Debatte
Bei einer Krisensitzung zur Berlinale ist nach Angaben der Bundesregierung keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen worden. Das Gespräch werde in den kommenden Tagen fortgesetzt. In der "taz" positioniert sich Tim Caspar Boehme deutlich gegen die Amtsführung von Tuttle. Ihr Verhalten zum Abschluss der 76. Berlinale zeige eine problematische politische Schlagseite. Zwar gehöre ihre Präsenz bei Premieren zum Job, doch dass sie nach der Rede von Abdallah Alkhatib, der Deutschland als "Partner des Völkermords in Gaza" bezeichnete und warnte "Wir werden uns an jeden erinnern, der geschwiegen hat", schwieg, sei kein Zeichen von Vermittlung gewesen. Boehme schreibt, Tuttle habe "auf der Bühne eine Reaktion schuldig" gelassen. Dass Wolfram Weimer eine Entlassung erwogen habe, sei deshalb nachvollziehbar. Dem Festival tue diese Einseitigkeit nicht gut, urteilt der Autor – Weimer sei hier "ausnahmsweise zuzustimmen". Auch Jan Küveler macht in der "Welt" Tuttles Schweigen zum zentralen Fehler ihrer Amtszeit. Dass sie die Aussagen von Alkhatib unwidersprochen gelassen habe, nennt Küveler instinktlos und politisch verantwortungslos, zumal die Berlinale eine Institution des deutschen Staates sei. Gerade hier müsse "offensiv" Solidarität mit Israel vertreten werden. Dass Tricia Tuttle zuvor zwischen Palästinenserflaggen posiert habe, verstärke den negativen Eindruck. Umso tragischer sei der Vorgang, weil Tuttle sonst ein "Lichtblick" gewesen sei und den Wettbewerb trotz schwieriger Umstände gestärkt habe. Ihr möglicher Abgang treffe das Festival hart – sei aber selbstverschuldet. In der "Zeit" verteidigt Katja Nicodemus vehement die Berlinale-Chefin. Deren möglicher Abgang wäre "eine Katastrophe", die angebliche Begründung – ein "Antisemitismus-Skandal" – nennt Nicodemus absurd. Zwar sei die Berlinale von politischen Statements überrollt worden, doch Tuttle habe Haltung gezeigt: Sie habe die Unabhängigkeit des Festivals verteidigt, dem "Zwang zum Statement" widersprochen und das Recht auf Schweigen betont. Bei der Preisgala habe sie souverän gewarnt, komplexe Wirklichkeiten auf Parolen zu reduzieren. Was Alkhatib sagte, müsse ein Festival aushalten. Wenn Weimer nun umschwenke, sei das unverständlich – zumal er Tuttle zuvor ausdrücklich gestützt habe. Für Monopol kommentiert Sebastian Frenzel den Vorgang.
Im "Spike Art Magazine" beschreibt Travis Diehl anhand des rechten Influencers Clavicular, wie Memetik und Aufmerksamkeit die heutige Kultur bestimmen. Sein Name werde "wie ein Keim" verbreitet, seine Auftritte dominieren Gespräche und Streams. Zugleich vergleicht er dies mit der Vorstellung von Elon Musk, dass wir in einer Simulation lebten, und das westliche System sei wie ein Spiel, das er "debuggen" wolle. Der Artikel stellt die Kunst vor die Wahl: "become-meme or die" – in der Aufmerksamkeitsgesellschaft müsse sie virale Formen nutzen, dürfe dabei aber ihre Menschlichkeit nicht verlieren. Als Gegenbeispiel zitiert er Félix González-Torres, dessen Arbeit "wie ein Virus" die Institution durchdringe, aber nicht zerstöre, und zeigt, dass politische Wirkung und menschliche Integrität vereinbar bleiben.
Museen
In der "Zeit" zeichnet Hanno Rauterberg ein düsteres Bild des Louvre. Das Museum gleiche einer überhitzten "Kunstmaschine", die nach Jahrhunderten plötzlich stottere. Der Abgang der Direktorin Laurence des Cars sei folgerichtig, aber keineswegs die Lösung: Die Krise stehe für eine typisch französische Mischung aus "Selbstüberschätzung und Selbstvernachlässigung". Auch ihr Nachfolger Christophe Leribault übernehme ein Haus im permanenten Ausnahmezustand. Rauterberg zitiert parlamentarische Ermittler, die von "systemischen Versäumnissen" und einem Management sprechen, das "versagt" habe. Präsident Emmanuel Macron habe zwar eine "Renaissance" versprochen, doch geblieben seien Großrhetorik und Verschleppung. Der Louvre sei "auf Verschleiß gefahren" – und man könne froh sein, wenn es nicht zum Totalschaden komme. Auch die "New York Times" sieht Macron unter Druck: Frankreich-Korrespondent Mark Landler betont, dass der Louvre für französische Präsidenten seit Pompidou als "Erbe des Großprojekts" gilt; ein Scheitern könnte Macrons kulturelles Vermächtnis schmälern. Das Missmanagement am Museum und die prekäre Haushaltslage machen die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne schwieriger und bedrohen den Ruf des Präsidenten.
Porträt
In "Vanity Fair" erzählt Paul McCarthy, wie die Los-Angeles-Brände in Altadena vor einem Jahr sein Haus, Studio und die seiner Kinder zerstörten: "Unser Haus war weg – in vier oder fünf Stunden war alles weg." Trotz der Verluste beginnt der 80-Jährige neu und zeigt aktuell in The Journal Gallery Gemälde, die historische und zeitgenössische Figuren grotesk-satirisch darstellen. McCarthy erklärt, dass Käufer oft zögern: "Man könnte sagen, sie sind zurückhaltend – sie könnten das Material ansehen und sagen: 'Nein, wir können das nicht zeigen'." Gleichzeitig betont er, dass er "versucht, zu tun, was ich denke, dass ich tun sollte, was ich will." Sein neues Zuhause beschreibt er als "alles grün und schön, diese sanften Hügel" – ein Symbol für Neuanfang und künstlerische Vitalität.
Sara Geisler bezeichnet im "Zeit Magazin" das Werk von Florentina Holzinger als "Kunst der Zumutung" – und macht zugleich ihre eigene Überforderung produktiv. Geisler schildert Performances, in denen sich Frauen "Haken durch den Rücken bohren", synchron urinieren oder Schmerz bewusst wählen. Immer wieder fragt sie sich – und das Publikum –: "Warum noch mal?" Holzinger erkläre Schmerz als etwas, das man sich aneignen könne; er sei wie Scham auch ein kulturelles Konstrukt. Geisler deutet Holzingers Arbeiten nicht als billigen Skandal, sondern als Antwort auf eine Welt der Simulation: Wo alles gefiltert und generiert sei, entstehe eine Sehnsucht nach dem Unmittelbaren. Man könne während dieser Abende nicht aufs Handy schauen – "niemand kämpft mit seiner Aufmerksamkeit". Am Ende kippt die Zumutung in Rührung: Eine Zuschauerin flüstert unter Tränen, "wie zart doch die Welt ist".