Kanzlergalerie

Warum Merkels Porträt so harmlos geraten ist

Nicht nur Künstler prägen ein Auftragswerk – auch ihre Auftraggeber. Wolfgang Ullrich erklärt, warum Angela Merkels neues Porträt vor allem von ihrer eigenen Vorsicht erzählt und was der Kanzlergalerie zu echter künstlerischer Bedeutung fehlt

Der große britische Kunsthistoriker Francis Haskell bemerkte im Blick auf die lange Geschichte der Auftragskunst einmal, immer wieder sei "eher dem Auftraggeber als dem Künstler das Verdienst um ein hervorragendes Meisterwerk zugesprochen" worden. Genauso aber gilt das Umgekehrte: Wenn ein Auftragswerk allzu harmlos, allzu konventionell erscheint, kann das auch an der Person liegen, die es in Auftrag gegeben hat. Das gestern im Bode-Museum enthüllte Porträt von Angela Merkel, von dem gerade mal 28-jährigen Jérémie Queyras für die Kanzlergalerie im Kanzleramt gemalt, gibt dieser These neue Nahrung.

Ja, beim Blick auf das Gemälde, das die Kanzlerin mit leuchtendblauem Blazer und viel Seitenlicht zeigt, findet man es wirklich schade, dass sich Angela Merkel nicht als stärkere, mutigere Auftraggeberin erwiesen hat. Denn braver hätte ein solches Bild kaum ausfallen können. Hier ist nichts überraschend und schon gar nichts doppelbödig. Die Pose der stehenden Kanzlerin wirkt, zumal mit ihrer sich auf einer Sessellehne abstützenden linken Hand, ziemlich gestellt, der Umraum ist langweilig, fast undefiniert. Das Gesicht mag zwar fein modelliert und differenziert herausgearbeitet sein, aber wegen des recht unbeholfenen Malstils bei Händen und Kleidung mutet das Bild insgesamt angestrengt an.

Wer einen so jungen, noch relativ unerfahrenen Künstler für eine solche Aufgabe auswählt, will jedoch wohl vor allem sicherstellen, das Ergebnis selbst kontrollieren, gar an jeder Stelle mitentscheiden zu können, was passiert. Ein älterer, bekannterer, selbstbewussterer Künstler hätte Angela Merkel vermutlich mehr abverlangt, sie vielleicht sogar mit einer frechen Idee konfrontiert, hätte also etwa nur die zur Raute geformten Hände der Kanzlerin gemalt und auf das Gesicht ganz verzichtet oder hätte auf dem Bild die bekanntesten Merkel-Memes zitiert, statt 20 Porträtsitzungen abzuhalten. Oder hätte es geschafft, dass das Gemälde eigenwillig genug gemalt ist, damit nicht nur wegen seines prominenten Sujets darüber gesprochen wird. Oder hätte gar kein Bild gemalt, sondern an der für Merkel freigehaltenen Stelle in der Kanzlergalerie mit einem Foto, einem Video oder einem KI-generierten Bild für Diskussion und eine bildpolitische Innovation, gar Brisanz gesorgt.

Merkels eher amateurhaftes Verhältnis zur Kunst

Das vorliegende Gemälde legt hingegen nahe, dass Angela Merkel ein eher amateurhaftes Verhältnis zur Kunst hat. Dass man sie wiedererkennt und dass alles in Handarbeit und mit gewissem Zeitaufwand entstanden ist, scheint dann schon zu genügen. Wie sie bei der Enthüllung des Gemäldes selbst sagte: Sie "wollte Freude an einem solchen Vorgang haben", sei sie doch "vorher noch nie porträtiert worden". Dieses "unvergessliche Erlebnis" darf sie nun also auch ihr Eigen nennen. Der Kunst sowie der politischen Ikonografie hat sie damit aber ganz sicher keinen besonderen Moment beschert.

