Zu Mittag füllt sich die Sushi-Bar im Herzen der Messehalle. Die mit Blumen geschmückten Tische werden zum Sammelplatz für Käufer, Galeristen und Beratende, die in schicken Zweireihern und mit auffälligem Schmuck glänzen – Stücke, die selbst einen Platz im Messebereich "Jewellery" verdient hätten. Bei mit Michelin-Stern ausgezeichneten Häppchen tauscht sich die Szene über die Entdeckungen des Vormittags aus.
Dass dieser Lebensstil nicht ohne Gegenstimmen bleibt, zeigten Proteste der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion kurz vor Beginn der Tefaf 2026. Der Vorwurf: Zu viele Privatjets hätten den örtlichen Flughafen blockiert. Auf dem Messegelände jedoch ist von dieser Kritik wenig zu spüren. Im Gegenteil: Unter die Käufer mischen sich Besucher, die bemüht sind, die klassische Eleganz des Fachpublikums nachzuahmen.
Die Preview-Tage sind vorbei, viele der großen Käufe sind bereits getätigt worden – darunter ein Gemälde der Künstlerin Virginie Demont-Breton, das für rund eine Million Euro in die Sammlung des Van Gogh Museums in Amsterdam wechselte. Auch Arbeiten von Max Pechstein und Gerhard Richter fanden schnell Abnehmer. Der Sammlerappetit scheint auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ungebrochen: Die exklusiven ersten Messetage verzeichneten im Vergleich zum Vorjahr ein Besucherplus von fünf Prozent.
277 Ausstellende aus 22 Ländern
Noch exklusiver als die Gäste sind auf der European Fine Art Fair, die vom 14. bis 19. März im niederländischen Maastricht stattfindet, nur die ausgestellten Werke selbst. Nicht ohne Grund gilt die Tefaf neben der Art Basel als eine der renommiertesten Kunstmessen der Welt. Insgesamt 277 Ausstellende aus 22 Ländern präsentieren in diesem Jahr Werke ganz nach dem Motto der Veranstaltung: "Discover 7,000 years of art, from antiquity to the present." Tatsächlich reicht das Spektrum von jahrtausendealtem ägyptischem Schmuck bis zu zeitgenössischer Kunst aus aktueller Produktion, etwa den jüngsten Arbeiten der Niederländerin Carina Ellemers.
Die Tefaf ist berüchtigt für ihren strengen Vetting-Prozess. Ein Komitee aus rund 200 Gutachtern prüft in Abwesenheit der Aussteller, ob ihre Stücke dem Qualitätsanspruch der Messe genügen. Nirgendwo sonst ist die Dichte an herausragenden Gemälden der Alten Meister so hoch wie hier; knapp die Hälfte aller Stände ist ihnen gewidmet. Seit der ersten Tefaf im Jahr 1988 kehren viele Händler Jahr für Jahr zurück, manche bereits seit Jahrzehnten. Sammlerinnen und Sammler wissen, was sie bekommen. Viele Galeristen kennen ihre Kundschaft aus früheren Jahren, neue Gesichter sind rar. Eine Ausnahme bilden Institutionsvertreter: Die Zahl der vertretenen Museen stieg im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 450.
Am bewährten Erfolgsrezept der Messe wird nicht gerüttelt – und doch schafft die Tefaf gezielt Räume für Neues. Nur wenige Schritte von der Sushi-Bar entfernt fällt der Blick auf die nächste Generation des Kunstmarkts. Im sogenannten Showcase präsentiert die Messe junge Galerien, die hier erstmals mit dem Publikum in Kontakt treten. Eigentlich sei in diesem Teil der Halle mehr zeitgenössische Kunst angesiedelt, "aber die präkolumbianischen Figuren direkt gegenüber lassen unsere Stücke aus der Meissener Porzellanmanufaktur jung wirken", scherzt Stephan Boll, Geschäftsführer von Trias Art Experts aus München.
Objekte mit VIP-Geschichte
Seinen Kunsthandel gibt es erst seit 2023, die Antiquitäten, die er präsentiert, sind deutlich älter. Gefragt seien heute vor allem Stücke mit einzigartiger Provenienz. Auch die politische Dimension historischer Objekte trage zu ihrer Anziehungskraft bei, etwa ihre Verbindung zu geschichtsträchtigen Persönlichkeiten. Ein Porzellan-Kästchen aus dem Besitz Friedrichs des Großen zieht besonders viel Aufmerksamkeit auf sich.
Dass Werke heute nicht nur wegen ihrer Ästhetik, sondern auch wegen ihrer Erzählung geschätzt werden, beobachten viele Händler als einen der wichtigsten Trends des Kunstmarkts. "Am Ende geht es immer um Storytelling", sagt auch der niederländische Galerist Hidde van Seggelen, der auf moderne Kunst spezialisiert ist. "Zeitgenössische Kunst gewinnt durch die persönliche Geschichte dahinter." An seinem Stand finden sich etwa Arbeiten der Japanerin Suchan Kinoshita: zarte, geknickte Blumenformen auf Leinwand. Die Werke sind der verstorbenen Mutter der Künstlerin gewidmet.
Die Veranstalter scheinen diese Entwicklung erkannt zu haben und widmen ihr einen eigenen Bereich: "Focus", der nun im dritten Jahr auf dem Hallenplan steht. Galerien bewerben sich dafür mit einer Auswahl von Werken eines einzigen Künstlers, um diese einem internationalen Publikum zu präsentieren. Die diesjährige Edition zeigt sieben Soloprojekte, darunter Positionen der amerikanischen Fotografie und des De Stijl. Die Pariser Galerie Maria Wettergren widmet sich einer der bedeutendsten zeitgenössischen Textilkünstlerinnen Skandinaviens, Margrethe Odgaard, und ihrer Reihe "Ophelia". In der wird die Geschichte der tragischen Heldin aus Shakespeares "Hamlet" durch über Lichtquellen gespannte Textilien neu erzählt.
Volles Risiko
Die Galeristin Wettergren schätzt diesen Bereich besonders. Dort gebe es "Ruhe, die Tiefe ermöglicht". Abseits vom Trubel der Messe beobachtet sie, wie Besuchende in Zeiten des Überkonsums die Gelegenheit begrüßen, sich intensiver mit den Gedankenwelten einer einzelnen künstlerischen Position zu beschäftigen. Trotz der Plattform birgt das Ausstellen nur einer einzelnen Künstlerin auch Risiken, denn die Galerie hängt wirtschaftlich vom Erfolg dieser einen Präsentation ab.
Während im Focus-Bereich die letzten Gespräche mit Neugierigen stattfinden, ist es an der Sushi-Theke ruhiger geworden. Der Tag klingt an der Champagnerbar aus – der Appetit auf Geschäfte ist fürs Erste gestillt.