Russische Gegenwartskunst in Düsseldorf

Mehr als Make-up

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In Düsseldorf versucht sich "... nach Glamour" am kosmetischen Realismus

Eine weiß bandagierte Frau steht zwei Stunden lang in der Ecke des Ausstellungsraums im engen Rheintunnel. Hinter ihr eine kalte Betonwand. Vor ihr ein roter Teppich, den sie starr fixiert, als gelte es, dieses sarkastische Sinnbild enttäuschter Aufstiegschancen mit einem einzigen Blick zu vernichten. Olya
Kroytor
gibt die Märtyrerin in einem vom Konsumismus der Nullerjahre kontaminierten Umfeld.

"... nach Glamour", der Titel ist Programm: Leonid Sokhranskis ungeborene "Twins" schöpfen ihre Lebenssäfte aus glitzernden Schläuchen. Goldene Ringe und Armbänder nisten sich in den Windungen des schauerlichen Lebenserhaltungsapparats ein. Nebenan imitiert Elena Berg die Nagelmanie von Günther Uecker. Als Material bevorzugt sie allerdings künstliche Fingernägel, die sie zu minimalistischen "Malewitsch-Quadraten" stapelt.

Die aufgetakelte Frau als Tauschobjekt und Männerwährung bildet beinahe einen Schwerpunkt dieser von Natalia Gershevskaya und Jewgenija Tschuikowa kuratierten Schau. Der Rollback der Geschlechterrollen nach der verordneten Gleichstellung durch die Sowjets ist unübersehbar. Nagellackflakons finden sich in Betonquadern wie kostbare Fetische endgelagert. Großformatige Abstraktionen entpuppen sich beim näheren Hinsehen als verblasste Lippenstift-Kussorgien. Üppige Frauenkörper altern auf riesigen Fotopanoramen. Vikenti Nilin holt zum Schlag gegen den Putin-Machismo aus, wenn er in seinem "Photo Studio" ein Folterwerkzeug aufstellt, das Potenz-Anbeter magisch anziehen dürfte.

Nur der im Pressetext diagnostizierte Übergang zum angeblich abweichenden Lifestyle der heutigen "Hipster" gerät in der Ausstellung etwas mager. Vorbote könnte der Performer Andrey Kuzkin sein, der sein gesamtes Hab und Gut für 29 Jahre in einem Eisencontainer eingemauert hat: Verzicht statt Prassen in Oligarchenmanier. Ansonsten ist von neuen Werten nicht viel zu spüren. Am Ende des Parcours hat man ein Wachrütteln nötig, denn in einem Land, das seine inneren Krisenzonen in äußere Kriegshandlungen verlagert, geht es eben nicht nur um Kosmetik.

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