Es ist noch nicht lange her, da prunkte die Alte Pinakothek München mit einer Ausstellung der Barockmalerin Rachel Ruysch. Nun ist es das Kunsthistorische Museum Wien (KHM), das mit einer nicht minder ambitionierten Übersicht über das Werk der Barockmalerin Michaelina Wautier hervortritt. Die Revision der Kunstgeschichte mit der Einbeziehung jahrhundertelang übersehener Malerinnen geht voran – und in beiden Fällen, Ruysch wie Wautier, sind es veritable Schwergewichte, die da wiederentdeckt werden. Kein Gender-Proporz um des bloßen Proporzes willen, sondern Korrekturen an einem einseitigen, fehlerhaften Geschichtsbild.
Dass Michaelina Wautier aus der Erinnerung fallen konnte, ist schier unverständlich. Denn sie war zur Zeit ihrer beruflichen Aktivität Mitte des 17. Jahrhunderts bestens bekannt. Geboren um 1614 im wallonischen Mons – es fehlt der Taufeintrag –, ging sie als junge Frau gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Charles nach Brüssel, wo sie bis zu ihrem Tod 1689 lebte. Sie wurde Malerin, wie auch ihr Bruder; über die Ausbildung ist nichts bekannt, was insofern nicht verwundert, als Frauen nicht den üblichen Weg über ein eingeführtes Atelier gehen konnten. Jedenfalls war sie irgendwann "fertig", so sehr, dass sie sich um 1650 in einem Selbstbildnis an der Staffelei als Malerin darstellen konnte – ein Hinweis an potenzielle Käufer, wie es um ihr Können bestellt war.
Der Triumph des Bacchus
Wie gut sie war, demonstrierte sie mit dem größten Auftrag, den sie je ausführte, dem mythologischen Sujet "Der Triumph des Bacchus". Kein Geringerer als der Statthalter der damaligen Spanischen Niederlande, der in Brüssel residierende Habsburger Erzherzog Leopold Wilhelm, gab das Bild in Auftrag und nahm es mit seiner enormen Sammlung mit nach Wien, als seine Amtszeit 1656 endete. So gelangte das Gemälde, 270 mal 350 Zentimeter groß, schlussendlich ins KHM, wo es nach Jahrzehnten im Depot inzwischen zur ständigen Schausammlung zählt.
Und das zu Recht, denn das Gemälde zeigt alles, was das Barock an Dramatik wie an Sinnenfreude liebte. Dazu musste Michaelina Wautier männliche Akte malen – was man einer Frau noch im 20. Jahrhundert nicht zutrauen wollte. Dabei hat sich die Malerin sogar rechts im Gemälde selbst dargestellt und schaut als einzige Figur aus dem Bild heraus auf den Betrachter – ein Beleg für das Selbstbewusstsein, das die Malerin auf der Höhe ihrer Karriere gehabt hat. Auch einem fürstlichen Auftraggeber wie dem Habsburger Statthalter gegenüber.
Mit 29 Gemälden ist der Großteil des bekannten und sicher zugeschriebenen Werkes von Michaelina Wautier jetzt im KHM versammelt. Es könnten künftig noch mehr werden, so, wie erst vor wenigen Jahren eine Serie von Allegorien der Fünf Sinne entdeckt worden ist. Überwiegend hat Michaelina Wautier Porträts gemalt; sie dürften die Grundlage ihres Einkommens gewesen sein.
Porträts und kulturelle Verbindungen
Herausragend ist das Bildnis des italienischen Jesuiten Martino Martini im Gewand eines Beamten am chinesischen Kaiserhof. Dort hatte der Jesuit über zehn Jahre verbracht und unter anderem den ersten Atlas Chinas erarbeitet, den er nach seiner Rückkehr nach Europa als "Novus Atlas Sinensis" publizierte. In Brüssel machte der Jesuit Station, weil er am Hof des Statthalters Spendengelder einwarb; Leopold Wilhelm dürfte denn auch das Porträt in Auftrag gegeben haben. Das KHM hat entsprechende Kleidungsstücke wie auf dem Gemälde aus dem benachbarten "Weltmuseum" ausgeliehen, das KHM-Generaldirektor Jonathan Fine zuvor geleitet hatte, so dass die jetzige Ausstellung einen Blick auf die kulturellen Kontakte der damaligen Zeit wirft.
Natürlich sind auch biblische Historienbilder in Wautiers Œuvre vertreten. Dafür war der Bedarf im gegenreformatorischen Barock in allen katholischen Landen hoch, und in derselben Stadt Brüssel unterhielt der große Peter Paul Rubens seine florierende Werkstatt. Auch hier fällt Wautier auf; indem sie wenig gebräuchliche Sujets wie "Die Erziehung Mariens" wählte, um ihr Können zu beweisen. Stolz hat sie dieses Altarbild mit den Worten "invenit et fecit" signiert: Sie hat es "erdacht und ausgeführt". Auf das "erdacht" kommt es an, denn das beweist die Vertrautheit mit den schriftlichen Quellen und deren Interpretation. Im religiösen Gewand der Darstellung der beiden Heiligen Agnes und Dorothea zeigt sich Wautier überdies als einfühlsame Darstellerin von Kindern; hier dürften zwei Schwestern Modell gestanden haben.
Doch ist der großformatige "Triumph des Bacchus" das unangefochtene Hauptwerk der Michaelina Wautier, und so wird es auch an zentraler Stelle der Ausstellung vorgeführt. Wer eine solche vielfigurige Szene derart sicher beherrschte, muss über kleinere, einfachere Kompositionen dorthin gelangt sein, denkt man, und hofft auf künftige Wiederentdeckungen entsprechender Arbeiten. Ein Glück, dass Michaelina Wautier ihre Bilder zumeist signiert hat; nicht immer leicht zu entdecken, denn auch die Einbindung der Signatur in die Komposition, eine Art Versteckspiel für aufmerksame Betrachter, gehörte im Barock dazu. Unter nachgedunkelter Firnis mag da noch manches Gemälde zu identifizieren sein, als Teil eines Lebenswerks, das künftig immer mitgenannt werden muss, wenn von der Kunst des Barock die Rede ist.