Kochkolumne von Mohamed Amjahid

Veggie-Carbonara – schneller als jeder Lieferdienst

Die Veggy-Cabonara mit Zucchini und Enoki-Pilzen
Foto: Mohamed Amjahid

Die Veggie-Cabonara mit Zucchini und Enoki-Pilzen

Lieferdienste sind verlockend auch noch, wenn man genauer hinsieht? Wohl kaum. Unser Kochkolumnist berichtet von prekären Bedingungen der Fahrradlieferanten und liefert selbst eine vegetarische Alternative für den schnellen Hunger

Ich war neulich mit der Monopol-Redaktion Mittag essen. Beim Inder. Es war nicht nur lecker, wir haben auch viel über die neue deutsche Kulturpolitik gelästert, die international mittlerweile für ihre Peinlichkeiten berüchtigt ist. Der Gossip war so spicy, ich kann ihn aus juristischen Gründen hier nicht wiederholen. Nur so viel: Zu einem guten Butter Chicken passt immer ein bisschen Tea.

Mich hat auch eine winzig kleine Szene sehr erfüllt, als ich das Restaurant betreten habe: Ein junger Inder begrüßte mich mit einem herzlichen "Welcome Brother!", und ich wusste direkt, dass ich in guten Händen bin, dass ich vortrefflich essen werde. Viele Inder*innen, aber auch Pakistaner*innen, blicken in mein Gesicht und denken, ich sei einer von ihnen. Sie grüßen mich dann lieb und man kommt schnell ins Gespräch.

Seit einigen Jahren flitzen viele von ihnen durch deutsche Innenstädte und bringen Menschen Essen, Medikamente, Zigaretten oder eine Packung frische Windeln am späten Abend. Für die Lieferdienste Uber Eats, Wolt oder Lieferando arbeiten in einigen Städten mittlerweile vorwiegend junge Menschen aus Indien. Viele von ihnen haben mir erzählt, dass sie eigentlich für das Studium nach Deutschland gekommen sind und sich mit dem Nebenjob etwas dazuverdienen wollen. Auch weil sie an privaten Hochschulen eingeschrieben sind, die bezahlt werden wollen.

Katastrophale Arbeitsbedingungen

Ein Abkommen zwischen der Europäischen Union und der indischen Regierung erleichtert ihnen den Zugang zu deutschen Hochschulen und dem europäischen Arbeitsmarkt. Zur Freude aller gestressten Großstädter*innen, zum Nachteil der Kuriere, die meist auf schnellen Elektrofahrrädern egal ob bei Eiseskälte oder sommerlicher Hitze unterwegs sind. Die Arbeitsbedingungen sind für sie in Deutschland nämlich katastrophal.

Die Skandale häufen sich. Die Kuriere wurden in der Vergangenheit zum Beispiel schon per GPS überwacht. Wer zu lange bei Rot an der Ampel wartete, wird ermahnt, schneller zu fahren. Es fehlt an einigen Stellen an Equipment wie Helmen, oder die Wartung der Elektrofahrräder wird vernachlässigt. Die Kuriere sollen sich selbst darum kümmern. Argumentieren doch viele von diesen heuschreckigen Lieferdiensten, dass sie lediglich die Bestellplattformen und Apps bereitstellen und mit der eigentlichen Dienstleistung also der Auslieferung durch die Kuriere weniger zu tun haben wollen.

Und so berichteten Mitarbeitende über Schikanen durch Subunternehmen, die von den großen Tech-Konzernen mit den Fahrten beauftragt werden, die Fahrer*innen in mafiösen Strukturen zum Schuften zwingen und gleichzeitig verhindern, dass sie zum Beispiel einen Betriebsrat gründen, um ein Minimum an Arbeitsrecht durchzusetzen.

Fett Trinkgeld geben!

