Met Gala in New York

Wie Tech-Milliardäre Couture zu Content machen

Das Ehepaar Bezos hat sich ins Zentrum der diesjährigen Met Gala gekauft. Passenderweise wirkten die Outfits der Gäste wie für den Algorithmus optimiert. Wie relevant ist die Veranstaltung für die Modewelt überhaupt noch?

Die Met Gala galt lange als das Event, wenn es um Mode und Meinungsmache ging. Wichtige Modehäuser sponserten den Abend, geladene Gäste durften sich zur Stil-Elite zählen. Was sie einte, waren kulturelle Relevanz und Geschmack. Ein Platz am Tisch des exklusiven Abendessens kostete vor rund 20 Jahren etwa 3500 Dollar. Anna Wintour entwickelte das Event dann in ihrer Amtszeit als "Vogue"-Chefin von einer Benefizveranstaltung zu einem internationalen Großereignis. Mit dem Ziel, höhere Spendengelder für das Kostüminstitut im Metropolitan Museum of Art zu sammeln, wurde es immer bombastischer und teurer.

Und das funktionierte. Im letzten Jahr sollen 31 Millionen Dollar zusammengekommen sein. Nun aber sind die Eintrittskosten für den Gala-Abend so hoch, dass sie sich nur noch die Superreichen leisten können. Und damit vor allem Tech-Firmen.

"Meta Gala" oder "Tech Gala", wurde das diesjährige Spektakel deshalb oft betitelt. Einzelne Eintrittskarten beliefen sich auf 10 000, ein ganzer Tisch auf 350 000 Dollar. Gesponsert wurde das Event vom Ehepaar Bezos, das sich als Co-Gastgeber des Abends eingekauft hat. Das sorgte für Proteste auf den Straßen New Yorks und warf die Frage auf, ob heute Geld allein reicht, um in der ersten Mode-Liga mitzuspielen.

Was macht der Tech-Bro beim "Super Bowl" der Mode?

Die Antwort liegt auf der Hand: Ohne jedes kreative Talent wuseln die Bezos seit geraumer Zeit an der Spitze der Modewelt herum. Hier ein Foto mit Jonathan Anderson bei Dior, dort eine Platzierung in der ersten Reihe einer Modenschau. Schon während der Pariser Haute-Couture-Woche im Januar war Anna Wintour mit Lauren Sánchez Bezos im Schlepptau abgelichtet worden. Auch hatte Sánchez im vergangenen Jahr zu ihrer Hochzeit in Venedig ein digitales Cover der "Vogue" geschmückt. Damals waren Gerüchte aufgekommen, ob Bezos wohl den Condé-Nast-Verlag übernehmen werde. Auch wenn das bisher nicht geschehen ist, bewegt sich das Paar ausgesprochen selbstbewusst in einem Feld, das einst der absoluten Mode-Elite vorbehalten war. 

Und mit ihm viele weitere Tech-Unternehmer, die die Tische der diesjährigen Met Gala gekauft haben. Von OpenAI über Snapchat bis Meta. Woher kommt diese Faszination für ein Metier, das so weit entfernt von dem eigenen scheint? Der gemeine "Tech-Bro" ist bekannt für schlecht sitzende T-Shirts, Kapuzenpullover und untragbare Turnschuhe. Was macht er bei dem "Super Bowl" der Mode?

"All diese Unternehmen sind auf die Akzeptanz durch weibliche Zielgruppen angewiesen", schreibt Amy Odell, Autorin einer Anna-Wintour-Biografie, in ihrem Newsletter "Backrow". Außerdem inszenieren sie sich so als attraktive Plattformen für High-Fashion-Marketing und sichern sich mit großzügigen Spenden gezielt positive PR. Die Akzeptanz der Modewelt bietet ihnen eine riesige Bühne und bedeutet Zugang zu einer völlig neuen Zielgruppe. 

 

Foto: Person in mint‑schwarzem Federkleid, mit Bob und Sonnenbrille, auf Teppichstufen; Fotografen.
Foto: Evan Agostini/Invision/AP/dpa

Anna Wintour kommt zur Benefizgala des Metropolitan Museum of Art


Schon seit einigen Jahren sponsern Tech-Firmen wie Yahoo, Apple oder TikTok die Met Gala mit. Etwa parallel zu dieser Entwicklung wurden die Kreationen, die über den roten Teppich schritten, sichtbar kostümiger und teilweise absurd. Algorithmus-freundlich, auf den viralen Moment ausgelegt, der sie online erwartet. All das widerspricht dem einstigen Image des Events und dem der Mode an sich. Hier gibt sie den Ton kaum noch vor, sondern passt sich dem an, was Klicks bringt.

Irritierende Selbstinszenierung

Der Dresscode der diesjährigen Gala lautete "Fashion is Art". Mode sollte nicht als Kleidung, sondern als Kunst verstanden werden und der Körper als Leinwand. Lauren Sánchez Bezos hatte sich für ein dunkelblaues Kleid mit dünnen Perlenträgern von Elsa Schiaparelli entschieden. Dessen Inspiration hängt passenderweise im Museum nebenan. "Madame X" (1884) heißt das Porträt des US-amerikanischen Malers John Singer Sargent, das für die dargestellte Virginie Gautreau zum Verhängnis wurde. Ihr heruntergerutschter Kleidträger galt als unschicklich, die ganze Darstellung als befremdlich und obszön. Sánchez inszenierte sich so als missverstandene Schönheit, für ihr Auftreten gecancelt. Was beweist, wie wenig sie die eigentliche Kritik an ihrer Rolle verstanden hat.

Die Omnipräsenz von Bezos und Konsorten ist eine Machtdemonstration. Selbst Anna Wintour, über deren "Gatekeeping" mit "Der Teufel trägt Prada" zwei ganze Filme gedreht wurden, lässt sich auf die Tech-Milliardäre ein und verpasst ihnen vermeintlich kulturelle Legitimität. Wie lange sich dieses Konzept wohl hält?

Die Met Gala sollte einst talentierten Designern und kreativen Genies Aufmerksamkeit bieten. Wenn die es nicht mehr auf die Gästeliste schaffen (wollen), wie lange gilt die Veranstaltung dann überhaupt noch als relevant und ein Platz am Tisch als erstrebenswert?