Alternative Kanzlerinnenporträts

Wie andere Künstler auf Merkel blicken

Das offizielle Porträt von Angela Merkel für die Galerie im Kanzleramt ist enthüllt – und sorgt für Irritationen: Muss man die Altkanzlerin wirklich so alternativlos langweilig malen? Wir zeigen andere künstlerische Ansätze

"Beinahe stillos" und "etwas unbeholfen", aber "Angela Merkel ist unzweifelhaft als Angela Merkel zu erkennen", denn das "bürokratische Hofporträt" zeige einen "Verwaltungsrealismus auf vermeintlich verlässlichem Niveau" und sei immerhin "keine Katastrophe": Die Reaktionen auf das offizielle Porträt der früheren Kanzlerin, das von dem bislang eher unbekannten deutsch-französischen Künstler Jérémie Queyras gemalt wurde, fielen nach der Enthüllung in der vergangenen Woche etwas ratlos aus. Nach dem Motto: Das Bild ist genauso kontrolliert, konventionell und wenig überraschend wie Merkel selbst.

Tatsächlich drückt das Porträt, das nach der Präsentation im Berliner Bode-Museum neben Bildern von Merkels Vorgängern im Kanzleramt hängen soll, mit jedem Quadratmillimeter Leinwand das aus, was der Philosoph Matthias Warkus einmal "Merkelcore" nannte: Die Feier der konfliktarmen deutschen Mittelmäßigkeit, die sowohl das aggressiv Spießige als auch wirklich Weltläufige ausblendet.

Ist es gerade deshalb gelungen? Oder hätte ein Künstler, eine Künstlerin nicht auch die Widersprüche, das Widerständige und, ja, auch die tatsächlich vorhandenen Gefühlswelten der Politikerin herausarbeiten können? Irgendetwas Überraschendes, das 16 Jahre Kanzlerinnenschaft zu Tage gefördert hat? Oder ist Jérémie Queyras' Gemälde "alternativlos" – ein Wort, das untrennbar mit Angela Merkel verbunden ist?

Natürlich nicht! Von Elizabeth Peyton bis Herlinde Koelbl – Angela Merkel wurde oft porträtiert. Nachdem wir über das neue offizielle Bildnis berichteten und Wolfgang Ullrich es für uns einordnete, meldeten sich bei uns und bei unserem Autor Künstlerinnen und Künstler, die ihre Merkel-Porträts vorstellten, mit denen sie sich zum Teil auch bei der Ex-Kanzlerin beworben hatten. Hier stellen wir einige von ihnen vor. 

 

Die Widersprüchliche: Saskia Scott von Webel "Merkel und Völkerfrieden"

Gemälde: Porträt einer Frau vor dem Reichstag, auf Staffelei; Kornfeld und blaue Blumen.
Courtesy die Künstlerin

Saskia Scott von Webel "Merkel und Völkerfrieden", 2025, 100 x 120 cm, Öl auf Leinwand

Die ehemalige Kanzlerin vor dem Reichstagsgebäude in einem märkischen Weizenfeld. Neben ihr wächst ein Rittersporn der Sorte "Völkerfrieden", den Merkel einst als ihre Lieblingsblume bezeichnete. Die Leipziger Malerin Saskia Scott von Webel will mit ihrem Ölgemälde "Merkel und Völkerfrieden" (100 × 120 cm) "mit den gängigen Mustern der Politik-Ikonografie" brechen. Im Zentrum stehe die Ambivalenz des Rittersporns: Die Pflanze wurde 2015 – einem prägenden Jahr von Merkels Kanzlerschaft – zugleich zur "Giftpflanze des Jahres" gewählt.

Das Gemälde thematisiere "diese widersprüchliche Dynamik zwischen Friedenssymbol und Toxizität, zwischen Macht und Vergänglichkeit", ohne "in eine persönliche polemische Absicht zu verfallen". Stattdessen eröffne es "einen Raum, der sich festen Interpretationen widersetzt" und lade dazu ein, "über Verantwortung, Geschichte und die Bedingungen eines friedlichen Zusammenlebens nachzudenken".

Nach Angaben von Scott von Webel liegt dem Bundeskanzleramt seit Dezember 2025 ein Druck des Gemäldes vor. Das Amt habe den Eingang ihrer Bewerbung für die Kanzlergalerie in einem Dankschreiben bestätigt.


Die Heilige: Hermann Josef Hack "Mantelmadonna Merkel, 150917"

Installationsansicht: bemalter Stoffbanner mit stehender Figur, blauen Wirbeln, Patchwork-Mantel.
Courtesy der Künstler

Hermann Josef Hack "Mantelmadonna Merkel, 150917", 2015, Malerei und Collage auf Zeltplane, 305 x 303 cm

Hermann Josef Hacks "Mantelmadonna Merkel, 150917" entstand 2015 im Zusammenhang mit seinen europaweit installierten Miniatur-Klimaflüchtlingslagern "World Climate Refugee Camp". Das Werk zeige "Merkel in der Pose einer klassischen Schutzmantel-Madonna, deren Heiligenschein aus dem verfremdeten UN-Emblem besteht", schreibt Hack (hier im Monopol-Podcast). Eine Deutung wolle er bewusst offenlassen: "Eine Interpretation überlasse ich den Betrachtenden." Das Bild sei "ohne Auftrag" entstanden und befinde sich bis heute in seinem Besitz.



