Mischa Kuball in Dortmund

Die Stadt zum Sprechen bringen

Die Interventionen des Künstlers Mischa Kuball im öffentlichen Raum sind flüchtig und nicht musealisierbar. Nun zeigt er in Dortmund eine Art Archiv als große Baustelle

Bauzäune zeigen oft sonnige (und wenig realistische) Ansichten der Gebäude, die hinter ihnen errichtet werden. Außerdem dienen sie teils auch als schnöde Werbeflächen. Der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball hat die Flächen dagegen als Orte für seine Kunst-Präsentation entdeckt. 

20 seiner früheren Projekte sind nun erstmals zusammen in einer Ausstellung im Baukunstarchiv NRW in Dortmund zu sehen. Unter dem Titel "Under construction / public preposition" sind auf einfachen Bauzäunen ebenso schlichte bedruckte Planen gespannt, die in jeweils einem Foto die interessantesten Interventionen des Künstlers im öffentlichen Raum zeigen

Auf den ersten Blick wirken die Installationen im Lichthof des Hauses am Dortmunder Ostwall wie ein studentisches Low-Budget-Projekt. Aber um eine schicke Präsentation wertiger Gegenstände geht es Kuball nicht. Ganz im Gegenteil: Seine Kunst kulminiert in keinem Objekt, sie ist nicht in Galerien ausstellbar oder als Handelsgut zu gebrauchen. Sie ist "selbstkuratiert" und "performativ", wie Kuball es nennt.

Eine Ausstellung als Archiv

Seine aktuelle Schau besteht aus zwei Teilen: An drei Orten der spröden Stadt in Westfalen ließ Kuball Bauzäune zu zwei Dreiecken und einem Viereck zusammenstellen und mit besagten Fotoplanen bespannen. In der zweiten Phase sind die Motive nun im Baukunstarchiv NRW zu sehen. 

Straßenkunst, die den Dialog mit der Öffentlichkeit sucht, in einem Innenraum auszustellen, ist widersinnig. Aber für Kuball geht es nicht nur um "Zugänglichkeit und Partizipation im Stadtraum", seine temporären Interventionen sollen auf den Planen auch archiviert werden. Für Kuball ist öffentlicher Raum "kein fixer Ort, sondern ein Geflecht aus Beziehungen, Bewegungen und politischen Setzungen" und entsprechend ephemer. Betrachterinnen und Betrachter müssen sich in den Straßen ebenso wie im Kunstraum die Mühe machen, einen auf die Installation gedruckten QR-Code zu scannen, um sich auf einer Webseite Informationen über die Kunstwerke zusammenzulesen: eine hohe Hürde. 

Ohne diesen multimedialen Schritt wirken Kuballs Zeugnisse wie bloße Erinnerungsbilder, deren Gesamtheit nicht mehr bietet als die Summe ihrer Teile. Für Markus Lehrmann, den Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer in Nordrhein-Westfalen, die das Haus finanziell unterstützt, geht es bei Kuballs Kunst darum, "die Stadt zum Sprechen zu bringen". Kuball selbst nennt als Ziel seiner Collage, den "architektonischen und urbanen Raum umfassend zu kommentieren. Meine Projekte sind nie fertig, sie werden folglich auch nicht musealisiert", sagt er. Viele seiner Werke würden deshalb "von der Bundeszentrale für politische Bildung, Goethe-Instituten oder privaten Familienstiftungen" finanziert, wie er es ausdrückt.

Malewitsch trifft den "Hamburger Kessel"

In seiner schon 2009 begonnenen Serie von "störenden Aktionen" im Stadtraum hat Kuball Passanten in Chemnitz mit Brecht-Zitaten konfrontiert oder mit einer Lichtinstallation in Lüneburg einen unterirdischen Bunker markiert. Das prägnanteste Beispiel in der Ausstellung ist jedoch ein Luftbild, das einen Demonstrationszug in Hamburg zeigt, bei dem schwarz gekleidete Menschen in einer rechteckigen Formation auf allen Seiten von weißen Helmen der Bereitschaftspolizisten gerahmt werden. 

Auf den ersten Blick erinnert die Aufnahme von 2007 an das berühmte "Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch von 1915 – aber für Kuball soll es auch auf den "Hamburger Kessel" anspielen. Auf dem Heiliggeistfeld in St. Pauli waren 1986 Hunderte von Demonstrationsteilnehmern über viele Stunden von der Polizei festgesetzt worden. Kuballs Kunst setzt viel voraus. 

Wer sich aber in diese visuelle und politische Welt begeben will, bekommt dazu gerade viele Angebote. Ergänzt wird das Zaunlabyrinth der Dortmunder Ausstellung durch ein Banner an der Fassade des Hauses am Ostwall, kleine Videoprojektionen im Inneren – und ein Symposium am 6. März, das die "Rolle von Kunst im öffentlichen Raum" vertiefend behandeln soll.