Kaum etwas hat die Mode des Jahres 2025 so sehr geprägt wie die Rückkehr des Konservatismus, den US-Präsident Donald Trump befeuerte. Die politische Realität lässt sich eben kaum ausblenden. Doch es gab auch Fluchtversuche: seltsame Schuhe, unvernünftige Accessoires und ein hoffnungsvolles Designerdebüt machten das Modejahr ertragbar. Und wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein gepunktete Bomberjacke daher.
Januar
Auf den Januar hat man sowieso wenig Lust. Wenn dann auch noch die zweite Amtseinführung Donald Trumps als US-Präsident ansteht, sinkt die Laune in den Keller. Was helfen kann? An diesem Punkt wohl nur noch beobachten und lästern. Besonderen Grund dazu lieferte ein Accessoire der erneuten First Lady Melania Trump. Zur Inauguration trug sie einen Seiden-Woll-Mantel und einen Rock von Designer Adam Lippes, kombiniert zu einer elfenbeinfarbenen Seidenbluse. So weit so konservativ.
Der Clou jedoch war ein flacher, dunkelblauer, breitkrempiger Hut mit weißer Hutschnur. Den trug Melania so tief in Gesicht gezogen, dass keine mimische Regung fürs Publikum sichtbar war, kein Blinzeln, kein Augenrollen. Vielleicht hatte sie ebenso wenig Interesse an der Veranstaltung wie viele Zeitzeugen.
Sicher ist, dass sie keinen Kuss von Donald wollte, der Dank Riesen-Krempe auch mit gespitzten Lippen den Mund seiner Ehefrau nicht erreichen konnte. Strategischer Abstandshalter als Kopfbedeckung, warum nicht.
Hut als Abstandhalter: Donald Trump versucht Melania Trump vor seiner Amtseinführung im US-Kapitols in Washington zu küssen
Februar
Fransen-Bandanas, Zebra-Print, rote Pill-Box-Hüte: Connor Ives' Mode ist außergewöhnlich. Doch das größte Aufsehen erregte er mit dem wohl klassischsten Kleidungsstück überhaupt. Als er sich nach der Präsentation seiner Herbst/Winter-2025 Kollektion auf dem Laufsteg verbeugte, trug der US-Modedesigner ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift "Protect the Dolls".
Der Begriff "Dolls" verweist auf die Ballroom-Kultur der 1980er-Jahre und wird innerhalb der LGBTQIA+-Community liebevoll für Transfrauen verwendet. Ives zeigte so eine direkte Reaktion auf den massiven politischen Druck, dem Transpersonen derzeit ausgesetzt sind. Insbesondere unter der Trump-Regierung, die in kurzer Zeit zahlreiche ihrer Rechte eingeschränkt hat.
Pedro Pascal, Troye Sivan, Addison Rae, Tilda Swinton und Haider Ackermann sind nur wenige der Prominenten, die das Statement-T-Shirt im Laufe des Jahres trugen. Der Erlös kommt der von Transpersonen geführten Organisation Trans Lifeline zugute und hatte im September bereits die Marke 600.000 US-Dollar.
Designer Conner Ives in seinem "Protect The Dolls"-T-Shirt
März
Sarah Burton wurde bei der Pariser Fashion Week für ihre erste Kollektion als Kreativdirektorin bei Givenchy gefeiert. Ihre Entwürfe setzten auf tragbare Eleganz und Sanduhrsilhouette, die vielen Frauen steht: Ausladende Schultern und eine schmale Taille zogen sich durch Anzüge, Mäntel, Kleider und Lederlooks. Die Kollektion wurde besonders von Frauen positiv aufgenommen, da sie unterschiedliche Settings und Körperformen berücksichtigte und bewusst auf die Adressierung des männlichen Blicks oder rein konzeptuelle Entwürfe verzichtete.
Burtons Debüt stand exemplarisch für die anhaltende Debatte um die wenigen Frauen in kreativen Führungspositionen der Luxusmode. Obwohl sie den Großteil der Modestudierenden stellen, sind sie bei großen Modehäusern als Chefdesignerinnen stark unterrepräsentiert. Daten der Pariser Modewoche im Frühling zeigen jedoch, dass Kollektionen von weiblichen Kreativdirektoren bei Frauen deutlich beliebter waren, als die ihrer männlichen Kollegen. Ein weiteres Argument dafür, dass Burtons Einstieg bei Givenchy eine richtige Entscheidung war, die gern kopiert werden darf.
