Medienschau

"Es ist keine Übertreibung, dass Kunst dein Leben retten kann"

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Der Aufstieg der "Red-Chip-Kunst", Kultur als Seelenwohltat im neuen Jahr und der Berliner Stromausfall als Performance-Stück: Das ist unsere Presseschau am Freitag 


Kunstmarkt

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich analysiert im "Tagesspiegel" das Phänomen der sogenannten "Red-Chip-Kunst", das seit 2025 verstärkt international diskutiert wird. Im Gegensatz zur etablierten Blue-Chip-Kunst – also hochpreisigen, museal abgesicherten Werken moderner Klassiker – bezeichnet der Begriff jüngere, stark kommerziell und popkulturell geprägte Kunstformen, die vor allem über soziale Medien, Online-Auktionen und Pop-up-Galerien verbreitet werden. Ullrich beschreibt Red-Chip-Kunst als extrem heterogen: Dazu zählen ebenso popkulturell grelle Künstler wie Alec Monopoly wie emotional tiefgründige Positionen, etwa von Yoshitomo Nara oder politisch kritische Arbeiten von Beeple und KAWS. "Sie alle verbindet höchstens, dass sie in den Sozialen Medien sehr präsent, ja Teil eines großen Influencer-Marken-Netzwerks sind", so Ullrich. Anders als etwa die "Artnet"-Autorin Annie Armstrong will er Red-Chip-Kunst auch nicht allein als das ästhetische Begleitprogramm der zweiten Trump-Ära und Ausdruck eines reichen, technikaffinen Milieus verstanden wissen. Viele Red-Chip-Künstler arbeiteten offen regierungskritisch und griffen brisante Themen auf. "Red-Chip-Kunst ist also keineswegs nur Kunst für Reiche. Vielmehr handelt es sich dabei um den ersten Typus bildender Kunst, der komplett einer popkulturellen Logik folgt. Statt durch Museen oder Biennalen, durch Kuratoren, Galerien oder andere Gatekeeper bekannt zu werden, verdanken Red-Chip-Künstler Ruhm und Reichtum allein Followern und Fans, die toll finden, was sie machen – die sich damit identifizieren können, daraus mal Trost, mal Unterhaltung, mal Inspiration beziehen", so Ullrich. Im besten Fall vermöge Red-Chip-Kunst "Gemeinschaften über Grenzen hinweg zu stiften. Und damit hält sie nicht weniger als eine universalistische Idee vom Menschen lebendig."


Popkultur

Stellt der New Yorker Rapper A$AP Rocky ein neues Video vor, gerät das Feuilleton in Verzückung – so war das 2024 beim Werk "Taylor Swif", und so ist es auch jetzt wieder anlässlich der Veröffentlichung von "Punk Rocky". Für Joachim Hentschel in der "Süddeutschen Zeitung" ist der zugehörige Kurzfilm kein offen politisches Werk, aber doch hochgradig zeitdiagnostisch. Inszeniert "als Real-Life-Cartoon, der sich an gezeichnete Slapsticks von Tex Avery oder Hanna-Barbera anlehnt, aber von echten Menschen bevölkert wird", zeige das Video eine eskalierende Nachbarschaftssituation, in der rassistische Paranoia und staatliche Gewalt scheinbar mühelos in den Alltag eindringen. "Es ist besonders tragisch, dass dieses neue, sensationelle Musikvideo des Rappers A$AP Rocky ausgerechnet in der Woche erschienen ist, in der in Minneapolis ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE einer offenbar unschuldigen Frau in den Kopf geschossen hat", so Hentschel. "Nicht deshalb, weil die Realität hier der Popkunst widersprechen, sie als schaumiges Idyll entlarven würde. Sondern weil die Ereignisse wieder einmal grässlich zeigen, wie schnell man selbst maximal groteske Inszenierungen heute als untertrieben empfindet."
 

