Ausstellung in Bonn

"Wir gehen auf Distanz zu Michael Jackson"

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Trotz neuer Missbrauchsvorwürfe wird die lange geplante Michael-Jackson-Ausstellung in Bonn gezeigt. Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, sucht die Diskussion mit dem Publikum. Ein Interview

Rein Wolfs, die Ausstellung über Michael Jackson, die Sie in Bonn zeigen werden, lief bereits an zwei anderen Standorten. Haben Sie die Ausstellung in London oder Paris gesehen, wie war ihr Eindruck?
Ich habe beide Stationen gesehen. Für mich ist es eine Kunstausstellung, es ist etwas anderes als beispielsweise die Schauen über Musiker wie David Bowie oder Pink Floyd, wie sie im Victoria and Albert Museum ausgerichtet wurden. Wir machen dezidiert eine Kunstausstellung, die sich von jenen Inszenierungen maßgeblich darin unterscheidet, dass sie nicht Werke des Musikers oder "Devotionalien" zeigt, sondern sich auf die Rezeption in der zeitgenössischen bildenden Kunst fokussieren. Seit gut zwei Jahren kooperieren wir mit der National Portrait Gallery, weil wir finden, dass es wenige Musiker gibt, die so einen Einfluss auf die Kunst hatten wie Michael Jackson.

Die Liste ist sehr divers, von konzeptuell arbeitenden Künstlern wie Jordan Wolfson bis Andy Warhol. Kann man eine Gemeinsamkeit erkennen, gibt es etwas, das alle Künstler fasziniert?
Genau das ist es, was in allen Arbeiten sichtbar ist, eine Faszination für das Phänomen. Er ist als Künstler, als Musiker der erste große Star des Medienzeitalters gewesen, und hat aktiv dazu beigetragen. Er ist der erste Musiker, der in diesem Maße visuell sichtbar und vervielfältigt wurde und der Videoclips als narrative Filme eingesetzt hat, unter Aufwendung größter Mittel.

Die Künstler stellen ihn als mythisches Wesen dar, eingebettet in Fantasy-Welten, und folgen damit der Erzählung, die er selbst von sich entworfen hatte.
Ja und nein. Ich würde differenzieren, es gibt durchaus auch eine ironische und damit durchaus kritische Positionierung von Seiten der Künstler. Zum Beispiel das Porträt von Kehinde Wiley. Das sieht zunächst aus wie eine wahnsinnige Überhöhung der Figur Michael Jackson, aber auf der anderen Seite ist es eine Stilfigur der Übertreibung, die ironische Züge hat, die das Ganze auch etwas lächerlich macht, und natürlich auch kunsthistorische Bezüge zu Herrscherporträts aufweist.

Jacksons Begriff von sich selbst unterscheidet sich aber möglicherweise gar nicht von dieser Darstellung.
Das ist so, es hat eine ungeheure Selbststilisierung bei Jackson stattgefunden. Damit war er auch ganz klar eine Figur der Zeit, in der eine große Individualisierungskultur eingesetzt hat. 

Muss man die Kunstwerke, die entstanden sind, jetzt anders betrachten, nachdem erneut schwerwiegende Vorwürfe des Missbrauchs von Kindern gegen ihn laut wurden?
Es gibt keinen Zwang, die Kunstwerke anders zu betrachten, würde ich behaupten. Aber wenn man über die Person Jackson reflektiert, liest man den Kontext zwangsläufig mit. Das wirkt sich natürlich auch auf die Interpretation der Werke aus, die sich mit ihm auseinandersetzen. 

Gerade in Kehinde Wileys Darstellung wird Jackson gekrönt von zwei nackten Engeln, die ihm den Lorbeerkranz aufsetzen. Das bekommt jetzt eine andere Wendung. Der Künstler hätte das Bild heute womöglich so nicht mehr gemalt, oder?
Könnte sein, das kann ich nicht beurteilen. Er hat aber natürlich die klassischen Stilfiguren imitiert, und Engel sind nun mal fast immer nackt gewesen. Dieser Topos ist übrigens auch immer wieder kontrovers diskutiert worden. Diese Putten gehören zu jener Form der Malerei im breiten historischen Sinne. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass einzelne Werke heute anders gemacht worden wären. 

