Künstler Mischa Kuball

"Ich will Nolde zeigen, ohne ihn wirken zu lassen"

Emil Nolde galt lange als verfolgter Maler, 2019 entfachte eine Ausstellung eine breite Debatte über seine Nähe zum NS-Regime. Mischa Kuball hat Nolde nun eine kritische Ausstellung gewidmet. Wir haben mit ihm gesprochen

Obwohl seine Kunst durch die Zugehörigkeit zu der Künstlergruppe "Brücke" und die expressionistische Malweise im Dritten Reich als "entartet" galt, suchte Emil Nolde die Nähe zum NS-Regime. Schon länger war eigentlich bekannt, dass der Künstler sich antisemitisch äußerte und versuchte in den nationalsozialistischen Kunstkanon aufgenommen zu werden - der Mythos des verfolgten Künstlers in innerer Emigration hielt sich jedoch hartnäckig. 

Nach Kriegsende befeuerte Nolde seine eigene Mystifizierung und wurde dabei von deutschen Sammlern und dem Documenta-Gründer Werner Haftmann tatkräftig unterstützt. Die Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende" 2019 im Hamburger Bahnhof erschütterte das Bild, Angela Merkel hängte eines seiner Gemälde aus ihrem Arbeitszimmer ab, und die Debatte wurde zu einem Politikum um die Trennung von Künstlern und ihrem Schaffen. 

Auf Anfrage der Draiflessen Collection in Mettingen und der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde hat sich der Konzeptkünstler Mischa Kuball das Werk des Malers noch einmal vorgenommen und in der Ausstellung "Emil Nolde - a critical approach by Mischa Kuball" zerlegt. Die Ausstellung zerpflückt die Selbstdarstellung Noldes und die Rolle der Documenta in Nachkriegsdeutschland. In der sich über 800 Quadratmeter erstreckenden Ausstellung finden sich einige der Werke Noldes, die bei den ersten Documenta–Ausstellungen gezeigt wurden, genau wie 18 von 30 "ungemalten Bildern", die der Künstler während seines angeblichen Malverbots schuf, und die bei der Documenta 1964 einen ganzen Raum füllten. Die Nolde-Werke werden ergänzt durch Arbeiten von Mischa Kuball, Bildtafeln aus dem Bildatlas "Mnemosyne" von Aby Warburg wirken in die die kunstkritische Methodik der Ausstellung hinein. Wir haben mit Mischa Kuball über die Nolde-Rezeption und seine Arbeiten gesprochen.

 

Mischa Kuball, wie haben Sie die Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende" 2019 im Hamburger Bahnhof und die darauf folgende Debatte über seine Nähe zum Nationalsozialismus empfunden? 

Ich war wahnsinnig froh, dass es die Ausstellung gab und hatte nur ein Problem damit: Sie wollte auf der einen Seite einen kritischen Blick auf Nolde richten, und das ist meines Erachtens auch gelungen. Aber seine Werke wurden einfach unverstellt gezeigt. Mein Ansatz nach dieser Erfahrung im Hamburger Bahnhof war, auf gar keinen Fall einen ungefilterten Blick auf die Arbeit von Nolde zuzulassen.

Wie haben Sie in Ihrer Ausstellung versucht, den Blick auf die Werke zu verändern?

Ich habe die Bilder mit sogenannten dichroitischen Gläsern gefiltert, sodass kein freier Blick auf die Arbeiten möglich ist. Teilweise ist der Abstand zum Besucher ungefähr 15 Meter und einige der “ungemalten Bilder” hängen weit über Kopfhöhe. Es gibt eigentlich keine Chance sich von Nolde überwältigen zu lassen. Es gibt keine Chance zu sagen: "Naja komm, bei aller Kritik an dem Künstler Nolde, aber tolle Bilder hat er doch gemalt!" 

Wieso haben Sie den Blick der Besuchenden auf Noldes Werke so eingeschränkt, wenn Sie ihn doch kritisch hinterfragen wollten?

Ich wollte Nolde zeigen, ohne ihn wirken zu lassen. Ich wollte Nolde zeigen, ohne ihn richtig zu zeigen. Und das habe ich konsequent in der Ausstellung umgesetzt, übrigens auch im Katalog. Da ist alles in Schwarz-Weiß. Das heißt, Nolde wird praktisch heruntergebrochen auf seine Form und Figur, aber er kommt nicht zur farblichen Wirkmacht. Das ist einer der wesentlichen Züge meiner Intervention. 

Zum Punkt der ethnografica, also Objekten aus kolonialen Kontexten, in Noldes Werk: Wie soll denn in Zukunft mit Werken umgegangen werden denen die koloniale Aneignung eingeschrieben ist? Wie können diese Bilder gezeigt werden ohne diese kulturelle Aneignung und den "kolonialen Blick" zu reproduzieren?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es gibt eine Abbildung von 1912 aus dem Folkwang Museum in Hagen, wo die Nolde-Arbeiten mit den ozeanischen Masken zu sehen sind. Nolde selber wollte genau diesen Zusammenhang nicht. Wie könnte man in Zukunft damit umgehen? Ein Vorschlag wäre, die Bilder in der Ausstellung mit einem kritischen Kommentar zu versehen. Die Herausforderung an die Stiftung wäre, diese Kontexte und Provenienzen aufzudecken und vielleicht auch in einer eigenen Publikation zugänglich zu machen. Das wäre ein weiterer Schlüssel, um sich dem Werk von Nolde einrückend zu nähern.

