Neue Marni-Designerin Meryll Rogge

Zwischen Avantgarde und Alltagsgarderobe

Meryll Rogge
Foto: Gretar Gunnlaugsson

Meryll Rogge

Im Namenskarussell der großen Designer gibt es eine Überraschung. Die Belgierin Meryll Rogge ist neue Kreativchefin bei Marni. In der Personalie steckt eine kleine Revolution der Luxusmode-Industrie

Die Verkündung neuer Kreativdirektoren bei großen Modehäusern klingt manchmal wie ein schlechter Scherz. Es sind selten neue, unbekannte Designerinnen oder Designer, die vorgestellt werden, sondern meist längst etablierte Namen, die wie bei einem Kartenspiel hin und her getauscht werden. Von Gucci zu Valentino zu Gucci zu Balenciaga - und wieder zurück. 

Ein heiß diskutiertes Thema, da nur wenige junge Talente eine Chance bekommen. Und vor allem, weil nur in den seltensten Fällen eine Frau an die Spitze einer renommierten Marke berufen wird. Umso überraschter wurde kürzlich die Nachricht aufgenommen, dass die Belgierin Meryll Rogge als kreative Leitung beim italienischen Modehaus Marni beginnen würde. 

Das Unternehmen wurde 1994 von Consuelo Castiglioni in Mailand gegründet und gehört seit 2012 zur OTB-Gruppe, genau wie Maison Margiela, Diesel, Viktor & Rolf und Jil Sander. Am 15. Juli trat Rogge die Nachfolge von FrancescoRisso an, der fast zehn Jahre bei Marni das Sagen hatte. 

Die Basis steht

Die Absolventin der Antwerpener Mode-Akademie begann ihre Karriere als Designerin für Damenmode im Kreativstudio von Marc Jacobs. Nach sieben Jahren in New York kehrte Meryll Rogge nach Belgien zurück und arbeitete bei Dries Van Noten. Dort war sie vier Jahre lang als Head of Design tätig und gestaltete gemeinsam mit Van Noten selbst die Damenkollektionen. 

Im Jahr 2019 gründete Rogge ihr eigenes, nach ihr benanntes Label, mit dem sie als Halbfinalistin beim LVMH-Preis 2022 und als Finalistin des Woolmark-Preises ausgezeichnet wurde. Kürzlich gewann Rogge den begehrten ANDAM Grand Prix 2025, verbunden mit 300.000Euro Preisgeld und einem einjährigen Mentoring durch Sidney Toledano, dem CEO der LVMH Fashion Group. Die richtige Basis ist also vorhanden.

Doch Meryll Rogge vertritt vor allem einen Stil; eine Art, klassische Kleidungsstücke zu biegen und neu zu interpretieren, die Begehren weckt. Wie wenige andere, etwa Jonathan Anderson, gelingt Rogge der Spagat zwischen ausgefallen und tragbar, Avantgarde und alltäglicher Garderobe.

 

Ihre aktuelle Kollektion für Herbst-Winter 2025/26 sieht etwa so aus: Das klassische Kostüm als Rohform verschmilzt mit Jersey-T-Shirts, Herrenhemden und Rollkragen. Vogelnest-artiges Haar gleicht jede betonte Taille und jeden hohen Schuh wieder aus. Weiße Manschetten schauen aus einem übergroßen, mit einem Nietengürtel taillierten Wollblazer heraus. 

Dabei wird ein Blick für schräge Details offenbar, wie Miuccia Prada ihn perfektioniert hat. Eine nordische edginess, die vermutlich von ihrer belgischen Herkunft kommt, ähnlich, wie es bei Glenn Martens der Fall ist. Gegensätzliche Silhouetten werden miteinander gepaart, genau wie Materialien und Farben. Und doch wirken die Looks nie überladen. Immer ist erkennbar, wo und wie sie einsetzbar wären. 

Meryll Rogge designt Strickjacken und Bleistiftröcke, die man bei einem Rock-Konzert tragen könnte. Bei ihr treffen italienische Extravaganz und nordeuropäische Derbheit aufeinander. Sportstücke werden modisch übersetzt, verlieren aber nie ihre Funktion. Vintage-inspirierte Muster und Schnitte dominieren die Kollektionen. All das zeigt Rogge ohne den Einsatz von gimmicks, Supermodels oder aufsehenerregender stunts, die vom Design ablenken. 

Frauen entwerfen für Frauen

Die neue Marni-Chefin regt dazu an, aufmerksam zu schauen und leise zu verstehen. Sie designt für sich, aus ihrem Bedürfnis heraus – im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Frühling-Sommer-2025-Kollektion entstand aus dem Gedanken: Was trage ich zu meiner eigenen Hochzeit? Und was trägt meine ganze Familie? 

"Es war eine sehr intuitive Art zu entwerfen und auf gewisse Weise befreiend … dieser Moment eines heimlichen Vergnügens, in dem ich einfach alles gestalten konnte, was ich wollte – weil niemand zusieht und es keinen festen Bezugsrahmen gibt", erklärte die Designerin der "Vogue"

Meryll Rogge könnte der Inbegriff dessen sein, was "Frauen entwerfen für Frauen" meint. Sie setzt clevere Sexiness ein und versteht, wie ihre Trägerin sich fühlen möchte, wenn sie sich anzieht. Sie bedenkt als Erstes ihre Kundin und deren Ansprüche und versucht nicht, ihr ein vorgefertigtes Ideal anzudrehen, in das sie sich zu zwängen hat. 

Eine mögliche Luxus-Revolution

Kein Wunder also, dass Marni sich Meryll Rogge als neue Kreativdirektorin ausgesucht hat. Der Luxusmode-Markt, zu dem auch die Marke zählt, obwohl sie als eher intellektuell, spielerisch und experimentell gilt, erlebt 2025 erstmals seit Jahren einen deutlichen Abschwung. Er ist geprägt von stagnierender Nachfrage, überhöhten Preisen und einer Schwächung seines Exklusivitäts-Versprechens.  

Marni hat sich bewusst vom klassischen Look italienischer Mode distanziert und eine eigene, unverwechselbare Sprache etabliert - zwischen Kunst und Alltag, Eleganz und Ironie. Auch unter wechselnder Leitung bietet die Marke zudem stets eine Plattform für kreative Materialforschung und emotionale, nicht an Trends gebundene Mode. 

Rogge verspricht eine gewisse Ernsthaftigkeit, neben einem eleganten Eklektizismus. Dadurch wird sich das Haus voraussichtlich weiter von seinen Mitbewerbern abgrenzen. Parallel dazu könnte die Belgierin dem Begriff Luxus eine neue Bedeutung verleihen – mehr Anspruch, handwerkliche Tiefe und Aufgeschlossenheit – und sich trotzdem wieder mehr der Kundin und dem Kunden zuwenden.

Ungestört ein Modehaus erfinden

Ihre männlichen Kollegen müssen sich bei neuen Jobs erst einmal von sich selbst abgrenzen, gerade die, die nun zum zweiten oder dritten Mal eine Top-Position besetzen. Dagegen hat Meryll Rogge die Möglichkeit, ungestört ihre Version eines gestandenen Modehauses zu erfinden und zu bespielen. 

Nach jahrelangen Versuchen der gegenseitigen Übertrumpfung sollte der Fokus darauf liegen, wieder die Kleidung in den Mittelpunkt zu stellen - und nicht den viralen Moment. Meryll Rogge scheint dafür genau die Richtige zu sein.