Rabbi David Ingber äußerte sich kritischer: "Reue, Vergebung und eine enorme öffentliche Ehrung sind verschiedene Dinge." Museumsdirektor Max Hollein betonte, das Met habe "Keine Toleranz gegenüber Antisemitismus" und stehe in engem Austausch mit jüdischen Führungspersönlichkeiten. Kuratorin Andrew Bolton kündigte an, die Ausstellung werde Gallianos Verfehlungen direkt thematisieren.
Bei "Vanity Fair" deckt Nate Freeman auf, dass die Abdeckung eines Gemäldes von Kehinde Wiley in der US-Botschaft in Santo Domingo mit einem patriotischen Banner möglicherweise erst der Anfang ist. Botschafterin Leah Campos erklärte, sie wolle "Amerikanischen Patriotismus und die Schönheit unseres großartigen Landes" zeigen. Erin Scavino, Leiterin von Art in Embassies, verteidigte den Schritt gegenüber Freeman und verwies fälschlich auf ein anderes Wiley-Werk, "Judith and Holofernes", das sie als "ästhetisch erschreckend" bezeichnete – tatsächlich hängt jenes Bild gar nicht in der Botschaft. Scavino bestätigte zudem, das entfernte Werk solle möglicherweise verkauft werden, und kündigte an: "Das gleiche Prüfverfahren würde auch für andere Kunstwerke gelten, bei denen ähnliche Bedenken bestehen." Freeman verweist deshalb auf gefährdete Werke von Amy Sherald und Jeffrey Gibson in anderen Botschaften, während Arbeiten von Jenny Holzer und Mark Bradford in London durch ihre feste bauliche Installation kaum entfernbar seien.
Fotografie
Im Deutschlandfunk-Format "Zeitzeugen im Gespräch" spricht Stefan Koldehoff mit dem Fotografen Thomas Struth. Struth erzählt, wie er als Malschüler bei Gerhard Richter zur Fotografie wechselte, nachdem er ein begonnenes Gemälde nicht mehr fertigstellte: "Also das Foto ist eigentlich viel besser, als was ich da hätte noch von malen können." Auf die Bezeichnung als "Chronist der Gesellschaft" reagiert er zurückhaltend: "Ich empfehle mich überhaupt nicht als Chronist." Ausführlich schildert Struth die Entstehung seines Doppelporträts von Queen Elizabeth II. und Prinz Philip 2011, bei dem er unter anderem selbst die Kleiderauswahl und die schräge Sofastellung bestimmte. Zur royalen Hierarchie sagt er: "Königshäuser oder Königinnen oder Könige, jetzt per se, einfach per Geburt, das beeindruckt mich nicht." Zu seinen bekannten Museumsbesucher-Fotografien erklärt Struth, sie sollten daran erinnern, "dass auch die Meisterwerke aus dem Alltäglichen kommen."
Kunstberichterstattung
Im Deutschlandfunk Kultur stellt Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins, die Septemberausgabe mit Maurizio Cattelan auf dem Cover vor. Anlass ist seine erste Einzelausstellung in Deutschland ab September in der Neuen Nationalgalerie Berlin, wo er den umgestalteten Preis der Nationalgalerie erhält – eine Auszeichnung, die früher Nachwuchskünstlern vorbehalten war. Buhr berichtet von überraschend persönlichen Antworten Cattelans, etwa dass er am liebsten Supermärkte kurz vor Ladenschluss besuche und als größte Kindheitssünde Notlügen wegen schlechter Zeugnisse nannte. Zudem stellt Buhr ein Feature über Charlotte Gainsbourg vor, die das Haus ihres verstorbenen Vaters Serge fotografierte: Die Bilder seien "wahnsinnig melancholisch" und wirkten "wie geisterhaft aus dem Nichts auftauchend" – für Buhr eine fotografische Verarbeitung des Verlusts.