Miu Miu auf der Pariser Modewoche

Zwischen Rasen und Tapete

Am letzten Tag der Pariser Modewoche werden meistens noch einmal Trends gesetzt, denn dann präsentiert das It-Label Miu Miu seine neueste Kollektion. Was hat sich Kreativchefin Miuccia Prada diesmal ausgedacht?

Leicht wippend läuft Chloë Sevigny über das frisch im Saal verlegte Gras. Ein Zickzack-Haarreifen hält die Frisur der Schauspielerin in Schach, auf ihrer Nase sitzt eine Nickelbrille. Den Oberkörper umschlackert ein Oversized-Blazer, unter dem ein ultrakurzes Minikleid hervorschaut. Das Outfit wirkt robust. Die Kleidung ist aus festem, leicht speckigem Material gemacht, aus den Säumen wächst bräunliches Fell in Richtung Boden. Man sieht Sevignys nackte Beine, die Füße stecken in großen Lederslippern. Es scheint, als sei sie mit dem Anziehen nicht fertig geworden. Typisch Miu Miu!

Chloë Sevigny war eins der über 60 Models, die für die Präsentation der neuen Herbst/Winter-Kollektion von Miu Miu am letzten Tag der Paris Fashion Week gebucht wurden. Darunter weitere starke Frauen aller Altersgruppen, wie die Schauspielerin Gillian Anderson und das Ausnahme-Model Kristen McMenamy.

Chloë Sevigny läuft nicht das erste Mal für Miu Miu
© Miu Miu

Chloë Sevigny läuft nicht das erste Mal für Miu Miu

Sie alle durchquerten die Kulisse, in der herbstlicher Rasen (auf dem Boden) und Brokat-Tapeten (an den Wänden) aufeinandertrafen. Eine gestalterische Idee, die von Kreativdirektorin Miuccia Prada entwickelt und in Zusammenarbeit mit AMO, der für die Mode-Sets der Prada Gruppe zuständigen Designabteilung von Rem Koolhaas, umgesetzt wurde.

Dergestalt wirkte das Palais d’Iéna, in dem die Miu-Miu-Shows regelmäßig inszeniert werden, wie ein Traumraum, in dem die Wiese als das "Öffentliche" auf die Tapete als das "Private" prallt. Eine architektonische Metapher, die perfekt zum Geist des Labels passt, in dem schwere Outerwear zu nackten Beinen kein Widerspruch ist. Genau wie in Sevignys Runway-Look.

Unterwäsche und Schürzen als subversive Codes

Miu Miu, die rebellische Zweitmarke von Miuccia Prada, gibt es seit 1993. Die Kollektionen wirken oft etwas unbekümmerter, als die der Hauptlinie Prada. So werden bei Miu Miu Models in bunten Schlüpfern über den Laufsteg geschickt – oder in geblümten Küchenschürzen (als Hommage an die Frauenporträts der DDR-Fotografin Helga Paris), wie vor einigen Monaten auf der Modenschau für den kommenden Sommer. So werden bei Miu Miu Kleidungsstücke, die eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören, wie eben Unterwäsche oder Schürzen, sichtbar gemacht. Und genau darin zeigt sich die Subversion der Marke; gänzlich ohne plakativ aufgedruckter Slogans.

Doch anstatt Frau Prada für ihre unerhörten Ideen abzustrafen, wird sie weltweit als Runway-Revoluzzerin gefeiert. Miu Miu gilt momentan als eine der angesagtesten Modemarken der Welt und viele der eigentlich untragbar scheinenden Looks fanden bereits ihren Weg in den hochpolierten Alltag der Luxuskundinnen. Wenn Ihnen dieses Frühjahr top gestylte Damen in Küchenschürzen auf dem Bürgersteig entgegen kommen, dann wissen Sie Bescheid!

Dass Miu Miu so begehrenswert ist, hat auch mit der einzigartigen Lässigkeit des Stylings auf dem Laufsteg zu tun. Hinter den unbemühten Looks steckt die russische Stylistin Lotta Volkova, die seit Jahren eng an der Seite Miuccia Pradas arbeitet. Volkova, die einst die Muse von Demna und dessen damaliges Label Vetements war, dürfte einen großen Anteil an der Kreation des eigensinnigen Miu-Miu-Girls gehabt haben. So lässt Volkova gern Krägen und Säume unsortiert aus den Jacken hervorschauen oder baut eben jene Schürzen so in das Outfit ein, dass sie wie zum Sommerkleid umfunktioniert wirken.

Kein Schnickschnack mehr

Und weil es deswegen in den vergangenen Kollektionen bei Miu Miu textil oft drunter und drüber ging, erscheint die neue Kollektion vergleichsweise gesittet. Als sei die Miu-Miu-Frau nun in der Stimmung für etwas mehr Stringenz. Blazer, Blusen, Bleistiftröcke für die Arbeit, und für den Rest des Tages gecroppte Kapuzenjacken und Babydoll-Kleidchen, schlicht oder kostbar verziert, je nach Anlass, ohne viel Schnickschnack.

Echte Trendteile könnten die Anzüge werden: Die Zweiteiler bestehen aus Blazern mit extrem hoch angesetzten Taillen und Gürteln sowie Bootcut-Hosen, deren Enden an Hosenbünde erinnern.

Dieser Anzug könnte zum nächsten It-Piece werden
© Miu Miu

Dieser Anzug könnte zum nächsten It-Piece werden

Das Oversized-Jacket, das Chloë Sevigny präsentierte, dürfte unterdessen eher ein Show-Piece bleiben. Die US-amerikanische Schauspielerin, die viele aus dem Film "Kids" kennen, ist übrigens ein Miu-Miu-Girl der ersten Stunde. Schon 1996, drei Jahre nach der Gründung der Marke, war sie der Star einer Kampagne, die Juergen Teller fotografierte. Seitdem ist Sevigny dem Hause eng verbunden, ob als Model oder Filmemacherin für Miuccia Pradas Frauen-Filmreihe "Miu Miu Womenstales".

Chloë Sevigny, die den kinematografischen Underground nie so richtig verlassen hat, verkörpert den Vibe von Miu Miu perfekt: Tiefgründig, unangepasst und dabei extrem feminin. Attribute, mit denen Frau Prada für ihr Label sicher gut leben kann. Ist die promovierte Politologin doch bekannt für ihren Kampf gegen die Oberflächlichkeit in der Mode.