Unverzichtbares für die Reise in eine neue Welt zusammenstellen: Das Packen von Taschen oder Koffern ist eine Erfahrung, die Auswandernde teilen. Was nimmt man mit? Und was lässt man zurück? Was wird im oftmals unvertrauten Ankunftsland überhaupt benötigt? Für "The Library Room" reinszenierte die in New York lebende Künstlerin Ira Eduardovna das gemeinsame Packen eines Koffers.
Die aus fünf Screens zusammengesetzte Videoinstallation zeigt sie im Kreis ihrer aus Usbekistan nach Israel eingewanderten, bucharisch-jüdischen Familie. Wir sehen Vater, Mutter und beide Töchter am Tisch versammelt, vor einem Regal voller Bücher; unübersehbar schiebt sich ein Tolstoi-Band ins Bild. Die vierköpfige Familie wickelt allerlei Gegenstände in eine russischsprachige Zeitung ein und benennt jedes Objekt auf Hebräisch. Von der routinierten, fast unbeteiligten Stimmung fasziniert, blicken wir auf die in Form einer entfalteten Kiste präsentierten Screens.
Kurz darauf finden wir uns in einer Art Club wieder: Von lauter Musik und rundum projizierten Videos und Fotografien umgeben, nähern wir uns einem Podest in der Raummitte, das die Möglichkeit bietet, Bilder und Klänge in Echtzeit zu verfremden. Der Raum lässt die Besucherinnen und Besucher in die audiovisuellen Welten von Techno, Hip-Hop, Punk und der feministischen Riot-Grrrl-Bewegung eintauchen. Seltene Bilder aus stilprägenden Technoclubs und mindestens ein Vierteljahrhundert alte Nightlife-Fotos flimmern über die Leinwände.
Aktiv gewählte Familie
"Mishpocha. The Art of Collaboration" im Jüdischen Museum Frankfurt hält Eindrücke bereit, die auf den ersten Blick disparat erscheinen. Geht es nach den Machern der gemeinsam mit dem Musiker Michael Diamond alias Mike D konzipierten Ausstellung, illustrieren Kunstwerke wie "The Library Room" und interaktiv gestaltete Klang- und Bildräume verschiedene Seiten des titelgebenden Begriffs: "Mishpocha" steht im Hebräischen und im Jiddischen für Familie.
Neben der Mishpocha, in die man hineingeboren wird, gebe es auch "eine Familie, die wir uns suchen", sagt Museumsdirektorin Mirjam Wenzel. Sie spricht von einer aktiv geschaffenen Gemeinschaft von "like-minded people" – und meint damit auch musikalische Subkulturen wie Techno, Hip-Hop oder Punk.
Ira Eduardovna "The Library Room", 2009
Der als Mitglied der Beastie Boys bekannt gewordene Mike D fungiert als künstlerischer Direktor und als eine Art Markenbotschafter der Ausstellung. In der Vorbereitungsphase ist Michael Diamond mehrfach in Frankfurt gewesen. Die gemeinsame Arbeit an der Ausstellung ist, wie er andeutet, intensiv und nicht immer ohne Dissens verlaufen. Als Kooperationspartner sind zudem das Designbüro Atelier Markgraph und das ebenfalls in Frankfurt ansässige Gastronomieunternehmen Ima Clique beteiligt.
Der Ausstellungsrundgang beginnt mit einer Soundinstallation, für die der Künstler und Musikproduzent Jan Ove Hennig 30 Frauen und Männer zu ihrer Sicht auf den Begriff "Mischpoche" befragt hat. Dass das Wort einen negativen Beiklang haben kann, erfuhr eine der befragten Personen etwa erst in Deutschland.
Hier kann man selbst aktiv werden und Musix mixen. "Mishpocha. The Art of Collaboration", Ausstellungsansicht, Jüdisches Museum, Frankfurt, 2026
Dokumentarisch ist auch Jan Zappners Fotoreihe "Mischpoche. Being Jewish, However" angelegt, für die er zumeist in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden ablichtete und interviewte. "Ich fühle mich jüdischer, wenn ich im Exil bin", schildert der in Berlin und Tel Aviv lebende Filmemacher Assaf Machnes den Unterschied zwischen Diaspora und Israel. Von der harten Realität seiner Eltern berichtet Mike D: "Sie kamen aus jüdischen Familien, die aus Osteuropa eingewandert sind, überlebten die Große Depression und lebten ohne Geld in der South Bronx."
Vom Bedürfnis nach Zusammenhalt und künstlerischer Selbstbestimmung erzählen unterdessen die Gemälde der äthiopischstämmigen israelischen Künstler Nirit Takele und Shimon Wanda. Wie viele Migranten sind sie oft mit doppelter Ausgrenzung konfrontiert – in Äthiopien als "die Juden" und im Einwanderungsland Israel als "die Äthiopier".
Mitmach-Räume und Open Stage
Der museale Teil dieser Schau liefert viele facettenreiche Einblicke zum Titelthema "Mishpocha". Die restliche Ausstellungsfläche ist Räumen vorbehalten, die die Besucher zum Mitmachen animieren sollen. Neben dem schon erwähnten Club kann man im letzten Raum gemeinsam mit anderen elektronische Live-Musik machen. Auf dem Museumsvorplatz bietet zudem eine "Open Stage" Bands, DJs, Tanzgruppen, Rappern und weiteren Acts eine Auftrittsmöglichkeit.
Dass die "Mishpocha"-Ausstellung in ihrer eigenartigen Mischform in Frankfurt stattfindet, ist fast zwingend logisch. In einer Stadt, in der schon die 68er-Generation ihre eigene Musealisierung betrieb, wundert man sich auch nicht über ein "MOMEM – Museum Of Modern Electronic Music", das die Technokultur der 1990er in Vitrinen präsentiert. Und da der Frankfurter Kunstverein parallel den kürzlich emeritierten Kunst-, Club- und Subkultur-Impresario Heiner Blum würdigt, fügt sich die von Mike D mit entworfene Schau bestens in den popkulturellen Selbstverklärungsreigen der Babyboomer.