Kochkolumne von Mohamed Amjahid

Die Gurke zeigt Zähne

Unser Kochkolumnist hat in den letzten Monaten so dunkle Themen verhandelt, dass jetzt mal was Nettes dran ist: zum Beispiel ein Krokodil aus Gurke, das bei den Testessern nicht ganz so ankam, wie erhofft

Als ehemaliger Magazin-Redakteur und Hobbykoch weiß ich, dass es oft auf eine ausgewogene Mischung ankommt. Im Büro habe ich zum Beispiel regelmäßig vor Redaktionsschluss in die Runde gerufen: "Wir haben in der aktuellen Ausgabe keine Frauen!" Dann schwärmten alle aus und schauten noch schnell nach, ob ein Interview mit einer Schauspielerin, Künstlerin oder Politikerin noch "auf Halde" liegt. Denn zu viele Männer verderben den Brei. 

In einer hoffentlich abwechslungsreichen und bekömmlichen Kochkolumne besteht die Balance darin, einen bunten Mix an Themen zu bedienen. Ich habe gecheckt, was ich in den vergangenen Wochen so alles auf der Agenda stehen hatte. So viel sei gesagt: It’s dark. Von verhungernden Menschen im Krieg über die unmenschliche Politik der Bezahlkarte für Geflüchtete, die natürlich ein Ergebnis von ekelhaftem Nationalismus ist. Ich bin schon einfach ein Kulturpessimist. Und nun ist der November da, grau und hässlich, und ich muss für die Ausgewogenheit mal was Nettes aufschreiben. Richtig nervig.

Hier zumindest ein Versuch: Neulich feierte das Kind von einer meiner besten Freund:innen Geburtstag, und ich war für die essbare Deko eingeteilt. Es gab den elterlichen Wunsch, den kleinen Gästen aus der Kita ein Reptil aus Obst und Gemüse zu präsentieren. Dinosaurier und Co. sind nicht nur in Regierungsvierteln im Kommen. Also machte ich mich an die Arbeit.

Das Maul schön aufreißen

Ein Dino ist es nicht geworden, aber dieses Krokodil zu schnitzen, ist kompliziert genug. Es braucht eine gute Feinmotorik, einen Sinn für Ästhetik und ein scharfes Messer. Für mich ist hier jetzt die Herausforderung, eine schriftliche Anleitung dazu aufzuschreiben: 

Zwei möglichst gerade Salatgurken gut waschen, am besten mit etwas grobem Salz unter fließenden Wasser putzen. Ein Peeling fürs Gemüse. Die eine Gurke vorne quer für ein Krokodil-Maul einschneiden und dann an den Seiten zackige Zähne einritzen. Einen breiten Streifen Möhre mit dem Messer oder einem Sparschäler als Zunge zwischen die Kiefer legen; wenn es circa 3 bis 4 Millimeter dick ist, sorgt es dafür, dass das Maul schön aufgerissen bleibt. Wie bei den Männern (und faschistischen Frauen) in den Regierungsvierteln eben. 

Für die Füße brauchen wir von einer zweiten Gurke die Enden, die man circa 10 Zentimeter abschneidet und halbiert. Links und rechts können die dann als Beinchen auf einem Holzbrett platzieren werden. Vorne können kleine Krallen eingeschnitzt werden, das sieht besonders süß und gefährlich aus. Aus dem Rest der zweiten Gurke habe ich einen zackigen Kroko-Schwanz geschnitzt. Wer das an dieser Stelle nicht selbst hinbekommt, sollte dieses Kunstwerk erst gar nicht in Angriff nehmen. 

Für die Augen zwei Nelken in Mini-Mozzarella stecken und mithilfe von Zahnstochern auf dem Kopf befestigen. Weil die Kinder keinen Käse mögen, habe ich Augen aus Zucker genommen, die gibt es überteuert in der Backabteilung. Ich habe sie auf zwei aufgespießten Oliven befestigt. 

Das hat man davon, auf cute zu machen

Eigentlich gehören auf das Krokodil Käsewürfel, zum Beispiel Gouda oder Cheddar aufgespießt. Aber die Kinder mögen wirklich keinen Käse. Deswegen sind es in Würfel geschnittene Ananas und Trauben geworden, die ich auf Zahnstochern und dann auf dem Krokodil angebracht habe. Kirschtomaten passen auch, aber die mögen die Kinder ebenfalls nicht. Kindern, und besonders Eltern, sollte man nicht unnötig widersprechen. 

Nach getaner Arbeit war ich so aufgeregt, in die funkelnden, großen Äuglein der Kids zu blicken und zu bestaunen, wie sie sich einfach über das süßeste und gesündeste Krokodil freuen, das ich für die magazinige Frauenquote auf den Namen Chompette getauft habe. Aber alle haben sie auf das Gurken-Geschöpf geblickt, kurz gelächelt, auf Anweisung der Eltern mit dem Daumen nach oben gezeigt und sind zum Spielen ins andere Zimmer verschwunden. Das habe ich jetzt davon, wenn ich mal auf cute mache. Generation Alpha auch einfach heftig. In der nächsten Kolumne gibt's endlich wieder schlechte Laune.