Der Hintergrund schiebt sich ins Bild: Saâdane Afif / Oliver Mark "Foreground"

Fotodiptychon: links SW-Porträt einer stehenden Person, rechts gerolltes Papier mit blauem Verlauf.
Courtesy the artists

Saâdane Afif / Oliver Mark "Foreground", 140 × 120 cm, C-Print auf Aluminium-Dibond, Auflage: 1/2, 2022

 

Die Arbeit "Foreground" (2022) entstand im Rahmen der Ausstellung "Collaborations I" in der Guardini Stiftung in Berlin. Für das Projekt hatte der Fotograf Oliver Mark 60 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, frei mit seinen Fotografien zu arbeiten. Mark beschreibt die Zusammenarbeit als Teil eines offenen künstlerischen Experiments: "Die Abzüge durften zerschnitten, zerkratzt, verdreht, gerahmt, beklebt, aufgezogen, bestickt oder bemalt werden, bis hin zur vollständigen Transformation des ursprünglichen Bildes." Die daraus entstandenen Arbeiten seien "ebenso überraschend wie innovativ".

Ausgangspunkt von "Foreground" war ein Porträt von Angela Merkel, das Mark 2009 im Bundeskanzleramt aufgenommen hatte. Der Berliner Künstler Saâdane Afif verschob in seiner Reaktion auf das Porträt den Fokus: "Als Oliver mich bat, ein Foto auszuwählen, schlug ich ihm einfach vor, den Hintergrund, den er für dieses Porträt verwendet hatte, in den Vordergrund zu rücken", erklärt der Künstler. Die Kanzlerin wird durch das Hintergrundpapier fast vollständig verdeckt, nur die Beine ragen noch heraus. Das Foto wurde aufgenommen, als Merkel noch Bundeskanzlerin war, Afifs Bearbeitung entstand, nachdem Angela Merkel ihr Amt niedergelegt hatte.

Die großformatige Arbeit wurde seinerzeit über Dritte als möglicher Beitrag für die Galerie im Kanzleramt vorgeschlagen. Ob Merkel die Arbeit tatsächlich gesehen hat, weiß Mark nach eigenen Angaben nicht. 

 

Helle Augen, weiche Nase: Katrin Funckes Studien des Kanzlerinnen-Gesichtes

Gemälde: halbnahe Porträtstudie einer Frau vor hellblauem Grund, breite Pinselstriche.
Courtesy die Künstlerin

Merkel-Porträt von Katrin Funcke, Acryl auf Nessel, 85 x 65cm

Porträtgemälde: expressives Brustbild, Person blickt nach oben, rosa Jacke, grauer Grund.
Courtesy die Künstlerin

Merkel-Porträt von Katrin Funcke, Acryl auf Nessel, 85 x 65 cm

Gemälde: frontales Brustbild einer Frau, lockere Pinselstriche, helle Töne, neutraler Grund.
Courtesy die Künstlerin

Merkel-Porträt von Katrin Funcke, Acryl auf Nessel, 90 x 81cm

Gemälde: Nahes Porträt einer Person; blaue Augen, rosige Haut, sichtbare, breite Pinselstriche.
Courtesy Katrin Funcke

Merkel-Porträt von Katrin Funcke, Acryl auf Nessel, 45x64 cm

Katrin Funcke, eigentlich Illustratorin, hat die Altkanzlerin gleich mehrfach gemalt. Angeregt wurde sie dazu von ihrem Bruder, der die Diskussion um die Lücken in der Kanzlergalerie verfolgt hatte und halb im Scherz seiner Schwester vorschlug, ein Porträt zu malen. Das tat sie dann auch, aus Neugier. Es sei ein Experiment gewesen, "um das Gesicht zu erforschen".

Obwohl allen Werken dieselben Fotografien aus der Mitte von Merkels Amtszeit zugrunde liegen, entstanden daraus sehr unterschiedliche Bildnisse. "Ab einem gewissen Punkt im Prozess sind die Fotos als Referenz nicht mehr wichtig. Da schaue ich nur aufs Bild und erarbeite mir die Ähnlichkeit nach der Erinnerung", sagt Funcke. Prägend seien für sie vor allem "die extrem hellen Augen und die weiche Nase" der ehemaligen Kanzlerin gewesen.

Eigentlich habe sie die Serie erst später zeigen wollen. Wegen der aktuellen Debatte um das neue offizielle Kanzlerporträt entschied sie sich jedoch für eine vorzeitige Veröffentlichung. Die Resonanz auf ihre Instagram-Posts habe sie überrascht, fast fühlte sie sich "überrannt". Die Diskussion zeige, dass gemalte Porträts von Politikerinnen und Politikern noch immer eine besondere Wirkung entfalten können. Sie möchte ihre Porträts aber auf keinen Fall als besser verstanden wissen als das neue offizielle Merkel-Porträt, sie mag dessen "Bescheidenheit", die sich deutlich von früheren, demonstrativ machtvollen Herrscherbildnissen unterscheide, etwa dem Gerhard-Schröder-Porträt von Jörg Immendorff.