Ist Aufklärung allein ausreichend?

All das nimmt den Werken nichts von seinen völkischen und nationalsozialistischen Blendungen. Er war ja diesem bestimmten Körper- und Kulturbild verfallen. Ich glaube auch, dass man in Noldes ethnografischer Sammlung diesen westlich oder völkisch dominierten Blick auf die kulturellen Objekte finden würde. Aber das ist die Analyse, die eben noch aussteht.

Das Konzept von Aby Warburgs Bildatlas "Mnemosyne", das auf der Ähnlichkeit von Bildern über die Zeit hinweg beruht, war in den1920er-Jahren keine besonders etablierte Methode. Wie sehen Sie die Rolle von Warburgs Arbeit in der modernen Kunstkritik?

Seit den 1920er-Jahren hat sich ja schon einiges weiterentwickelt, was Bilddeutung und auch kulturelle Einrückung angeht, denken wir an Max Imdahl, Horst Bredekamp und Hans Belting. Die Bildtafeln waren aber hauptsächlich ein methodisches Instrument für Warburgs vertikale und horizontale Erzählform, wodurch er immer neue mäandernde Narrative gebildet hat. Mit ganz besonderen Ausschnitten, die eben nicht zwischen Hoch- und Niedrigkultur oder zwischen Unterhaltung und Ernst und zwischen Antike und Gegenwart unterschieden haben. Es geht darum, in den Vordergrund zu stellen, was allein von der Wirkkraft des Werkes selbst ausgeht. 

Verwenden Sie die "Warburgsche Methode" auch in eigenen Werken?

Ich persönlich arbeite zwischen Setzung und Partizipation und interessiere mich für Modelle der Teilhabe innerhalb der Gesellschaft und für soziopolitische Strukturen. Das war ein Grund warum ich überhaupt das Thema Nolde so spannend fand. Mich hat der Bruch interessiert, zu dem Julia Voss, die momentan zur Documenta forscht, auch schon beschrieben hat. Durch diese Lüge, die Nolde betrieben hat, hat sie auch seine Kunst entwertet gesehen, und das fand ich schon einen sehr starken und radikalen Gedanken. Julia Voss bringt es auf den Punkt:  "Die Bilder hören auf, Symbole des Widerstands zu sein. Sie sind keine Zeichen mehr. Nur noch Gemälde von Wellen, Blumen und tanzenden Frauen, mal besser, mal schlechter", schreibt Julia Voss am 5. März 2014 abschließend in ihrer Kritik zur Ausstellung "Emil Nolde. Retrospektive" im Städel Museum Frankfurt

Also würden Sie hier nicht das Werk von Noldes Rolle als Künstler trennen?

Ich glaube, dass wir uns da keinen Gefallen tun, indem wir sagen "Es sind tolle Bilder, aber der Typ war ideologisch verblendet". Ich denke wenn Nolde Nazi war, dann tragen seine Bilder auch genau diesen Grundimpuls eines Menschenbildes, das Teile der Gesellschaft ausgrenzen wollte und Wegbereiter - ideologisch und auch künstlerisch - für das war, was dann eben mit den Nationalsozialismus eingetreten ist - Völkermord. Auch wenn die NS-Kulturideologen Nolde eben nicht als NS-konform akzeptiert haben, hat er sich nicht um Aufklärung seiner Haltung bemüht - er wählte den Weg in den Mythos.

Haben Sie jetzt genug von Emil Nolde oder gibt es noch Aspekte mit denen Sie sich in Zukunft beschäftigen möchten?

Das Interessante ist, dass meine frühen Begegnungen mit seinem Werk mich schon sehr berührt haben. Seine Werke haben mich erreicht, aber dieser "Versuchung" kann ich jetzt noch viel deutlicher und entschiedener widerstehen. Hier muss auch einfach das Gehirn einsetzen, hier muss der kritische Blick einsetzen. Und der muss sagen: Ja, du bist auf dem Wege, dass dieser Mechanismus in dir wirkt, aber du musst eben genau dem entgegenstehen.

Wie können wir das erreichen?

Mein Vorschlag wäre, zu den Arbeiten viel mehr Informationen zugänglich zu machen. Das Denken und das Sehen sind zwei durchaus entsprechende oder auch konkurrierende Systeme. Das heißt, wenn die Farbe neurologisch anfängt zu wirken, kann der Kopf aber im Denken darüber einen Filter und einen Widerstand einbauen. Und das ist auch meine persönliche Zukunft im Umgang mit Werken aus dieser Zeit.