Kunst und Gesundheit

Im "Guardian" wirbt die Gesundheitsforscherin und Autorin Daisy Fancourt für eine stärkere Verankerung der Künste im Alltag – nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern als messbaren Faktor für psychische und körperliche Gesundheit. Zahlreiche Studien zeigten, dass regelmäßige kulturelle Aktivitäten Symptome von Angst, Depression und Stress lindern könnten, schreibt Fancourt. Wer häufig Museen, Galerien, Theater oder Konzerte besuche, habe sogar ein deutlich geringeres Risiko, überhaupt an Depressionen zu erkranken – unabhängig von Einkommen, Lebensstil oder genetischen Faktoren. Gerade die bildende Kunst spiele dabei eine zentrale Rolle. Der bewusste Aufenthalt in Ausstellungen aktiviere im Gehirn dieselben Belohnungsnetzwerke wie Essen oder Sex und helfe zugleich, emotionale Selbstregulierung zu trainieren. Entscheidend sei jedoch die Art der Rezeption: Fancourt erinnert daran, dass Museumsbesucher im Schnitt nur 28 Sekunden vor einem Werk verweilten – zu wenig für eine nachhaltige Wirkung. Erst das längere, wiederholte Betrachten ermögliche emotionale Reaktionen, kognitive Einordnung und das Erleben von Sinn und Kontrolle. Auch langfristig entfalte Kunst messbare Effekte: Regelmäßige kulturelle Teilhabe stärke die sogenannte "kognitive Reserve", verlangsame geistigen Abbau und könne sogar Alterungsprozesse im Gehirn hinauszögern. Kunst sei dabei kein Allheilmittel, betont Fancourt, könne aber in kritischen Lebensphasen eine existentielle Rolle spielen. "Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Kunst dein Leben retten kann", schreibt sie – und plädiert dafür, kulturelle Praxis nicht länger als Luxus, sondern als Notwendigkeit zu begreifen.


Ausstellung

"Wenn auf der Welt alles gaga ist, vielleicht hilft dann Dada?", mutmaßt Paul Jandl in der "NZZ" in seiner Besprechung zur Raoul-Hausmann-Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Er sieht den Künstler als Dandy, der die staubige deutsche Bürgerlichkeit "mit ihren eigenen Waffen" geschlagen und durch Überspitzung treffende Gesellschaftskommentare geliefert habe. Wer noch mehr über Hausmann wissen will, wird auch bei der "Zeit" fündig. Dort ist der "Provokateur und Tabubrecher" der Weimarer Republik Thema im Podcast "Augen zu" von Giovanni di Lorenzo und Florian Illies.

 

Das besondere Theaterstück

Der vermutlich von Linksextremisten ausgelöste Stromausfall im Südwesten in Berlin ist behoben, nun diskutiert die Hauptstadt über ein Tennismatch zu Unzeiten des Bürgermeisters Kai Wegner. Nils Markwart kommt das Ganze in der "Zeit" geradezu episch vor. "Man muss sich das als Theaterstück vorstellen" heißt es in seinem Einwurf; am besten passe das Drama mit seinen vielen plot twists und rivalisierenden Bekennerschreiben an die Volksbühne. "Nun waren die drei stromlosen Tage für die Betroffenen freilich kein Spaß. Und erst recht sind Anschläge auf die kritische Infrastruktur nicht lustig. Doch sind es ja gerade die ernsten Stoffe, die nach theatraler Spannungsabfuhr und ein wenig comic relief rufen. Und so gesehen könnte man sich diese ganze Geschichte auch als abendfüllenden Fiebertraum aus den glorreichen Zeiten der Berliner Volksbühne vorstellen. Denn obschon einem speziell beim Kampf der Vulkane zunächst die klassische Monty-Python-Szene über die Volksfront von Judäa und die judäische Volksfront in den Sinn kommen mag, steckt darin noch mehr Hochkultur: irgendwas zwischen Bertolt Brecht und Heiner Müller (Text) sowie Christoph Schlingensief und René Pollesch (Regie). Lassen Sie sich einfach mal drauf ein". Wie gut die folgende Skript-Skizze für "eine rotierende Drehbühne in Betonoptik" tatsächlich funktioniert, kann man wohl bei der "Zeit"-Lektüre am besten selbst beurteilen.