Michael Riedel, zu Beginn für alle, die nicht dabei waren: Was hat es mit dem Projekt "Oskar-von-Miller-Strasse 16" auf sich?
"Oskar-von-Miller-Strasse 16" war zunächst ein Haus in Frankfurt am Main, das ich mit Freunden angemietet hatte, um aus dem ehemaligen Verkaufsraum eines Reifenhändlers einen Veranstaltungsort zu machen, in dem es möglicherweise um Kunst gehen sollte. Drei Jahre nach seiner Gründung stand er als Nachbau im Hauptraum der Wiener Secession, betitelt mit "Kontext-Form-Troja". Mir war klar, dass keine Kunst so interessant ist wie der Raum, der die Kunst ermöglicht.
War das Mögliche wichtiger als das Reale?
Die reale Möglichkeit. Oder, wie es Ende der 90er Jahre in der Werbung hieß: "Entdecke die Möglichkeiten: Ikea", "Das Leben ist voller Möglichkeiten: Audi" und "Nichts ist unmöglich: Toyota". Das Mögliche hat mich schon während des Studiums beschäftigt, und der leere Ausstellungsraum war dafür sozusagen das Sinnbild. Nur ist das natürlich eine ziemlich langweilige Veranstaltung, so ein leerer Ausstellungsraum. So kam es dann, dass wir Kopien von anderen Veranstaltungen veranstalteten. Das war ein enormer Befreiungsschlag für mein künstlerisches Handeln, da man sich beim Herstellen von B-Versionen auch seines eigenen Egos erstmal entledigen konnte. Und da die Veranstaltungen ja auch nur so taten, als wären es Veranstaltungen, hat das Ganze eine spielerische Leichtigkeit gehabt.
In der Ankündigung zur Übergabe der Werke an das Frankfurter Museum MMK heißt es sinngemäß: Kein Künstler, keine Künstlerin, die am Anfang des Jahrtausends in Frankfurt ausstellte, konnte sicher sein, dass nicht eine Spiegelversion seiner oder ihrer Ausstellung in Ihrem Space stattfinden würde. Welche Künstlerinnen und Künstler beziehungsweise Ausstellungen wurden da gespiegelt?
Unsere erste Ausstellung war "Jim Isermann", ausgehend von seiner Ausstellung im Portikus. Oftmals waren es Portikus-bezogene Ausstellungen, die wir kopiert haben, aufgrund der örtlichen Nähe zur Oskar-von-Miller-Straße. Der Kurator Kasper König hat auf einer seiner Postkarten noch Jahre später von diesem Event geschwärmt. Also: "Jim Isermann", "Rirkrit Tiravanija", "Jason Rhoades", "Gilbert & George" – das waren die Highlights des Kunstprogramms.
Irgendwelche lokale Kunst, die heute vielleicht niemand mehr kennt?
Tatsächlich waren uns renommierte Positionen lieber, weil man sich so über die Ankündigung wunderte, dass solche Namen plötzlich in diesem Art Space auftreten. "Benjamin von Stuckrad-Barre" war damals zum Beispiel so ein Hype, den wir als Titel benutzt haben. Letztlich haben wir aber alle Sprachen des öffentlichen Kulturangebots nachgesprochen, "ohne Verständnis für das Gesagte" – wie es so schön im Klappentext zu der Publikation "Oskar–a novel" von 2003/2014 heißt.
Wie haben Sie das in der Praxis gemacht? War es etwa versicherungstechnisch problemlos möglich, Gilbert & George auszustellen?
Bei unseren Events "Gilbert & George", oder auch "Rirkrit Tiravanija", haben wir die Kopie im Portikus selbst veranstaltet und die Dokumentation dann bei uns als "Gilbert & George Party" abgefeiert. Für die Veranstaltung hatten wir zwei Schauspieler engagiert – Gert und Georg –, die das englische Künstlerpaar während der Eröffnung in angemessenem Abstand imitierten. Das "Rirkrit Tiravanija"-Event fand bezeichnenderweise auf dem Damenklo des Portikus statt. Auch, weil es unserer Vorliebe für Randbereiche entsprach.
Gab es Ausstellungen, die als Kopie gescheitert sind?
Es gab eine Veranstaltung, wo schon die Vorlage gescheitert war. Teil der Ausstellung von Jason Rhoades im Portikus war es, nach Wasser zu bohren. Unser Event bestand daraus, dieses Wasser für die Toilettenspülung der "Oskar-von-Miller-Strasse 16" zu verwenden und das Bild eines Kreislaufs entstehen zu lassen. Da es kein Wasser gab, mussten wir improvisieren. Es gab den Hinweis, sein Geschäft bitte mit Wasser aus dem Waschbecken zu entsorgen. Also eine gelungene misslungene Ausstellung. Aber wie gesagt: Die Veranstaltungen spielten ja eigentlich keine so große Rolle.
Spielte es eine Rolle, was man sich später davon erzählen könnte?
Der leere Raum war für mich faszinierend und langweilig zugleich. Denn das eigentliche Material, das mich künstlerisch interessierte, war das Material, mit dem sich der Raum aufladen ließ – die sozialen Medien, damals noch analog. Die Plakate, Flyer und Publikationen, die jetzt in die Sammlung des Museums MMK für Moderne Kunst gehen, erzählen die Geschichte einer Leerstelle in der Kunstwelt.
