Michaela Melián in Lübeck

Die verdrängte koloniale Vorgeschichte der Manns

In Lübeck blickt Michaela Meliáns Ausstellung "Echo" hinter die Fassade der Familie Mann und erzählt die Geschichte von Julia Mann neu – zwischen Brasilien, Erinnerung und kolonialer Gewalt

Lübeck ist fast synonym mit der Familie Mann. Hier steht das Buddenbrookhaus, hier kennt man sie: diese sehr deutsche Geschichte einer Familie von Kaufleuten und dann Intellektuellen und Literaten, diese Geschichte von nationaler Identifikation und ihrem Scheitern im Exil, von Dissidententum und Heimkehr. Aber wie viele Menschen in Lübeck und anderswo wissen, dass am Anfang dieser Familiengeschichte eine Person steht, deren Biografie die deutsche Kolonialgeschichte in sich trägt? Wie viele wissen, dass die Mann-Kinder – Heinrich, Thomas, Julia, Carla und Viktor – als Kinder ein Lied summten, dessen Worte sie nicht verstanden und das von den Qualen versklavter Menschen auf Plantagen in Brasilien handelte?

In der Lübecker St.-Petri-Kirche kann man jetzt, auf einer sich drehenden, runden Plattform sitzend, eine Komposition hören, die aus Elementen dieses Liedes geschaffen wurde. Wenn man hochschaut, erblickt man leicht transparente, wehende Fahnen, manche blau wie der Himmel über Bayern oder auch Rio, manche mit ornamentalen Ranken oder Mustern bedruckt. Michaela Melián hat für die Lübecker Overbeck-Gesellschaft eine Ausstellung entwickelt, die mit Skulptur, Textil, Zeichnung und Klang die Geschichte der Manns neu erzählt.

 

Im Zentrum der Schau, die sowohl in der St.-Petri-Kirche als auch in den Räumen der Overbeck-Gesellschaft stattfindet, steht Julia, die Mutter der berühmten Manns. Sie wurde 1851 als Julia da Silva Bruhns auf einer abgelegenen Plantage im brasilianischen Paraty geboren, als Tochter eines aus Lübeck stammenden Kaufmanns und Sklavenhalters und seiner aus Portugal stammenden Frau. Als die Mutter sechs Jahre später starb, wurde Julia zu Verwandten nach Lübeck geschickt und in einem wohl schmerzhaften Prozess an die bürgerliche deutsche Gesellschaft assimiliert. 1869 heiratete sie den elf Jahre älteren Senator Thomas Johann Heinrich Mann und bekam fünf Kinder. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1891 lebte sie mit ihren Kindern zunächst weiter in Lübeck, wo sie als Witwe sozial geächtet und der Affären verdächtigt wurde. Später zog sie mit der Familie nach München und führte dort ein selbstbewusstes Leben als alleinstehende Frau und Mutter, bis das Vermögen aufgebraucht war und sie schließlich 1922 verarmt in einem Landgasthof bei München starb.

Das Lied, das nun in Fragmenten in Meliáns Ausstellung erklingt, hatte Julia von ihrer Amme, einer versklavten Frau namens Anna, gehört – so oft, dass sie es später ihren eigenen Kindern vorsingen und schließlich in einem Erinnerungsbuch mit Text und Melodie notieren konnte.

Tropische Erinnerungen

"Echo" heißt Meliáns Ausstellung, und sie erzeugt tatsächlich ein vielfältiges Echo auf das Leben Julia Manns und die Verflechtungen zwischen den Zeiten und Kontinenten, die es repräsentiert. Die Fahnen, die in der Overbeck-Gesellschaft gezeigt werden und die Besuchenden auch schon vor der Tür empfangen, nehmen eine erhaltene Kinderzeichnung Julia Manns auf, die das karge Angebot von Früchten in Lübeck zeigt – Apfel, Birne – und versetzen das Motiv in die üppige tropische Pflanzenwelt ihrer ursprünglichen Heimat. 

Auch historische Abbildungen von Zuckerrohrpflanzen und brasilianischem Kaffee, jenen Pflanzen also, die Vater Bruhns anbauen ließ, werden zum Material für Meliáns ornamentale Textilbilder. Auch hier lässt Melián, gleichermaßen bildende Künstlerin und Musikerin, eine verfremdete Version des brasilianischen Schlaflieds erklingen. Es ertönt aus einer Gruppe von Lautsprecher-Skulpturen, die wie versteinerte Schneckenhäuser geformt sind. Man muss sich ein bisschen zu den Schnecken hinneigen, um die Musik zu hören – und erinnert sich dabei daran, dass im Schneckenhaus ja eigentlich nicht das Meer, sondern das Rauschen der eigenen Blutzirkulation zu hören ist. 

Hinter der bürgerlichen Fassade

Aber die Geschichte, so zeigt diese Ausstellung, kreist in Wirklichkeit weniger um sich selbst als gedacht. Sie führt vielmehr vor, dass selbst hinter der Fassade des bürgerlich-deutschen Lübeck des 19. und 20. Jahrhunderts globale Verflechtungen liegen – und dass der Reichtum dieser Gesellschaft nicht ohne Gewalt und Ausbeutung an einem anderen Ort der Erde zu denken ist.

Als Musikerin wie als Künstlerin ist Melián eine Meisterin des Sampling. In "Echo" zeigt sie auf poetische Weise, dass auch die Geschichte der Familie Mann aus weit mehr Elementen zusammengesampelt ist, als man gemeinhin glaubt.