Eine große deutsche Supermarktkette warb mal damit, dass ohne Migration und offene Grenzen fast nichts mehr in den Regalen zu finden sein würde. Im Zeitraffer räumen in einem TV-Spot Mitarbeitende alle Produkte aus, die nicht ausschließlich aus Deutschland stammen. Ein Rentner ruft verzweifelt vor leeren Tiefkühltruhen: "Es ist nichts da!"
Hier und dort liegen ein paar trocken anmutende Kuchenböden gestapelt, daneben einige Päckchen Kartoffelflocken für Instant-Püree. Der Supermarkt hat alle Produkte "mit Migrationshintergrund" aus den Regalen geräumt, um ein Zeichen zu setzen. "Für Vielfalt", so lautete die Botschaft dieser Kampagne.
Sehr häufig wird von migrantisierten Menschen gefordert, dass sie der Mehrheitsgesellschaft einen Mehrwert bringen sollten - kulinarische Vielfalt wird als Währung akzeptiert. Ich habe das an mehreren Stellen in meinen Texten schon problematisiert: Wir werden in diesem Land erst dann akzeptiert, wenn wir unsere Gewürze auspacken und für Almans lecker kochen. Es ist ein libertäres Verständnis von Migration, in dem ein Punktesystem darüber entscheidet, ob du einen benefit mitbringst oder nicht. Tajine oder Tacos sorgen für Sympathiepunkte. Oft kommen weite Teile dieser Gesellschaft dennoch zu dem Schluss: eigentlich sollten alle abgeschoben werden.
Das Recht auf Asyl und die Selbstverständlichkeit der menschlichen Mobilität vertragen sich aber nicht mit diesem Nutzen-zentrierten Verständnis von Migration. Die Menschenwürde kann nicht daran geknüpft werden, ob ein Mensch erfolgreich Pluspunkte gesammelt hat - und sei es durch ein leckeres Rezept.
Integration ist keine Einbahnstraße
Gleichzeitig sind Fragen erlaubt: Was wäre Deutschland kulinarisch nur ohne uns Ausländer? Was würden die Deutschen überhaupt essen? Fertig-Kuchenboden belegt mit Instant-Kartoffelpüree? Genau an dieses Gedankenspiel aus der Werbung musste ich mich erinnern, als ich neulich ein Schnupper-Praktikum im Restaurant Kreuzberger Himmel in Berlin absolviert habe.
Das Konzept dort basiert auf Gemeinnützigkeit. Im Laden arbeiten vor allem Geflüchtete. Regelmäßig werden kostenlose Speisen an Obdachlose ausgegeben. Gäste können dort aber ganz normal und lecker speisen. Rami aus Damaskus ist der Küchenchef und zaubert mit seiner Kollegin Lisa aus Aleppo levantinische Klassiker auf den Tisch. Ich habe mir als Praktikant also die Schürze angelegt und mir zuallererst beim Gemüseschnippeln in den Finger geschnitten. Die Stunden, die ich mit Rami und Lisa verbracht habe, zeigten mir, mit wie viel Zuneigung und Fleiß sogenannte Ausländer für dieses Land einen kulinarischen und sonstigen Mehrwert zubereiten.
Rami hat vor meinen Augen auf dem Mezze-Teller, der als Vorspeise bestellt werden kann, deutschen Rotkohl gut gewürzt und drapiert: Integration ist keine Einbahnstraße. Sein gebackenes Huhn mit mediterranen Orangen schmeckt vorzüglich, und ich verstehe überhaupt nicht, wie dieses Land auf Menschen wie Rami und Lisa verzichten kann. Wie kommen Almans nur darauf, das Orangenhuhn hier nicht zu wollen?
Menschen wie Rami und Lisa sind freundlich, fleißig, tolerant und vor allem geduldig - mit diesem Land und auch mit mir. Lisa hat mir zum Beispiel mit sehr viel Langmut und Freude die Kunst der Kibbeh gezeigt. Für meinen ersten Versuch habe ich stabile 8 von 10 Punkten bekommen. Anders als Migrationspunkte bei Almans zu sammeln, ergibt dieses Bewertungssystem absolut Sinn.
Himmlische Kibbeh
Vegane Kibbeh sind richtig lecker und ganz einfach zuzubereiten. Es braucht eine Füllung und einen simplen Teig. Für das Innenleben folgende Zutaten in einer Schüssel gut vermischen: 50 g grob gehackte Walnusskerne, 250 g abgetropfte Kichererbsen, 50 g Rosinen, eine in dünne Streifen geschnittene und in Olivenöl geröstete Zwiebel, etwas Chili, Salz, Pfeffer, Currypulver, einen Schuss Olivenöl (einfach das nehmen, worin man die Zwiebeln geröstet hat), Zitronensaft und Granatapfelsirup. Die Füllung beiseitelegen.
Für den Teig braucht es nur wenig: ein halbes Kilo Bulgur, 250 g Hartweizengrieß, Salz und peu à peu so viel Wasser, bis die Masse sich wie feuchte Knete formen lässt. Den Teig ein paar Minuten ziehen lassen.
Um die Kibbeh zu füllen, formt man zunächst einen Ball aus dem Teig, der gut in die Hand passt. Man drückt mit dem Finger ein Loch hinein und rotiert so lange, bis eine kleine Teigtasche mit möglichst dünnen Wänden entsteht. Füllung hineinstopfen, oben zuklappen und versiegeln. So lange massieren, bis eine Form entsteht, die an eine Zitrone erinnert.
In diesem Video kann man gut nachvollziehen, wie die Technik funktioniert. Im Anschluss die Kibbeh bis zu fünf Minuten in einem heißen Bad mit neutralem Pflanzenöl frittieren. Jene Kibbeh, die man nicht direkt verzehren möchte, kann man halb frittiert sehr gut für einige Wochen in die Tiefkühltruhe packen und für ein schnelles Abendessen kurz fertig ausbacken. Oder man geht direkt in den Himmel zu Rami und Lisa, wenn man zufällig in Kreuzberg ist.