Entwurf von Sarah Burton für Givenchy, Pariser Modewoche, März, 2025
April
In einem blauen, engen Overall mit schwarzem Gürtel und Reißverschluss bis kurz unter dem Bauchnabel besuchte Sängerin Katy Perry für zehn Minuten und 22 Sekunden den Weltraum. Als feministisches Statement wurde der erste rein weiblich besetzte kommerzielle Raumflug vermarktet. Viele jedoch empfanden die Crew und ihre als Mission getarnte Marketing-Aktion, angeführt von Lauren Sanchez-Bezos, mehr cringe als zukunftsweisend.
Sanchez' Ehemann Jeff Bezos gehört das private Raumfahrt-Unternehmen Blue Origin (wohl daher die Farbe der Raum-Outfits) und so auch die Rakete, die diesen bizarren Ausflug möglich machte. "Die Erde wirkte so ruhig", sagte die ehemalige TV-Moderatorin und fügte hinzu, dass sie es sich anders vorgestellt hatte. "Es war ruhig, aber gleichzeitig voller Leben."
Zur Reservierung eines Sitzplatzes ist normalerweise eine Anzahlung von rund 138.000 Euro erforderlich. Ein Betrag der klarmacht, für wen die Stippvisiten ins All gedacht sind – und für wen nicht.
Die Blue-Origin-Crew, bestehend aus Katy Perry, Gayle King, Aisha Bowe, Kerianne Flynn, Lauren Sánchez und Amanda Nguyen
Mai
In Erinnerung bleiben dürfte die Gala, die das New Yorker Metropolitan Museum of Art am ersten Montag im Mai veranstaltete. Nach Hommagen wie die an Karl Lagerfelds Lebenswerk oder an die US-Modegeschichte widmete sich das Costume Institute des Museums einem lang überfälligen Motiv: "Superfine: Tailoring Black Style" lautete der Titel der Ausstellung dieses Jahr.
Sie basiert auf dem Buch "Slaves to Fashion: Black Dandyism and the Styling of Black Diasporic Identity" von Monica L. Miller aus dem Jahr 2009. Darin beschreibt Miller, wie Schwarze Menschen Mode als Mittel genutzt haben, um Identität und politische und soziale Positionen sichtbar zu machen. Im Zentrum steht dabei der "Black Dandy".
Der Dresscode der Met-Gala, der Benefizveranstaltung des Costume Institute, lautete "Tailored for you". Und die Stars fuhren allerlei Anzugvariationen auf. Eine aber stahl die Show: Rihanna suchte sich nach "Vogue"-Cover und Superbowl-Halbzeitshow den blau geblümten Met-Gala-Teppich aus, um ihre dritte Schwangerschaft zu verkünden. Und das in einem maßgeschneiderten Marc-Jacobs-Ensemble, inklusive Korsett-Top und elegantem Hut.
Rihanna bei der Benefizgala des Costume Institute des Metropolitan Museum of Art, New York, 2025
Juni
Im September wurde Chloe Malle zur neuen Chefredakteurin der US-"Vogue" ernannt. Bereits im Juni schrieb sie eine Reportage über die pompöse Hochzeit von Jeff Bezos und Lauren Sánchez, die Ende des Monats in Venedig stattfand – ein Text, der nach ihrer Ernennung besonders kritisch gelesen wurde. Die Braut zierte zudem das digitale "Vogue"-Cover. In einem hochgeschlossenen weißen Spitzenkleid von Dolce & Gabbana, das auf der Frontseite mit 180 mit Seidenchiffon überzogenen Priesterknöpfen besetzt war, stand sie selbstbewusst lächelnd im Grünen.
Der Titel sorgte für Gerüchte rund um eine Condé-Nast-Übernahme durch das Bezos-Pärchen. Das Cover soll gekauft sein, Jeff Bezos seiner Gemahlin das Unternehmen zur Hochzeit schenken und die bisherige Chefredakteurin Anna Wintour deswegen ihren Rücktritt angekündigt haben. Bisher wurde keine dieser Spekulationen bestätigt, doch Bezos-Sanchez und "Vogue", das wird auch im Jahr 2026 Thema bleiben. Sie gehören zu den Hauptsponsoren der Met Gala 2026 und kaufen sich so langsam aber stetig in die Modewelt ein.