Ihre lange vorbereitete Schau steht nun unter ganz neuen Vorzeichen, die öffentliche Meinung dreht sich. Sie machen die Ausstellung trotzdem. Wie haben Sie diese Entscheidung getroffen?
Im Vordergrund steht, dass wir es mit einer Kunstausstellung zu tun haben, die zu zeigen und zu präsentieren von kultureller Relevanz ist. Natürlich kontextualisieren wir die Ausstellung jetzt neu, und über die Art und Weise führen wir in den letzten Tagen starke Diskussionen. Wie gehen wir damit um? Wir werden am Anfang der Ausstellung in einem Text Stellung beziehen und auch etwas zu den Vorwürfen sagen, die in dem Dokumentarfilm von Dan Reed geäußert werden. Wir machen deutlich, dass die Vorwürfe uns schockieren. Wir erklären aber auch, dass die Reflektion von Künstlern auf das Phänomen Michael Jackson letztendlich nicht aus der Geschichte gestrichen werden kann. Wir gehen auf Distanz zur Figur Michael Jackson, aber zunächst sind wir alle konfrontiert mit Vorwürfen gegen ihn, nicht aber mit einer Verurteilung.

Werden Sie mit den Exponaten anders umgehen als in den vorangegangenen Stationen?
Wir werden keine Änderung an den Exponaten vornehmen. Sie haben eben Jordan Wolfson angesprochen, gerade sein Werk hat eine große Doppelbödigkeit, die aktueller nicht sein könnte.

Wie begründen Sie es jetzt, eine popkulturelle Reliquie wie Jacksons nietenbesetzte Lederjacke auszustellen?
Das ist etwas, das ich auch hinterfragt habe, und ich bin der Meinung, es handelt sich nicht in erster Linie um eine Reliquie. Darauf haben wir von Anfang an verzichtet, um keine Fankultur-Ausstellung zu machen, die alles, was Michael Jackson in den Händen gehabt haben könnte, zu einem Exponat hochstilisiert. Aber diese Jacke ist tatsächlich ein Zeichen von sehr individuellem Design, entstanden in seinem künstlerischen Umfeld. Wir zeigen sie als Teil der Kunstwerke, als Design-Exponat.

Sie argumentieren für die Trennung von Werk und Urheber, doch das ist gerade bei einem Gesamtkunstwerk, als das man Jackson begreifen muss, besonders schwer.
Dafür gibt es ja in der Geschichte viele Beispiele, gerade bei Schriftstellern, deren Lebenswandel, Meinungen, ihre politischen Abartigkeiten ihre Literatur gegenüberstanden. Wir müssen uns fragen, wie unser Umgang sein soll. Müssen wir solche Aspekte aus der Geschichte ausradieren, oder müssen wir über sie reden? Ich glaube, man muss solche Aspekte verhandeln. Mir ist klar, dass man Autor und Werk nicht komplett voneinander trennen kann, aber man muss das Phänomen letztendlich in einer Gesamtsicht betrachten.

Glauben Sie, dass Ihr indirekterer Zugang über die Kunst letztlich eine produktivere Auseinandersetzung möglich macht?
Wir haben die Betrachtungsweise aus der Kunst heraus gemeinsam mit der National Portrait Gallery gewählt. Und wir werden jetzt die Ausstellung auch aus der Kunst heraus präsentieren. Aber wir werden aufgrund der aktuellen Ereignisse und der neuen Vorwürfe noch eine Klammer drum herumsetzen, die das anders diskutiert. Auch in öffentlichen Diskussionsrunden und Panels, und wir werden noch schauen, wie wir mit der Besucherschaft in Austausch treten können.

Liegen die Radiosender also falsch, die Jacksons Songs nicht mehr spielen? Machen die Macher der Simpsons einen Fehler damit, die Jackson-Episode zu streichen?
Es ist wichtig, Stellung zu beziehen. Aber wir wollen die Kunstwerke nicht antasten, die in den letzten 35 Jahren zu Michael Jackson entstanden sind. Wir wollen sie nicht plötzlich aus dem Verkehr ziehen und tun, als hätte es sie nicht gegeben. Das wäre die falsche Entscheidung.

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