Medienschau

"Du bist nun in die ewigen Jagdgründe der Kunst entschwunden"

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Jonathan Meese schreibt seiner Mutter einen Abschiedsbrief, Pussy Riot will den russischen Pavillon übernehmen und Konflikte um offizielle Politikerporträts: Das ist unsere Medienschau am Donnerstag

Debatte

In der "taz" berichtet Harff-Peter Schönherr über Kontroversen rund um das European Media Art Festival in Osnabrück. Anlass sind Antisemitismus-Vorwürfe, ausgelöst durch die Einladung der palästinensisch-amerikanische Regisseurin Basma al-Sharif (mehr zur Debatte um diese Künstlerin hier und hier). Stadt und Landesregierung distanzieren mittlerweile von dem Festival. Das EMAF weist die Kritik zurück und erklärt in seinem Ethikcode: "Wir wenden uns entschieden gegen politisch motivierte Eingriffe in Programmentscheidungen sowie gegen die Forderung nach Backgroundchecks von Teilnehmenden." Autor Schönherr kann die Entscheidung der Politik nicht nachvollziehen: "Wie absurd und dialogfern es ist, sich von einem mehrwöchigen Event zu distanzieren, weil eine dessen 148 KünstlerInnen, die persönlich noch nicht einmal anreist, Kritikwürdiges auf Instagram gepostet hat, zeigt sich in dieser Ausstellung überall."

Christian Wildhagen schreibt in der "NZZ" über Konflikte um offizielle Politikerporträts. Am Beispiel des Zürcher Regierungsrats Martin Neukom, der drei Gemälde zurückweist, weil er sich darauf "nicht jung, modern, frisch" sehe, sondern als "ängstlichen Mann", zeigt er die Spannung zwischen künstlerischer Deutung und Selbsterwartung der Porträtierten. Ähnlich habe Donald Trump sein Porträt im Colorado State Capitol als "absichtlich verzerrt" bezeichnet, während er das Obama-Bild als "wunderbar" hervorhebe. Wildhagen stellt dar, dass solche Bilder stets zwischen Wahrhaftigkeitsanspruch der Kunst und politischem Imageanspruch vermitteln müssen. Historische Beispiele wie Churchill, der in seinem Porträt einen "Obdachlosen aus der Gosse" sah und es verbrennen ließ, oder Elizabeth II., die bewusst auf öffentliche Kritik verzichtete, verdeutlichen die Brisanz. 

Nachruf

Im "Spiegel" veröffentlicht Jonathan Meese einen Nachruf auf seine Mutter Brigitte Meese, die er als zentrale Figur seines Lebens und Werks beschreibt. "Du bist nun Feenstaub und Sternenstaub", schreibt er, sie sei "in die ewigen Jagdgründe der Kunst entschwunden". Meese erinnert an die letzten Monate nach ihrem Schlaganfall, die er als intensive Pflegezeit schildert: "Alle Beteiligten haben Alles gegeben!" und nennt diese Erfahrung selbst "Totalste Kunst". Zugleich beschreibt er seine Mutter als prägende Instanz: Sie sei "die Chefin der Kunst" und "die Verkörperung von Deutschland" gewesen. Der Text ist durchzogen von Meeses eigener Kunstsprache; er erklärt, sein "Herz ist zerbrochen", und formuliert: "Dieses Nichts ist der Sinn des Todes!" Die Mutter erscheint darin als bleibender Bezugspunkt: "Du bist natürlichst jetzt der Kunstmythos Deiner selbst geworden!"

