Debatte
Susanne Lenz wirft Kulturstaatsminister Weimer in der "Berliner Zeitung" ein Geschichtsverständnis vor, "als würde er durch die 90er-Jahre wandeln". Weimer hatte in einem Interview dazu aufgerufen, sowohl die AfD als auch die Linke von der Regierungsarbeit fernzuhalten, da beide auf unterschiedliche Art radikal seien (siehe Presseschau vom 13. August). Lenz hält diese Haltung für völlig veraltet: "Weimers Weltbild besteht aus Neo-Faschisten auf der einen und Neo-Kommunisten auf der anderen Seite, beide Erben deutscher totalitärer Systeme, die man doch hinter sich gelassen zu haben glaubte. Daraus kocht der warnende Staatsminister nun seinen Bedrohungs-Eintopf. Aber muss man gleich so ein Dämonisierungs-Fass aufmachen, wenn es um den Kampf gegen politische Gegner geht?" Auf der Strecke bleiben für die Autorin auch die Wähler der beiden Parteien. "Laut Weimer gibt es nur eine Kraft, die es gut mit Deutschland meint. Sie liegt zwischen den Gefahren von links und rechts, es ist die liberale Mitte. Was also ist bloß mit den Wählern los, die das nicht erkennen? Weimer erwähnt sie nicht, aber ein Drittel des Volkes hat das Vertrauen dieses Regierungsmitglieds wohl verscherzt. Die AfD und Die Linke bekamen bei der letzten Bundestagswahl zusammen rund 30 Prozent der Stimmen."
In Deutschland hat der Auschwitz-Bildband von Fotograf Jürgen Teller ein überwiegend positives Echo gefunden (lesen Sie unsere Rezension hier). Ganz anderer Meinung ist jedoch Agata Pyzik im britischen "Guardian". Sie nennt das Buch süffisant ein Coffee-Table Book und ist von der "faden" Qualität der Fotografie nicht überzeugt. "Die Auswahl könnte von einem beliebigen Flickr-Account stammen. Wie ein aufdringlicher Tourist fotografiert Teller alles, was er in Oświęcim, der Stadt, in der sich das Lager befindet, sieht: von den elektronischen Parktafeln und kitschigen Baguette-Bäckereien bis hin zu den Details der Gaskammern." Die Arbeit des als Modefotografen bekannten Teller empfindet Pyzik als überhastet und unkonzeptuell. "Warum sollte man einen Celebrity-Künstler – noch dazu einen deutschen – einladen, Auschwitz zu dokumentieren? Das Problem mit Tellers Buch ist nicht, dass er berühmt ist oder dass sein berühmtestes Werk gerade in Mode ist – das Problem ist, dass diese Fotos nichts zu einem tieferen Verständnis von Auschwitz beitragen. Die Bilder sind völlig unauffällig und erreichen bei weitem nicht das, was neue Fotografie über Auschwitz anstreben sollte: unsere Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das zuvor unbemerkt geblieben ist."
In der "Süddeutschen Zeitung" kommentiert Jörg Häntzschel den Plan von Donald Trump, das Ausstellungsprogramm der Smithsonian Museen auf "spalterische Inhalte" zu überprüfen. Er schreibt darin, dass der Brief, der nun bei der Bundesinstitution eingegangen sei, dort lange gefürchtet wurde. "Sollte die US-Regierung ihren Plan wahr machen, träte sie in der amerikanischen Kulturszene erstmals als Zensor auf; die bislang inhaltlich unabhängig operierenden öffentlichen Museen wären in Gefahr, zu Vehikeln staatlicher Propaganda zu werden", schreibt Häntzschel "Zu der verordneten Geschichts- und Erinnerungspolitik, wie sie in Diktaturen wie China oder Russland üblich ist, wäre es nur noch ein kleiner Schritt."
Nachruf
Der Autor Florian Illies erinnert in der "Zeit" an den Designer Peter Schmidt, der Ende Juli gestorben ist und nun in seiner alten Heimat Bayreuth beigesetzt wurde. Bekannt wurde er vor allem mit der Gestaltung von Logos und Alltagsgegenständen wie Parfümflakons. "Wer in der alten Bundesrepublik vom Wohlstand träumte, dessen Träume hat nicht selten Peter Schmidt entworfen", schreibt Illies. "Er selbst verschwand nahezu völlig hinter seiner Schöpfung, nichts lag ihm ferner als das Bedürfnis, auf die eigene Bedeutsamkeit hinweisen zu müssen." Als Zeichen der Bodenständigkeit wertet der Autor auch seine letzte Ruhestätte in Franken, wo er geboren wurde. "Zwar war er zuletzt verschnupft gewesen, weil die Stadt ein von ihm kreiertes Logo ablehnte und lieber für viel Geld eine lokale Agentur beauftragte. Aber, so befand er, alle Eitelkeit endet mit dem Tod. Deshalb steht auf seinem Bayreuther Grab auch kein weißer Marmor, kein schwarzkantiger Sarkophag. Sondern ein deutscher Durchschnittsgrabstein aus hellem Granit."
Der besondere Ort
Anlässlich des Starts einer neuen "Alien"-Serie besucht Jens Ulrich Eckhard für die "Welt" die HR Giger Foundation im Schweizer Voralpenland. Der Künstler hat das gruselig-mechanische Wesen mit den Reißzähnen für Ridley Scotts Original-Film von 1979 entworfen. In einem bis ins Kleinste durchdesignten Schloss hat Giger seine Werke gesammelt - eine dunkle Wunderkammer in idyllischer Umgebung. Der Ort sei auch eine Alternative zum klassischen Kunstbetrieb gewesen, schreibt Eckhard, da die etablierten Institutionen die Arbeiten lange skeptisch beäugt hätten. "Die Schweizer Kunstkritik warf ihm Kitsch vor, und die offiziellen Stellen wollten auch nichts mit ihm zu tun haben. So wurde er etwa bei der 700-Jahrfeier der Schweiz von den Kunstbehörden links liegengelassen und durfte keinen Beitrag einreichen. Hinzu sei sein Faible für das Nachtleben gekommen. So habe Giger etwa in den 1980ern den Besitzer des ehemaligen Zürcher Nachtclubs Ugly zu seinem Manager gemacht. Dort sei er auch oft mit schönen Frauen beim Feiern gesehen worden, was ihm Artikel in Boulevard-Blättern wie dem Schweizer 'Blick' und der 'Bild' beschert habe. Über solch einen Lifestyle rümpfte die Kunstszene nur die Nase."
Die Generation Z fürchtet sich notorisch vor Langeweile und versucht, jede Art von Stille sofort zu füllen. So beschreibt es zumindest Lea Knies in der "taz", die deshalb im Selbstversuch den "Quiet Space" im Berliner Kraftwerk aufsucht. Normalerweise findet man in dem riesigen Industriebau Kunstausstellungen und Events, das aktuelle Programm soll jedoch zur Kontemplation einladen und eine Pause von der Stadt anbieten. "Jemand hat den Raum mit einer Idee gefüllt. Die Menschen kommen her, um still zu sein. Sie sitzen, hören zu, atmen und beobachten." In der Stunde, die die Autorin dokumentiert, wünscht sie sich, ihre Mutter würde ihr mal wieder das Handy abnehmen. Es reift die Erkenntnis, nichts verpasst zu haben. Allerdings hält diese nicht besonders lange. "Als ich aus der Tür trete, sticht mir die Sonne in die Augen, eine Bohrmaschine durchschneidet mein Trommelfell. Reflexartig hole ich mein Handy aus der Hosentasche und stöpsle mir einen Podcast ins Ohr."