Generationenwechsel: Anna Wintour (links) gibt den Posten der US-"Vogue"-Chefredakteurin an Chloe Malle ab
Juli
Von Sommerloch keine Spur, denn Sängerin Charli XCX entschied sich, zu heiraten. An einem Tag im Juli gab sie George Daniel, den Schlagzeuger der Band The 1975, das Ja-Wort in Ostlondon. Am spannendsten an diesem Event war natürlich die Antwort auf die Frage: Was hat sie an?
Charli XCX, die für ihr Album "Brat" bekannt ist und sich auch oft "bratig" kleidet, entschied sich, nur die schwarze Sonnenbrille beizubehalten – alles andere war betont brautig. Die Sängerin trug Vivienne Westwoods Nova-Cora-Mini-Kleid, dazu einen weißen Schleier und weiße Amita-Slingback-Schuhe von Jimmy Choo.
Nach der Zeremonie saß sie mit ihrem Ehemann in einem kleinen Lokal, auf den Tischen Gläser mit Weißwein, in der Hand beide eine Zigarette. Dieses einst verpöhnte Laster sollte sich zu dem Accessoire des Sommers entwickeln. Genauso wenig wie Plastikflaschen oder Strohhalme mehr für Entsetzen sorgen, tun es Zigaretten. Wenn schon, denn schon.
August
Zwischen den Fingern also hielt man einen Glimmstängel – und zwischen den Zehen? Da war im Sommer auch so einiges los. Von dem vielleicht simpelsten Schuh der Welt bis zum rustikalsten und dazwischen Ringe und Verzierung was das Zeug hielt.
Es begann wohl im Frühjahr, als Schauspieler Jonathan Bailey Flip-flops bei einem Pressetermin trug. Sein Paar war das Luxusmodell der Saison von The Row: 700 Euro, rote Sohle, schwarzer Zehenriemen. Flip-flops wurden der Schuh des Sommers, doch damit nicht genug. Auch Zehenschuhe wie die Vibram FiveFingers erlebten im Sommer einen überraschenden Aufschwung in der Mode.
Was lange als funktionaler Outdoor-Schuh für Naturfreunde galt, tauchte plötzlich auf Fashion Weeks, in Großstädten und auf Social Media auf. Suchanfragen und Interesse stiegen deutlich, parallel dazu wurden auch wasser- und sportspezifische Schuhe anderer Marken modisch neu interpretiert und zu Luxus-Mode kombiniert.
The Row "Dune"
September
Für sein Debüt als Kreativdirektor bei Gucci entschied sich Demna gegen eine klassische Modenschau. Stattdessen lud er ein ausgewähltes Publikum zur Premiere des Gucci-Kurzfilms "The Tiger" ein. 36 Stunden vor der Veranstaltung veröffentlichte er ein digitales Lookbook mit der Kollektion, die im Film später als Kostüm auftauchte. Unter dem Titel "La Famiglia" zeigte das Lookbook 37 Figuren, die laut Demna zentrale Rollenbilder der Marke darstellten. Ausgangspunkt der Kollektion war eine Koffertruhe – eine Referenz auf Guccio Gucci, der das Unternehmen 1921 als Lederwaren- und Gepäcklabel gründete.
Die folgenden Outfits waren als klar benannte Figuren inszeniert, darunter der Nerd, der Direktor, die Galeristin, die "Sciura" oder "Miss Aperitivo". Sie bilden laut offizieller Pressemitteilung die ästhetische Grundlage von Demnas Gucci-Vision und bis zu seiner ersten Modenschau im Februar muss man sich mit ihnen begnügen.
Look Nummer zwei – "Incazzata"– stach besonders heraus. Das Model trug einen roten Mantel, kombiniert mit einem geblümten Seidenkopftuch, schwarzen Lederhandschuhen, Sonnenbrille und Handtasche. Das neue Gucci war geboren und gerade diesen Look kann man sich gut auf Mailands etlichen Luxusstraßen vorstellen.
Entwürfe aus der neuen Kollektion "La Famiglia" von Demna für Gucci
Oktober
Matthieu Blazys Debüt für Chanel bei der Paris Fashion Week im Oktober wurde als emotionaler Wendepunkt einer von Ermüdung geprägten Saison gefeiert. Als erst vierter Kreativdirektor in der Geschichte des Hauses knüpfte Blazy bewusst an die Werte von Gabrielle Chanel an: Tragbarkeit, Komfort, Materialqualität und eine Mode, die Frauen Freiheit schenkt, statt sie zu verkleiden. Seine Entwürfe verbanden klassische Chanel-Codes wie Tweed, Jersey und Seide mit leichten Stoffen, klaren Silhouetten und einer modernen Balance aus Eleganz und Alltagstauglichkeit.
