Kochkolumne von Mohamed Amjahid

Mit Lemoncurd gegen den Arbeitsreflex

Garniert mit Kokosraspeln und Mandeln – der Lemoncurd-Kuchen
Foto: Mohamed Amjahid

Garniert mit Kokosraspeln und Mandeln – der Lemoncurd-Kuchen

Die CDU-Arbeitgeberlobby hat es nicht so mit Pausen. Unser Kochkolumnist nimmt sie sich trotzdem – und backt sich mit einem saftigen Lemoncurd-Kuchen zurück ins Gleichgewicht

Manchmal will ich einfach für einen Moment an nichts denken. Weder an Stadtbild-Debatten und "Einzelfälle" bei der Polizei noch an die kapitalistische Ausbeutungsmaschine. Klitzekleiner Powernap – und dann wieder ran an die Arbeit, wie es sich die CDU-Arbeitgeberlobby wünscht. Für diese Auszeiten hat jede Person ihre eigene Strategie. Mir helfen Kochen und Backen. Doch wie viel kann ich selbst essen? Wie viel Lebensmittel kann ich verschenken, ohne daraus einen Vollzeitjob zu machen?

Mit zwei meiner besten Freund:innen habe ich kürzlich zwei Serienklassiker geguckt. Sophia, Rose, Blanche und Dorothy von den "Golden Girls" sind einfach queer-feministische Ikonen. Ich kann mir sogar vorstellen, trotz meines fortgeschrittenen Alters für – sagen wir mal – eine Woche in ihre Rentnerinnen-WG einzuziehen. So sehr sitzen die Jokes, die Plots plotten, die Moral von der Geschichte bringt einen auf andere Gedanken. Als Betty White, die in der Serie die charmante Rose spielt, Anfang 2022 mit 99,9 Jahren verstorben ist, habe ich einen der raren Nachrufe in meinem Oeuvre verfasst. Der Titel des Texts lautete: "99,9 Jahre unproblematisch". Betty White war eine menschlich wie politisch bewundernswerte Person. "Thank you for being a friend", singe ich nicht umsonst manchmal vor mich hin am Herd.

Mit einer anderen Freundin habe ich mich in die schönen Erinnerungen von "Will & Grace" begeben – der queere, feministische Serien-Banger aus den 2000er-Jahren. Ich habe das als Jugendlicher gerne geguckt. Schon damals empfand ich die Nebencharaktere Jack und Karen als die eigentlichen Stars der Serie. Jack ist dieser over-the-top flamboyant gay man, der alle einfach nervt und viel zu viel Platz einnimmt – in den wichtigen Momenten aber doch zu einem hält. Und Karen ist die mean and sassy white woman, die ein Alkoholproblem hat und als Bestie in Dialogen mit Jack unglaublich lustige Beleidigungstiraden von sich gibt. Powernap als Balkonkraftwerk mit extra Energieüberschuss. Wir haben an dem Abend ein, zwei, drei Folgen geguckt und dann bei der vierten nochmal auf Play gedrückt. Ich muss nicht weiter ausführen, dass ich jeder Person, die wie Betty White unproblematisch ist, ab und zu so eine Serien-Auszeit gönne.

Ein Kuchen, der Eindruck schindet

Ich musste vergangenen Sonntag leider zwischendurch an einer Recherche arbeiten, von wegen: "Alles nur Einzelfälle?" Aber der Sonntagmorgen gehörte mir. Also habe ich mir eine 20-minütige Collage von Karen gegeben, wie sie Gemeinheiten verteilt. Und habe den Teig für diesen Lemoncurd-Kuchen angerührt. Das dauert maximal 20 Minuten. Er ist einfach und wirkt trotzdem so, als ob man viel Zeit in ihn gesteckt hätte – so, dass selbst die CDU-Arbeitgeberlobby staunen, ja jubeln würde.

 

Bedächtig überbringt unser Kochkolumnist das zitronengelbe Glück
Foto: E. Bach

Bedächtig überbringt unser Kochkolumnist das zitronengelbe Glück

Aus folgenden Zutaten mit einem Schneebesen einen einfachen Rührteig in einer Schüssel zubereiten: 2 Eigelb, 5 EL Zucker, 1 Päckchen Vanillezucker, 2 EL Lemoncurd, etwas Abrieb einer Zitronenschale, einen kräftigen Schuss Milch (so 60 Milliliter), eine Prise Salz und 100 g geschmolzene Butter oder Margarine. Langsam habe ich ein Päckchen Backpulver und Mehl durch ein Sieb in den Teig gegeben und eingearbeitet; es müssten so 180 g gewesen sein. Es braucht aber sowieso ein gutes Auge: Der Teig muss homogen, cremig und zugleich leicht sein.

In einer separaten Schüssel habe ich das Eiweiß zu Eischnee geschlagen und zum Schluss vorsichtig unter den Teig gehoben. Der kommt dann in eine mit Backpapier ausgekleidete Kastenform, Springform oder in eine gut gefettete und bemehlte Gugelhupfform – das sei jedem Leckermäulchen selbst überlassen. Bei 180 °C Ober- und Unterhitze für 25 bis 30 Minuten im Ofen backen. Nachdem der Kuchen abgekühlt ist, habe ich ihn mit Lemoncurd bestrichen. Durch diesen letzten Schliff wirkt der Kuchen so aufwändig. Eine gute Creme ist auch eine Art Auszeit.

Wenn man sich unbedingt zu Tode arbeiten möchte, kann man den Kuchen entweder mit etwas Orangensaft beträufeln oder (am besten trocken und kalt) horizontal vorsichtig mit einem großen Messer in zwei Schichten schneiden, in die Mitte eine Schicht Lemoncurd geben und wieder zuklappen. Aber wir wollen es ja nicht übertreiben. Ich habe die glänzende Lemoncurd-Schicht zum Abschluss nur noch mit Kokosraspeln und gehobelten Mandeln dekoriert. Der Nachmittag war für mich so eine doppelte Auszeit. Nach dem Backen war ich nämlich noch mit einer anderen Freundin verabredet – sie wollte mit mir ein paar alte Serien schauen. Dazu muss man mich nicht zwingen.