Andere Kinder fahren ans Meer. Mohamed Bourouissa verbringt seine Ferien in einem deutschen Puff. In den frühen 1980ern arbeitet seine Tante Noubia, die wie er aus Blida in Algerien stammt, in einem Bordell bei Osnabrück. Bereits in den 1950ern ist sie in ihrer Heimat als Sexarbeiterin tätig, dann wandert sie nach Deutschland aus, wo sie heiratet und ein Domina-Studio eröffnet. 2022 stirbt sie und wird in Bielefeld, unweit vom Marta Herford, begraben. Dort widmet ihr Bourouissa jetzt die von Oriane Durand kuratierte Ausstellung "Pour Noubia".
In einem Video, das überlebensgroß im Marta-Dom projiziert wird, erzählt sie posthum ihre Geschichte, die Bourouissa mithilfe von Interviews, Fotoalben und KI rekonstruiert. Aus Fotos generiert, sprechen Tante und Neffe über das von Kolonialismus und Rassismus geprägte Leben, das die wunderschöne Noubia meistern musste.
Der kleine KI-Mohamed hält ihren Pudel im Arm, der schon Jahrzehnte tot ist. In dieser künstlichen Vergangenheit unterhalten sie sich bei Schönheitswettbewerben, Picknicks mit Freiern, im Puff. Die generierten Körper flackern und verformen sich. Das Video ist wie die ganze Ausstellung voller Glitches, die – ähnlich wie die abrupten Schnitte bei Godard – die Erzählung und das Medium Film infrage stellen.
Ein Platz in der Geschichte
Der 47-jährige Pariser Künstler inszenierte 2005 für die Fotoserie "Périphérique" seine arabischen Freunde aus den brennenden Banlieues in der Manier von Historienmalerei, Delacroix und Jeff Wall, um ihnen einen Platz in der Geschichte zu geben. Den gibt er nun auch seiner Tante.
In "Généalogie de la violence" (2024) läuft man durch eine abstrakte Landschaft, die Kindheit und koloniales Schlachtfeld ist. Dann verwandelt sie sich in eine "Blade Runner"-Version von Paris. Ein Junge, der mit seiner Freundin im Auto sitzt, wird grundlos von Polizisten abgetastet. Er öffnet den Mund zum Schrei, der das Tor zu einer inneren Science-Fiction-Welt wird, mit Asteroiden, Gebirgen, zu Stein gewordenen Traumata.
Im letzten Raum läuft ein Interview mit einem ehemaligen Langzeitpatienten der psychiatrischen Klinik in Blida, in der der Philosoph und Arzt Frantz Fanon, Vordenker der Dekolonisierung, 1953 Leiter wurde. Der Greis erzählt im Psychiatriegarten, den er mitgestaltet hat, von Misshandlungen und von seiner Heilung. Plötzlich erkennt man, dass die geometrische Struktur, die alle Räume durchzieht, aus diesem Garten stammt. Ein psychedelisch-politischer Trip, ein Meisterwerk.