Hügelige Wiesen, urige Wälder, idyllische Buchten und die typischen roten Holzhäuschen – die Atmosphäre auf der kleinen norwegischen Insel Jeløya im Oslofjord könnte kaum friedlicher sein. Auf einer Lichtung zwischen hohen, dichtbelaubten Buchen schwingt ein kugelartiges Objekt aus Zweigen, Blättern und Federn hin und her. Geräusche des Waldes erklingen: knarrende Äste, ein Windstoß, surrende Insekten, Meeresrauschen, Stimmengewirr.
Mit ihrer Installation "Talking Trees, A Nature-Responsive Grove" fängt die britische Künstlerin Natasha Barrett den Vielklang und die Bewegungen des Waldes ein, gibt sie über das schwingende Objekt und Lautsprecher verstärkt wieder, als lebendig wirkende Echtzeit-Komposition. Die subtilen, oft kaum wahrnehmbaren Geräuschfetzen fügen sich in die bestehende Klangkulisse ein und irritieren ein wenig. Was genau ist da zu hören, welcher Sound ist "echt", welcher überzeichnet?
Natasha Barretts Arbeit ist Teil der 13. Momentum-Biennale für zeitgenössische Kunst mit dem Titel "Between/Worlds: Resonant Ecologies", die noch bis Mitte Oktober im südnorwegischen Moss zu erleben ist. Als "ultralokale Erfahrung und transformative Auseinandersetzung mit den resonanten Verbindungen zwischen Kunst, Klang und Ökologie" beschreibt Kurator Morten Søndergaard die gezeigte Kunst.
Werke in alten Scheunen und auf Feldern
40 zum Teil ortsspezifische Installationen, Skulpturen, Soundwalks und Performances von internationalen Künstlerinnen und Künstlern erstrecken sich auf fünf Bereiche: die kleine Stadt Moss, die Wälder von Alby, die Küstenlinie des Oslofjords, die Wiesenlandschaft der Vulkaninsel Jeløya und das historische Gebäude der Galleri F 15, das Zentrum des Geschehens. Es ist ein aufmerksamer Erkundungsgeist gefragt, um die Kunstwerke zu entdecken, die sich draußen auf dem riesigen Gebiet in alten Scheunen, zwischen Baumgruppen oder auf Feldern verteilen.
Zu den eindrucksvollsten Erfahrungen in den Räumen der Galerie gehört Christian Boltanskis Videoarbeit "Misterios", die auf drei riesigen Screens die Küste Patagoniens zeigt. Ein Kanal gibt die vom Wind erzeugten Klänge dreier Trompeten-artiger Kupferinstrumente wieder, die an Walgesänge erinnern. Zwei weitere Bildschirme zeigen den menschenleeren Strand und das Meer, von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang als meditatives Setting. Mit genug Geduld erhascht man in dem 12-stündigen Loop einen zufällig von der Kamera eingefangenen Blick auf Wale oder Robben im Wasser.
Spannend ist auch Christian Skjødt Hasselstrøms zentral auf dem Café-Rasen platzierte Installation "μ". Sie macht die eigentlich für Menschen nicht wahrnehmbare, aber permanent anwesende kosmische Strahlung hörbar. Die hochenergetischen Teilchen aus dem Weltraum werden mithilfe von 120 rasterförmig angeordneten Halbkugeln aus Messing, Szintillations-Detektoren und Audioverstärkern zu einem angenehm prasselnden Knacken, das an Popcorn im Topf erinnert. Hasselstrøm sagt, nur weil etwas nicht wahrnehmbar sei, heiße das nicht, dass es nicht da sei. Ihn fasziniert der Bereich des für Menschen nicht Erfahrbaren, der jedoch einen wesentlichen Teil unserer Beziehung zur Welt ausmacht.
Guten Tag, hier spricht der schmelzende Gletscher
Die Biennale lebt davon, erkundet zu werden. So ist in einer Telefonzelle Kalle Aldis Laars Arbeit "Calling the Glacier" versteckt. Diese macht mithilfe eines vor Ort installierten Mikrofons das schnelle Schmelzen eines Alpengletschers hörbar. In der Leitung erlebt man das fließende Wasser und das Knacken des Eises.
Stephanie Loveless' Werk "Spisslønn" beschäftigt sich, leise, aber eindrücklich mit dem Spitzahorn: einer in Europa heimischen, aber in New York als invasiv bezeichneten Baumspezies. Dabei klingen auch Themen wie die koloniale Geschichte und der Einfluss kapitalistischer Kräfte an.
Der schwedische Künstler Carl Michael von Hausswolff landet dagegen beim Übernatürlichen. Er lockt in einem der Galerieräume mit seiner audiovisuellen Installation "The Lady in Yellow: Look At Me ... You’re Gone" mehr oder weniger glaubwürdig den Geist der "Gelben Lady" hervor, die 1790-1805 dort gelebt haben soll.
Über die Oberfläche hinaus hören
Kurator Morten Søndergaard, der das Gesamtprojekt gemeinsam mit Lise Pennington, der Direktorin der Galleri F 15 und von Momentum, verantwortet, fasst die Biennale so zusammen: "Die Künstlerinnen und Künstler sind Klangforscherinnen, die jene Schwingungen aufdecken, die unsere öffentlichen Räume prägen. Ihre Werke untersuchen die transformative Kraft des Klangs und laden uns ein, über die Oberfläche hinaus zu hören und die miteinander verknüpften Ökologien von Sound, Technologie und Umwelt zu entdecken."
Wer eine kleine Auszeit von den Krisen unserer Zeit sucht und sich für das Leise, Übersehene, Unerhörte begeistert, kann auf der Momentum-Biennale zum Teil bewegende Resonanzerfahrungen machen. Und von Soundart umgeben, lässt sich auf der Insel Jeløya eine weitestgehend unbeschwerte Zeit erleben.