Mirja Busch, haben Sie eine Lieblingspfütze?
Ich mag Asphaltpfützen, weil sie so elegant daherkommen, aber auch alle Pfützen, die mich zum Schmunzeln bringen, entweder weil sie sich an ungünstigen Orten festgesetzt haben und unerwartete Choreografien erzeugen oder eine seltene oder seltsame Erscheinungsform zeigen.
Sind Sie als Kind häufig in Pfützen gesprungen?
Ich hatte meine erste intensive Pfützenphase nicht mit drei, sondern mit 30, etwas verzögert. Aber an das klamme Gefühl von nassen Füßen in Gummistiefeln in meiner Kindheit kann ich mich trotzdem gut erinnern. Das war aber eher Teichwasser.
Sie sind Bildende Künstlerin und beschäftigen sich bereits seit 15 Jahren mit Pfützen. Was sind eigentlich Pfützen?
Das ist im Grunde die Frage, der ich in meiner Arbeit immer wieder nachgehe, denn eine eindeutige Definition gibt es gar nicht. Hydrologie, Ökologie, Meteorologie, Geologie, Straßenbau: Keiner hat eine genaue Definition, wir sagen alle nur "Pfütze" und meinen damit manchmal ganz verschiedene Wasserkörper.
Und was ist dann Pfützologie, die Disziplin, die Sie begründet haben?
Was ich gemacht habe, war, den Begriff der "Pfützologie" vorzuschlagen, beziehungsweise die Möglichkeit einer Pfützologie zu denken. Die Disziplin würde sich damit beschäftigen, was eine Pfütze ausmacht und was wir anhand einer Pfütze über unsere Umwelt erfahren können. Und sie würde den Freiraum rund um die Definition der Pfütze mit Begriffen besetzen. An dieser Sprache arbeite ich.
Und welche Begriffe konnten Sie schon festlegen?
Die Pfütze ist ephemer und schwer greifbar. Dabei hat sie zwei Zustände: Nasszustand und Trockenzustand. Sie ist zyklisch, kehrt also immer wieder zum selben Ort zurück. Und sie wechselt zwischen beiden Zuständen. Morphologisch besteht die nasse Pfütze aus mindestens einem Kern, also dem, was wir als spiegelnde Wasseroberfläche erkennen, aus einer Aura, der feuchten Zone drumherum, und aus dunklen Rändern, den Trocknungsringen, an denen die Verdunstung schon fast geschehen ist. Mit diesem Wissen können Pfützen auch im Trockenzustand, also im abwesenden Stadium, gefunden werden.
Wie denn?
Die Pfützen, die ich bei meinen "Pfützen-Walks" vorstelle, kenne ich schon seit sieben Jahren und weiß, welche wann da sein wird oder eben nicht. Aber auch trocken hat die Pfütze eine Materialität: Nach der Verdunstung bleiben Sedimentränder und dunkle Flecken zurück; von Material, das die Pfütze im Entstehen angesammelt hat. Das Wasser der Pfütze sammelt auf seinem Weg Informationen über die Umgebung: Abrieb, Verschmutzungen, Staub, Mitgeschwemmtes.
Dann ist die Pfütze immer ortsspezifisch?
Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Und sie gestaltet ihren Ort auch mit. Eine Pfütze ist nicht nur eine Wasseransammlung, sondern immer auch die Senke oder Mulde, an der sie sich sammelt, also ein Zusammenspiel von Wasser mit gebauter Umwelt. Wasser hat die Eigenschaft, Material zu lösen, das heißt, Erosion wird begünstigt, und zum Beispiel eine Straße wird durch Pfützen verändert.
Was kann man aus Pfützen ablesen?
Man kann die sozialen Praktiken nachvollziehen, die den jeweiligen Ort prägen. Beispiel: Am Straßenrand finden sich häufig viele kleine Pfützen, die wie Perlen auf einer Kette hintereinander angeordnet sind und die ich deswegen als Kettenpfütze bezeichne. Die kommen von den Autos, die am Straßenrand parken und deren Reifen im Sommer Mulden im Asphalt hinterlassen. Im Park entstehen dagegen oft langgezogene Pfützen, weil dort viele Fahrräder, Kinderwagen oder Tretroller unterwegs sind. Unterschiedliche Praktiken produzieren unterschiedliche Pfützen. Und natürlich kann man auch das Wasser und Sediment der Pfütze analysieren, um mehr zu erfahren, aber das habe ich lange vermieden.
Warum das?
Weil es mir um das Spekulative ging. Mit Pfützen künstlerisch zu arbeiten, beinhaltet für mich, viele Fragen zu stellen und weniger, feste Antworten zu finden. Aber dann haben ein Ökotoxikologe und ich Wasseranalysen gemacht, und es war tatsächlich total spannend, welche neuen spekulativen Räume sich dadurch eröffnet haben und welche Geschichten eine Pfütze erzählt. Viele haben das Bild von der Pfütze als etwas Unreinem im Kopf. Und ja, das ist sie auch in dem Sinne, dass sie ein Mix aus vielen Substanzen ist, die im Wasser gelöst sind. Aber heißt das auch, dass sie giftig ist? Da muss immer gefragt werden: giftig für wen?
Konnten Sie das beantworten?
Durch die Wasseranalyse konnten wir zeigen, dass viele Pfützen für den Menschen gar nicht toxisch sind. Und auch, dass die Pfütze ein Fenster in die Vergangenheit sein kann. Bei der Analyse einer Probe aus einem Naturschutzgebiet hatten wir zum Beispiel Ausschläge bei Schwermetallen, die dort nicht hätten sein dürfen. Dann wurde schnell deutlich, dass die gefundenen Schwermetallspuren noch aus der Vergangenheit des Ortes kamen, der viele Jahre zuvor ein Industriegebiet war. Auch hier hat das Wasser diese unsichtbaren Altlasten im Boden gelöst, und die Pfütze hat zehn Jahre später davon erzählt.