Die Kollektion war in drei Kapitel gegliedert und bewegte sich zwischen strukturierten Anzügen, neu interpretierten Kostümen und textilen Experimenten. Nichts wirkte nostalgisch oder museal, vielmehr wie ein selbstverständlicher Neuanfang für das Haus.
Das Debüt galt vielen als Beweis dafür, dass Mode noch immer Gefühle transportieren kann. Am stärksten im Gedächtnis bleiben dürfte der letzte Look der Show: ein schlichtes weißes Seiden-T-Shirt, kombiniert zu einem gefederten, farbenprächtigen Rock an Model Awar Odhiang, das beim Finale eine extra Pirouette drehte, bevor es Matthieu Blazy in die Arme fiel. Der krönende Abschluss eines neuen Chanel-Kapitels.
Chanel-Kollektion Frühjahr/Sommer 2026, Paris Fashion Week
November
Ihr Rache-Album erschien zwar schon in der letzten Oktober-Woche, so richtig Fahrt auf nahm der erneute Hype rund um Lily Allen jedoch im November. Die britische Popsängerin hatte eine siebenjährige Pause hinter sich. In der hatte sie den Schauspieler David Harbour kennen gelernt, ihn geheiratet, war mit ihm zusammengezogen, hatte seine Untreue aufgedeckt – und sich wieder von ihm getrennt. Diese ganze dramatische Geschichte erzählt sie musikalisch in ihrem neuen Album "Westend Girl" – von Anfang bis Ende in allen Details.
Wer Allen vor diesem schon jetzt ikonischen Werk nicht kannte, weiß jetzt von einigen ihrer wohl schmerzhaftesten Erfahrungen. Das Outfit, das Allen auf dem Cover trägt, wurde vielfach zitiert und sogar Merchandise-Buttplugs (man höre das Album!) darauf abgestimmt. Eine weißgepunktete, hellblaue Puffer-Jacke, ein schwarzes kurzes Spitzenkleid, schwarzgepunktete, weiße Stiefel. Man sieht die Sängerin frontal, in einem gemalten Porträt der Künstlerin Nieves González.
Die Kleidung erzählt eine Figur, die sich schützt, während sie sich gleichzeitig dem Blick der Öffentlichkeit aussetzt. Ähnlich wie es in den dazugehörenden zwölf Songs geschieht.
"West End Girl" ist Lily Allens fünftes Studioalbum
Dezember
Natürlich wurde das durch den "Barbie"-Film groß gewordene "Method Dressing" auch im Jahr 2025 weitergeführt. Schauspieler kleiden sich dabei abseits der Leinwand – etwa bei Premieren, Presseterminen und Interviews – sichtbar in Anlehnung an ihre Filmfiguren. Besonders deutlich wurde dieses Phänomen im letzten Monat des Jahres während der Pressetour zu "Marty Supreme".
Der Film ist lose vom Leben des Tischtennis-Champions und Gauners Marty Reisman inspiriert und spielt im New York der frühen 1950er-Jahre. Hauptdarsteller Timothée Chalamet übersetzte die Vorlage konsequent in seine öffentlichen Auftritte: Er erschien wiederholt in tischtennisball-orangefarbenen Looks, trug maßgeschneiderte Ensembles von Chrome Hearts sowie eigens angefertigte Timberland-Boots.
Auch die "Marty Supreme"-Windbreaker, die längst zu begehrten Merch-Objekten geworden sind, gehörten fest zu seinem Auftritt. Die im Stil der 1990er-Jahre gestaltete Retrojacke für 250 Dollar war in mehreren Farben bereits vor der Premiere erhältlich, schnell vergriffen und wird inzwischen teuer weiterverkauft. Durch öffentliche Auftritte bei Kylie und Kendall Jenner, Hailey und Justin Bieber, Tom Brady und Kid Cudi entwickelte sie sich zum eigenständigen Mode-Moment.
Timothee Chalamet und Kylie Jenner im Samuel Goldwyn Theater in Beverly Hills bei der Premiere von "Marty Supreme"