Verglichen mit Merkel waren zumindest zwei ihrer Vorgänger anspruchsvollere Auftraggeber. Da ist einmal Helmut Schmidt, auf den diese Galerie im Übrigen zurückgeht (weshalb die Porträts der ersten Kanzler auch anders zu bewerten sind, da sie nicht in deren eigenem Auftrag entstanden sind). Er ließ sich – 1986 – von Bernhard Heisig malen und reiste zu Zeiten von deutscher Teilung und Kaltem Krieg dafür eigens in die DDR, was man genauso als Bekenntnis zu einem vereinten Deutschland wie als Kritik am Zustand damaliger westdeutscher (Porträt)kunst auffassen konnte. Und da ist Gerhard Schröder, der sich mit keinem mehr oder weniger naturalistischen Porträt begnügte, sondern mit Jörg Immendorff einen Künstler beauftragte, der das Gesicht des Kanzlers in Gold anlegte und das Bild mit Symbolen wie einer Kamera oder Affen zusätzlich auflud und verrätselte, seinen Auftraggeber gar zu einer Art von Künstler oder Genie verklärte.

Dass Angela Merkel von derartigen Neigungen zur Apotheose weit entfernt sein würde, hatte wohl niemand anders erwartet. Im Unterschied zu den Porträts von Kohl oder der ersten Kanzler ab Adenauer erscheint sie auf ihrem Bild aber sogar geradezu staatsmännisch, denn da sie steht und nicht sitzt und mit einem markanten Kleidungsstück auftritt, wirkt sie nicht so demonstrativ bescheiden und fast schon privat wie ihre Vorvorgänger, die alle auch nur in Varianten des immer selben, längst habitualisierten Expressionismus gepinselt sind. Wenn man so will, ist ihr Porträt also immerhin das erste halbwegs offizielle Staatsporträt der Reihe.

Sehnsucht nach großen Figuren

Dass Jérémie Queyras angeblich bereits die Schlagzeile "Das schlimmste Porträt im Kanzleramt" befürchtete, ist somit bei aller Kritik an seinem Bild – und an dessen Auftraggeberin – unbegründet. Allerdings fällt es auch schwer, zu bestimmen, was genau "schlimm" oder "weniger schlimm" in der Kanzlergalerie überhaupt meinen könnte. Jedenfalls ist die Anzahl an Gemälden – Merkels ist das achte in der Reihe – zu gering und zugleich ihre Genese zu heterogen, um sagen zu können, nach welchen Kriterien ein Neuzugang zu bewerten sein sollte. Geht es hier um künstlerische Qualität oder um eine Idee von Repräsentation? Letztlich wirkt diese Galerie dann doch wie ein Sammelsurium, und sie hat keine hinreichend klare Funktion, um eine solche Frage beantworten zu können.

Umso mehr überrascht, wie viel öffentliche Aufmerksamkeit die Enthüllung von Merkels Bild und davor schon jahrelang die Spekulation darüber, wer es wohl malen würde, gefunden hat. Das suggeriert, es gehe hier um viel, ja die Kanzlergalerie sei eine wirklich bedeutsame Sache. Vielleicht zeugt diese Aufmerksamkeit von einer Sehnsucht nach großen Figuren in erhabener Inszenierung und ist Ausdruck dessen, was oft Kanzlerdemokratie genannt wurde: Folge eines ganz auf die Person des Kanzlers oder der Kanzlerin konzentrierten Staatsapparats – eher in monarchischer Tradition als plural und föderal gedacht. Aber auch der Ort der Galerie dürfte eine Rolle spielen. Vor dem Umzug von Bonn nach Berlin war diese nämlich kaum einmal Thema, erst das übergroße Kanzleramt mit relativ viel Kunst von Eduardo Chillida bis Markus Lüpertz hat ihr auf einmal ein Umfeld verliehen, das sie wichtiger erscheinen lässt, als es die in ihr versammelten Gemälde rechtfertigen können.

Durch Angela Merkels Porträt wird sich daran nichts ändern. Und durch die Porträts, die ihrem folgen werden, mutmaßlich auch nicht. Es werden Einzelstücke bleiben, die bestenfalls den Geschmack des jeweiligen Auftraggebers spiegeln. Um die Galerie vielleicht doch noch einmal interessanter zu machen, bräuchte es also ein anderes Konzept: einen professionellen Auftraggeber, ja eine Kuratorenpersönlichkeit oder eine Kunstkommission, die darüber entscheidet, wer eine Kanzlerin oder einen Kanzler nach Ende der Amtszeit porträtieren soll. Wie wäre es, Herr Scholz, wollen Sie nicht bitte den Anfang machen und jemand anderen bestimmen lassen, wer Sie für die Kanzlergalerie porträtiert?