War das der Punkt, an dem sich Ihre künstlerische Praxis zu einer künstlerisch-wissenschaftlichen entwickelte?
Nein, das war schon vorher. 2014 habe ich erstmals das flüssige "Pfützenarchiv" ausgestellt. Das ist eine Rauminstallation aus 199 Flaschen mit Pfützenwasser. Damals war das für mich noch eine total poetische Arbeit, in der es um spekulative Stadtforschung ging. Damals habe ich auch Fotos ausgestellt, in denen ich mich auf die malerische Qualität der Pfützen konzentriert habe. 2019 habe ich das flüssige Archiv dann erneut ausgestellt und gemerkt, dass sich innerhalb der fünf Jahre die Bedeutung der Arbeit vollkommen verändert hatte. Plötzlich wurde mehr über Dürre gesprochen, der Klimawandel war absolut präsent. Und damit hat meine Arbeit 2019 ganz andere Fragen aufgeworfen als zuvor.
Der vergangene Sommer war extrem heiß und trocken. Könnte die Pfütze aussterben?
Nein, die Pfütze stirbt nicht aus. Aber sie verändert ihren Rhythmus. Ich beschäftige mich ja hauptsächlich mit der Regenwasserpfütze. Sie wird in Zukunft wahrscheinlich immer längere Zeit abwesend sein oder mit einer anderen Intensität zurückkommen. Und dann könnte sie in dem Moment auch etwas anderes als eine Pfütze sein, eine Überflutung zum Beispiel. Pfützen können Jahrzehnte alt werden. Wenn man den Rhythmus von anwesend und abwesend annimmt, dann kann man sie über Jahrzehnte beobachten, solange die Umgebung der Pfütze nicht drastisch erneuert wird. Trotzdem muss man sagen, dass die Pfütze als kleines Wetterarchiv Aussagen über unser Klima machen kann: Hat es geregnet, hat es genug geregnet, wie feucht ist der Boden?
Sind Sie eigentlich mehr Künstlerin oder Forscherin?
Ich werde das oft gefragt, aber ich bin eigentlich beides und finde es gut, mich nicht festzulegen: Ich bin eine künstlerische Forscherin und forschende Künstlerin. Ich arbeite allein, aber auch in Kooperation mit anderen Disziplinen, mit der Stadtökologie oder mit der Hydrologie. So können wir miteinander auch neue Fragestellungen entwickeln. Gleichzeitig bin ich immer auf der Suche nach dem Ästhetischen, dem künstlerischen Gehalt und nach ausstellungsgebundenen Präsentationsformen.
Und wie stellt man Pfützen aus?
Der Beginn meiner Arbeit mit Pfützen war fotografisch, und so arbeite ich heute noch. Pfützen dokumentieren bedeutet nicht, dass ich in Berlin jede Pfütze ablichte, aber wenn ich an neuen Orten bin, dann schon. Diese Fotos bereite ich dann archivarisch auf. Oder, ein anderer Ansatz: Ich bearbeite die Fotos digital so, dass der ganze Pfützenkörper sichtbar wird und vom Hintergrund getrennt erscheint. Ich arbeite mit flüssigen Pfützen, die ich komplett einsammle, wie im Beispiel des Pfützenarchivs. Ich lasse Pfützenwasser aber auch auf Trägermaterial trocknen oder finde Formen, um Analyseergebnisse auszustellen. Ein großer Teil meiner künstlerischen Arbeit befasst sich außerdem mit der Gestaltungsmacht von Sprache: Klassifikationen, künstlerische Texte, wissenschaftliche Fachbegriffe.
Was könnte aus der Pfützologie in Zukunft noch werden?
Die Möglichkeit einer Pfützologie zeigt einen Freiraum, eine Wissenschaft, die hätte entstehen können. Mit dieser Spekulation arbeite ich künstlerisch und entwickle zudem auch eine wissenschaftliche Terminologie: Ein Hydrologe meinte mal zu mir, dass er sich jetzt erst traut, zu Pfützen zu forschen. Bei der Pfütze schwingt immer etwas Triviales mit. Aber eine Pfütze ist ein eigenständiger Wasserkörper. Und damit ist sie als temporärer Wasserspeicher zum Beispiel interessant für Fragen der städtischen Klimatransformation oder auch Fragen der Versiegelung.
Sollten wir also alle mehr "Puddle Watching" betreiben?
Pfützen können wahnsinnig viel über uns und unsere Gegenwart, aber eben auch über die Vergangenheit erzählen: Über die Art, wie wir leben und lebten, über die Stadt, in der wir leben, über die Orte, die wir bauen und vielleicht auch darüber, wie wir unsere Umwelt sehen und was wir von ihr verlangen. Unsere modernistische Welt möchte eigentlich keine Pfützen. Sie soll glatt sein, die perfekte Fläche für unsere Infrastruktur. Wasser wird kontrolliert abgeleitet. Über eine Pfütze, vermeintlich ungewolltes Wasser, stolpern wir dann erstmal. Ich glaube, es braucht ein Umdenken. Pfützen stellen ein modernistisches Umweltverständnis in Frage und zeigen gleichzeitig die Spuren dieses Umweltverständnisses. Und wenn wir irgendwann keinen Regen mehr haben, dann haben wir ein großes Problem.