Im Rückblick betrachtet war die zeitliche Begrenzung dieses Projektraums sicher zuträglich: Weil sich auch der beste Witz irgendwann abnutzt?
Wenn es nur um den Witz geht, dann ja. Schaut man aber auf die insgesamt 14 Jahre "Oskar-von-Miller-Strasse 16", ergibt sich eine Kunstgeschichte mit namhaften Kapiteln: Wiener Secession, Frieze Art Fair London, MoMA New York, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Museum Angewandte Kunst Wien sowie die Galerien Gabriele Senn und David Zwirner und zahlreiche Sammler:innen. Und jetzt, als offenes Ende: die Erzählung der Erzählung im Museum. Irgendwann verschiebt sich naturgemäß die Produktion hin zur Vermittlung dessen, was man produziert hat. Wobei ich damit nicht sagen will, dass ich Kunstvermittlung gut finde – im Gegenteil. Es ist etwas anderes, wenn Künstler und Künstlerinnen selbst über ihr Werk sprechen oder gar die Selbstbeschreibung zum Anlass nehmen, daraus neue Werke zu schaffen.
Haben Sie selbst also auch zum – womöglich etwas ungerechtfertigt guten – Ruf Frankfurts als Kunststadt beigetragen, wie es in der Ankündigung zum Event anklingt?
Ich habe das gar nicht so ironisch verstanden, was Kolja Reichert da in einem Artikel über Frankfurt als Künstlerstadt geschrieben hat. Es war wirklich eine interessante Zeit in Frankfurt um die Jahrtausendwende. Es gab viel internationale Aufmerksamkeit für die Städelschule, auch durch Daniel Birnbaum als Rektor. Dinge wurden dann auch von Frankfurt aus in die Welt getragen, als wir zum Beispiel auf der Kunstmesse in London den "Falschen Portikus (Oskar-von-Miller-Strasse 16)" präsentiert haben und sich der dazugehörige "False Frieze Art Fair"-Katalog besser verkauft hat als das Original.
Funktioniert das Arbeiten mit dieser eigenen Vergangenheit für Sie als Künstler, für den alles Material ist, eigentlich ganz ohne Nostalgie?
Es gibt Frühwerke von mir, die aussehen wie aus den 1920er-Jahren. Dabei geht es aber nicht um Nostalgie, sondern ganz zeitgemäß um die Imitation von dem, was als Kunst angesehen wird und sich so ungefragt in die Geschichte mit einschreibt. Ob ich jetzt die 20er-Jahre oder das Event von letzter Woche wiederhole, ist letztlich das Gleiche. Bis hin zum Moment, in dem die eigene Arbeit zur Vorlage wird. Als zum Beispiel 2003 die Besucherzahlen in der "Oskar-von-Miller-Strasse 16" nachgelassen haben, haben wir die Rückwand des Ausstellungsraums mit einem Nachbau verdoppelt und so den Raum verkleinert. Dadurch war die Veranstaltung mit weniger Besucher:innen immer noch gut besucht.
Ich möchte noch einmal auf das Mögliche zurückkommen. Wenn das wichtiger ist als der tatsächliche Ort, dann kann man quasi überall Kunst schaffen. Finden Sie es wichtig, dass eine Stadt sich aktiv für diese Frei- und Leerräume einsetzt, diese vielleicht sogar bereitstellt – oder ist es für Künstler eigentlich besser, sich ihre "Tatorte" unter widrigen Umständen selbst zu suchen?
Ich denke, dass Selbstaneignen und diese widrigen Umstände oftmals zu viel beeindruckenderen Aktionen und Formen führen als Ausstellungsräume, die über Förderung laufen. Kunst zu fördern, hat bestimmt einen guten Zweck. Aber es entsteht dadurch natürlich eine ganz andere Dynamik als wenn man wirklich gemeinsam alles auf eine Karte setzt und daran arbeiten muss, dass es auch irgendwie gelingt. Abgesehen davon, dass man sich nicht für das rechtfertigen muss, was man künstlerisch macht.
Und das geht auch bei horrenden Mietpreisen, oder muss irgendwie gehen?
Es ist die Frage, wofür man sein Geld ausgibt.
Am 12. Dezember werden nun 79 Arbeiten aus der Zeit der "Oskar-von-Miller-Strasse 16" vom Museum MMK für Moderne Kunst abgeholt. Zwei Fragen: Was passiert an diesem Abend – und was passiert mit dem Werk, wenn es dann museal wird?
In Anwesenheit der Direktorin Susanne Pfeffer kann die Abholung der Werke an diesem Abend in meinem Atelier live miterlebt werden. Das art handling wird moderiert von Michael Neff und Silke Hohmann, und am offenen Mikrofon können Beteiligte zu Wort kommen. Max Hollein wird sich aus New York zuschalten, und Daniel Birnbaum ist ebenfalls dabei. Am offenen Feuer kocht die Freitagsküche. Und natürlich mache ich eine Aufnahme vom Event der Events, um ein Werk herzustellen, das möglicherweise auch dazugehört.