Kunsthistoriker Horst Bredekamp würdigt in der "FAZ" den italienischen Philosophen Federico Vercellone (1955–2026), der an den Universitäten Udine und Turin lehrte. Vercellone untersuchte, wie sich gesellschaftliche und politische Bedingungen in Bildern und Körpern niederschlagen und zugleich Formen von Widerstand hervorbringen. Zentral ist seine Theorie der "Eigenaktivität der Gestalt", die er aus der deutschsprachigen Tradition von Goethe bis Nietzsche entwickelt und mit Giambattista Vicos Denken verbindet. Er beschreibt eine Gegenwart, in der symbolische Repräsentationen zerfallen und durch eine allgegenwärtige visuelle Ebene ersetzt werden, was politische Bindungen verändert. Sein Buch L’età illegittima. Estetica e politica sowie der Glossary of Morphology gelten als zentrale Arbeiten einer erneuerten Gestalttheorie. Vercellone arbeitete eng mit deutschen Forschungsprojekten, u. a. dem Berliner Cluster "Matters of Activity", zusammen.

Venedig-Biennale

Pussy Riot will den russischen Biennale-Pavillon in Venedig übernehmen, berichtet Jo Lawson-Tancred berichtet auf "Artnet News". Statt der offiziellen Schau plant die Gruppe eine Ausstellung mit Werken politischer Gefangener. Gründerin Nadya Tolokonnikova sagt, "politische Gefangene sind die besten Russen", und erklärt, diese Künstler könnten "Angst und Leid" des Systems ausdrücken. Die Arbeiten seien unter prekären Bedingungen entstanden, teils "auf Umschlägen […] oder mit eigenem Blut". Anlass ist die umstrittene Rückkehr Russlands zur Biennale nach dem Ausstieg 2022. Die Organisatoren betonen laut Bericht, man lehne "jede Form von Zensur in Kultur und Kunst" ab und verstehe die Biennale weiterhin als Ort des Dialogs.

Ausstellung

Marc Brandenburg spricht mit Radio 3 über seine Ausstellung "20th century debris" in der Berlinischen Galerie. Der 1965 in West-Berlin geborene Künstler beschreibt seine Arbeit als Rückblick auf eine als "wirklich sehr frei" empfundene Zeit der frühen 1990er-Jahre. Viele seiner heutigen Werke wirkten "wie Trümmer einer hoffnungsvollen Idee", da sich die politische Welt "vollkommen verändert" habe. Er spricht über seine Prägung durch die West-Berliner Subkultur, Punk- und Post-Punk-Szene sowie frühe Erfahrungen zwischen Clubs, Mode und Künstlerkreisen. Die Nacht sei damals sein Arbeits- und Lebensraum gewesen. Seine Praxis beschreibt er als Beobachten kleiner Details, die er "festgehalten und dokumentiert" habe. Zentrale Verfahren seiner Kunst wie fotografische Ausgangspunkte, Collage und Invertierungen versteht er als einfache Mittel der Verfremdung, die Realität sichtbar und zugleich "mysteriös" machen sollen. Rückblickend bezeichnet er die 1970er bis Mitte der 1990er Jahre als seine prägendste Zeit und die Ausstellung als "große Ehre".

Dan Duray beschreibt im "Observer" die Ausstellung "Modern Art and Politics in Germany 1910–1945: Masterworks from the Neue Nationalgalerie, Berlin" im Minneapolis Institute of Art. Die Schau versammelt über 70 Werke deutscher und österreichischer Moderne und stellt das Verhältnis von Kunst und Politik in der Weimarer Republik und der NS-Zeit in den Mittelpunkt. Duray hebt etwa Curt Querners "Selbstporträt mit Brennnessel" (1933) hervor, das leicht als Kommentar zum Nationalsozialismus gelesen werden könne, dessen Wirkung aber vor allem aus der malerischen Präzision und der "ungewöhnlichen, aber ausdrucksstarken Haltung" der Figur entstehe. Auch George Grosz’ "Pillars of Society" (1926) wird als satirische Verdichtung politischer und gesellschaftlicher Figuren der Weimarer Republik beschrieben, deren "Hass und Blutdurst" der Künstler in eine vielschichtige Bildsprache überführe. Frühere expressionistische Arbeiten wie Max Pechsteins "Seated Girl" (1910) erscheinen im Text stärker als malerische Experimente denn als politische Programme. Duray betont insgesamt die Spannung zwischen formaler Betrachtung und politischer Deutung dieser Kunstproduktion im frühen 20. Jahrhundert.