Steve McQueens "Widows" im Kino

Mit Gewalt aus der Trauerstarre

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Die Spielfilme des Turner-Preisträgers Steve McQueen changieren zwischen Arthouse und Genrefilm. Nach seinem oscargekrönten Drama "12 Years a Slave" läuft jetzt mit "Widows" sein neues Werk im Kino. Monopol-Kritiker Jens Hinrichsen ist begeistert

Bobby Sands und der Priester, der den IRA-Mann vom Hungerstreik abbringen will: Siebzehn Minuten Kino-Ewigkeit lang, ohne Schnitt, ließ Steve McQueen in seinem Spielfilmdebüt "Hunger" (2008) den Gottesmann auf den Häftling einreden. In seinem neuen Film "Widows" zeigt der britische Künstler und Regisseur wiederum einen Monolog als Plansequenz. Ein von Colin Farrell gespielter Nachwuchspolitiker jammert seine Assistentin voll, während sie in einer fahrenden Limousine sitzen. Die Kamera interessiert das kaum. Außen am Auto angebracht, lässt sie einige Straßenzüge Chicagos vorübergleiten. Wir hören Farrells Luxusprobleme. Wir sehen, dass die gewaltbeladene South Side an ein Villenviertel grenzt. Räumlich dicht aneinander, sind die Orte doch Welten voneinander entfernt. Am Schluss der filmischen Ellipse öffnet ein Schwarzer – der es eben nur zum Chauffeur gebracht hat – die Wagentür.

Chicago zwischen Glanz und Elend, der schmutzige Wahlkampf zwischen einem weißen und einem schwarzen Stadtratkandidaten, vor diesem Hintergrund entwickelt McQueen – nach einer britischen Miniserie der 80er – die Haupthandlung von "Widows". Mit dem reißerischen Zusatz "Tödliche Witwen" ist er nun in Deutschland angelaufen.

Nachdem ihre Männer beim letzten Coup ums Leben gekommen sind, übernehmen die Gangsterwitwen einen Plan des Bandenchefs Harry, um ihre Schulden begleichen und der Bedrohung durch eine gegnerische Bande entkommen zu können. Oberflächlich gesehen ist "Widows" ein heist movie von vielen. Doch der Thriller birgt lauter Farben und Stimmungen. Szenen sozialer Isolation und weiblicher Solidarität sind wichtiger als aufgeputschte Spannung. Die Gefühlslage der vier Frauen, die am Ende tatsächlich einen Raubüberfall in die Tat umsetzen – natürlich läuft einiges schief – wechselt zwischen Trauer, Wut und Entschlossenheit.

Im Zentrum steht die wunderbar zwischen toughness und Verletzlichkeit balancierende Viola Davis als Veronica, die das Überfall-Notizbuch ihres Mannes Harry (Liam Neeson) findet und zum Kopf einer Bande wird. Es sind zwei dunkelhäutige Frauen (neben Davis noch Cynthia Erivo als Belle), dazu die Latina Linda (Michelle Rodriguez) und die polnischstämmige Alice (Elizabeth Debicki). Sie bilden eine Art ethnischen Querschnitt Chicagos, wo jede(r) einen Migrationshintergrund hat. Dass McQueen das Thema "Rasse" in den Vordergrund spielte, wie es mancher Rezensent darstellt, lässt sich nicht wirklich behaupten.

Im Intro des Films wird eine Liebesszene des gemischten Paars Viola-Harry mit harten Wechseln an den missglückten finalen Raubzug der Männer geschnitten. Wenn Neeson Davis küsst, blendet McQueen schon den Motorenlärm des Überfall-Vans ein – der Kuss klingt wie das Fauchen einer Raubkatze. Der Fokus des Films liegt auf den Frauen, ihrer Entwicklung. Erst trauern, dann handeln sie. Die Männerfiguren sind statischer, was weniger einen Mangel an Charakterzeichnung bedeutet, eher eine Konzession an den Genrefilm, dessen Konventionen McQueen hier bedient und doch unterläuft. Austeilen oder Einstecken: "Wie bei der Schlacht am Little Big Horn. Du tötest, sonst wirst du getötet", wie Farrells Politiker-Vater (Robert Duvall) erklärt.

Ein Lob auch den Männern; die großartigen Darsteller spielen gegen jedes Schwarzweißschema an. Zuerst ist da der grandiose Daniel Kaluuya zu nennen, der auf bestürzend sanfte Art den Killer Jatemme spielt. In einer schwer erträglichen Szene verletzt er einen Querschnittsgelähmten mit Messerstichen, auf einer Bowlingbahn. Der Mensch als umfallender Kegel, eine klassische Gangsterfilm-Metapher, erstmals 1932 in "Scarface" zu sehen, und von McQueen meisterhaft variiert. An Empathie mangelt es an der South Side Chicagos. Bis die Frauen das Heft in die Hand nehmen.

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