Gierige Immobilienbesitzer verlangen von den jungen indischen Arbeitskräften, die oft auch in der Systemgastronomie arbeiten, horrende Mieten in Städten wie Frankfurt, München, Leipzig oder Berlin. Teils teilen sich fünf Menschen ein kleines Zimmer und bezahlen bis zu 500 Euro Miete pro Monat und Bett. Und weil wir hier in Deutschland sind, darf natürlich auch nicht der international berüchtigte deutsche Rassismus fehlen, von dem mir einige Kuriere erzählt haben: Sie sollen schon bespuckt, bedroht, tätlich angegriffen, beleidigt und von Kund*innen erniedrigt worden sein, so als wollten sie der neuen deutschen Kulturpolitik alle Ehre erweisen.

Ja, es würde nicht schaden, wenn man der Menschheit eine Ladung Anstand liefern könnte.

Was soll man als Konsument nun mit diesen Informationen machen? Ich bin hyperprivilegiert: Ich kaufe meine Lebensmittel im stationären Handel oder auf dem Markt ein, hatte bisher immer die Gelegenheit, Medikamente bei Bedarf selbst in der Apotheke zu besorgen, ich rauche nicht und hatte bisher das Glück, kein Kind zu haben und damit auf die nächtliche Packung Windeln verzichten zu können. Wie toll.

Ja, ich bin auch manchmal faul, hatte schon die Liefer-App im Sinn und habe mich dann dagegen entschieden. Ich will, so gut es geht, darauf verzichten, dieses unfaire System aufrechtzuerhalten. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hat schon ein Gesetz angekündigt, das die Kuriere besser vor Ausbeutung schützen soll. Mal schauen, wann die SPD, wenn überhaupt, liefern wird. An alle, die – egal warum – nicht auf den Lieferservice verzichten können oder wollen, habe ich eine Bitte: Fett Trinkgeld geben!

Gar nicht fettig ist diese vegetarische Carbonara, die mit wenigen Zutaten auskommt, die man locker ohne Uber Eats, Wolt oder Lieferando besorgen kann. Jede Spaghetti-Marke funktioniert, die rauen al bronzo Nudeln sind aber ideal für dieses Rezept. Ich habe mich als Speck-Ersatz für Zucchini und Enoki-Pilze aus dem Asia-Supermarkt entschieden. Diese Pilze sind nicht nur günstig, sie zaubern das unwiderstehliche Umami und einen gewissen Biss in dieses Gericht.

Die flotte Veggy-Cabonara, die ganz ohne Lieferdienst auskommt
© Mohamed Amjahid

Die flotte Veggie-Cabonara, die ganz ohne Lieferdienst auskommt

Das Rezept

Eine mittlere Zucchini in kleine Würfel schneiden. Enoki werden normalerweise im kleinen Bund verkauft, das Ende abschneiden und die Pilze einzeln auszupfen oder mit dem Messer trennen. Alles in einer tiefen Pfanne oder einem Wok in etwas Olivenöl scharf anbraten, bis es kross ist. Die Zucchini und Pilze rausfischen.

Für zwei Personen kann man je nach Hunger 200 bis 240 g Pasta kurz vor al dente kochen. Etwas vom Pasta-Wasser aufheben. Die Nudeln in die Pfanne geben und anbraten. Den Herd ausmachen und kurz warten bis alles etwas abgekühlt ist. Eine Minute müsste reichen. Wir wollen nicht, dass das Ei stockt, wenn wir es über die Pasta geben. Ein volles Ei und zwei Eigelb verquirlen und dazu geben. Mit der Restwärme legt sich aus dem Ei und etwas Pasta-Wasser eine cremige Konsistenz über die Spaghetti. Zunächst 4 EL geriebenen Pecorino-Käse dazugeben, dann mit einer Kelle das stärkehaltige Nudelwasser.

Bei Bedarf und langsam mehr vom Wasser hinzufügen bis die typische Carbonara-Sauce entsteht. Mit wenig Salz (der Käse ist schon sehr salzig) und Pfeffer, gerne auch mit dem Abrieb einer Zitrone abschmecken. Die noch warmen Zucchini und Enoki unterheben und schneller als jeder Lieferservice servieren.